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15.08.2019 / Allgemein

„Tribünen sind ein Schnitt durch die Gesellschaft“

Seit 2015 ist Alexander Arnold Anti-Homophobie-Beauftragter bei den Lilien und Teil der Fan- und Förderabteilung. Anlässlich des Christopher Street Days in Darmstadt am 17. August sprach sv98.de mit Arnold über Homophobie in Stadien und der Gesellschaft, über Rollenbilder und die Wichtigkeit des CSD sowie öffentlicher Unterstützung generell.

sv98.de: Hallo Alexander, wie bist du zur Fan- und Förderabteilung (FuFa) und zu deinem Amt als Anti-Homophobie-Beauftragter gekommen?
Alexander Arnold: Tatsächlich ist die FuFa auf mich zugekommen. Ein paar Leute kannte ich schon, denn ich gehe seit mehr als zwanzig Jahren regelmäßig hier ins Stadion. Die Position war offen und da ich auch erster Vorsitzender vom "vielbunt e.V. Darmstadt" bin, hat mich die FuFa gefragt, ob ich das Amt übernehmen möchte.
sv98.de: Was war deine Motivation, dieses Amt zu übernehmen?
Arnold: Im Ehrenamt zu arbeiten, das habe ich schon immer gemacht – gerade bei Themen, die mir besonders am Herzen liegen. Für mich war es einfach wichtig, hier in Darmtadt für Sichtbarkeit zu sorgen, Gesicht und Ansprechpartner zu sein. Das war meine Motivation.
sv98.de: Wie siehst du die Entwicklung der Anti-Homophobie-Bewegung in Darmstadt in den letzten Jahren?
Arnold: Ich kann mich zu Darmstadt nur positiv äußern. Ich finde es ist ein gutes Zeichen, dass die Bewegung aus der Fanszene selbst kam. Es ist auch für mich sehr angenehm zu wissen, dass ich die FuFa im Rücken habe. Es sind bereits verschiedene Sachen gelaufen, die FuFa ist ja beispielsweise auch Mitglied bei "Fußballfans gegen Homophobie". Wir hatten vor drei Jahren hier die Regenbogenflaggen vor dem Stadion hängen und dabei auch eine Aktion durchgeführt in Kooperation mit dem FC St. Pauli. Das ist sehr positiv. Allerdings berichteten mir zum Beispiel Freunde, die im Rahmen dieser damaligen Aktion mit Regenbogenflaggen ins Stadion gekommen sind, dass es nicht immer gut angekommen sei. Das zeigt, dass Homophobie nach wie vor ein Thema auf den Rängen im Stadion ist. Ob das jetzt die Bezeichnung eines "schwulen" Abspiels ist oder einen Spieler betrifft, der sich wie ein Mädchen bewegen würde – da ist die Grenze zum Sexismus fließend. Ich persönlich kann sagen, dass ich selbst im Stadion noch keine negativen Erfahrungen gemacht habe und Situationen wie die eben erwähnten an einer Hand abzählen kann. Ich bin immer mit guten Freunden im Stadion und wir weisen die Leuten bei solchen Vorfällen immer sofort darauf hin.
sv98.de: Ist die Akzeptanz größer geworden? Welche Rückmeldungen bekommt ihr von den Fans?
Arnold: Generell muss ich sagen, dass ich mich sehr wohl im Stadion fühle. Wenn ich bei Aktionen der FuFa bin, erlebe ich nie irgendwas Negatives. Ich glaube zudem, dass der aktive Teil der Fanszene geschlossen gegen Homophobie ist. Wenn dann aber mal ein FuFa-Bericht online geht, der sich mit diesem Thema befasst, dann sieht man schon, dass es in den Kommentarspalten hin und wieder noch Leute gibt, die sich aus welchen Gründen auch immer angegriffen fühlen.
sv98.de: Wie siehst du generell den deutschen Fußball in Bezug auf dieses Thema? Gab es einen Wandel in den letzten Jahren?
Arnold: Tribünen sind ein Schnitt durch die Gesellschaft. Deshalb spielt der Fußball auch so eine große Rolle, weil sich einfach sehr viele Menschen dafür interessieren. Es gibt viele Menschen, die sind im Jahr 2019 angekommen – für die gehört Homosexualität genauso zu einer offenen Gesellschaft wie alles andere auch. Dann gibt es aber natürlich auch manche Menschen, die das noch anders sehen. Ich bin der Meinung, dass im deutschen Fußball noch mehr gegen Diskriminierung jeder Art passieren könnte. Egal ob Rassismus, Sexismus oder Homophobie, es geht immer um die Herabwürdigung eines Menschen. Wenn Leute meinen, das habe mit Fußball nichts zu tun, dem ist entgegen zu halten, dass Fußball ein menschgemachter Sport ist. Und Menschen sind nun mal vielfältig und unterschiedlich, deswegen gehört auch zum Beispiel Homosexualität zum Fußball.
sv98.de: Der damalige Nationalspieler und heutige Stuttgarter Sport-Vorstand Thomas Hitzlsperger outete sich vor ein paar Jahren als homosexuell. Wie wichtig ist es, dass sich solche Persönlichkeiten, die im Rampenlicht stehen, öffentlich outen?
Arnold: Ich persönlich finde es total wichtig, dass es solche Menschen und Vorbilder gibt. Denn sie fungieren als Rollenmodelle für Jungs und Mädchen, die Fußball spielen und feststellen, dass sie homosexuell sind. Von daher kann man es gar nicht hoch genug bewerten, wie wichtig Sichtbarkeit und Rollenmodelle sind.
sv98.de: Warum ist es vor allem im Sport bzw. Fußball immer noch so eine große Hürde für Spieler und Funktionäre, ihre Sexualität in die Öffentlichkeit zu tragen? Und was muss sich verändern, dass auch im Fußball mehr Menschen offen mit ihrer Sexualität umgehen können?
Arnold: Ich glaube: So lange wie wir es noch nicht geschafft haben, Diskriminierung im Allgemeinen vollständig aus dem Sport rauszuhalten und solange Menschen noch denken, ihre Sexualität könnte als Schwäche ausgelegt werden, wird es eine Hürde bleiben. Es ist ja kein reines Sportproblem: Nach einer Untersuchung der Bundesregierung outet sich ein Drittel aller homosexuellen Menschen nicht am Arbeitsplatz. Im Sport outen sich wahrscheinlich noch ein paar weniger Menschen als in anderen Bereichen. Ich glaube, es fehlt einfach noch an den Modellen, die in der Gesellschaft akzeptiert sind. Denn man fängt zum Beispiel mit fünf Jahren mit dem Fußballspielen an und durchläuft dann die ganze Laufbahn, wo einem noch zu oft eingetrichtert wird: "Männersport" und "echte Männer". Homosexualität kommt darin nicht vor, aber Heterosexualität durchaus, denn in der Kabine reden die Jungs dann oft über ihre Erfahrungen mit Frauen. Über Homosexualität wird aber nur in den seltensten Fällen gesprochen.
sv98.de: Wo setzt ihr dort konkret mit der FuFa an? Welche Maßnahmen und Aktionen unternehmt ihr, um die Fans aufzuklären? Oder um einen offeneren Umgang mit Homosexualität zu schaffen?
Arnold: Es ist schon viel passiert. In diesem Jahr zum Beispiel hat unser Sportverein Darmstadt 98 die Berliner Erklärung unterzeichnet, die sich klar gegen Homophobie im Sport ausspricht. Wir werden das Thema natürlich weiter hoch halten und mit einbringen. Als FuFa sehen wir unsere Aufgabe darin, Diskriminierung in der Gesamtheit anzugehen. Da ist Homophobie ein Baustein genauso wie zum Beispiel Sexismus. Diese Themen werden wir weiterverfolgen.
sv98.de: Inwiefern hilft die CSD-Aktionswoche dabei, das Thema in den Vordergrund zu stellen? Und helfen solche Aktionswochen, ein Bewusstsein zu schaffen?
Arnold: Ich bin ja nicht nur bei den Lilien aktiv, sondern nebenbei auch noch der 1. Vorsitzende von "vielbunt", dem Verein, der den CSD und die Aktionswoche organisiert. Für mich ist es daher ein Dauerthema. Der CSD ist natürlich das größte Event, das es in der Form hier in Darmstadt gibt und schafft natürlich nochmal eine ganz andere Form von Öffentlichkeit. Das zeigt der Gesellschaft: "Wir sind hier und wir sind ein Teil und präsentieren unsere Anliegen." Das gibt vielen die Chance, hinzugehen und Teil einer Community zu sein. Es hilft Menschen ungemein, das Gefühl zu geben, dass sie nicht alleine sind. Deswegen ist es wichtig, den CSD so prominent und so groß anzugehen.
sv98.de: Wo können sich interessierte Zuschauer und Fans informieren oder melden? Gibt es die Möglichkeit für Fans, sich aktiv im Bereich der Anti-Homophobie zu engagieren?
Arnold: Interessierte Fans sollten in jedem Falle zur FuFa gehen und fragen, wie man sich einbringen kann und eigene Ideen mitbringen. Ansonsten kann ich alle Stadionbesucher und Stadionbesucherinnen dazu ermutigen, die Leute darauf anzusprechen, wenn in ihrem Block oder in der Nähe homophobe, rassistische oder sexistische Ausdrücke fallen. Es steht in der Vereinssatzung klar geschrieben, dass sich Darmstadt 98 gegen Diskriminierung stellt. Dieses Argument kann man immer zu Wort bringen. Solche Vorfälle sollte man dann auch melden und es nicht damit abtun nach dem Motto "Der meint es ja nicht so". Es ist einfach wichtig, sich dem entgegen zu stellen.

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