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02.01.2019 / Allgemein

„Unwägbarkeiten prägen das Leben“

Für das Gespräch mit Tim Rieder haben wir uns an der Elisabethenkirche verabredet, um dort und im angrenzenden Prinz-Georg-Garten den Neuzugang etwas genauer kennenzulernen. Mit uns sprach der 25-Jährige über seinen Glauben, gemeinsame Gebete mit David Alaba und natürlich auch über seine Karriere.

Lilienkurier: Tim, wir besuchen heute die Elisabethenkirche und den angrenzen Prinz-Georg-Garten. Bist du schon hier gewesen?
Tim Rieder: Nein, in dieser Ecke bin ich noch nicht gewesen, obwohl ich nicht weit entfernt wohne. Aber die Kirche gefällt mir sehr gut und die Parkanlage hat mich auch sehr positiv überrascht. Ich werde sicherlich wiederkommen.
Lilienkurier: Du bist regelmäßiger Kirchgänger?
Tim Rieder: Ja, wobei ich normalerweise eher die Gottesdienste der Freikirche besuche. Diese sind ebenfalls katholisch geprägt, finden aber eher in Gemeindehäusern statt und sind etwas moderner gestaltet. Dort wird viel gesungen, gemeinsam aus der Bibel gelesen und die Gemeinde mehr einbezogen. Das gefällt mir sehr gut, aber natürlich besuche ich teilweise auch den klassischen Gottesdienst.
Lilienkurier: Hast du auch schon in Darmstadt einen Gottesdienst besucht?
Tim Rieder: Ich bin bislang nur in Frankfurt gewesen, aber wurde mittlerweile schon in den sozialen Netzwerken angeschrieben und auch zu Gottesdiensten in Darmstadt eingeladen. Das werde ich sicherlich auch wahrnehmen.
Lilienkurier: Hast du auch außerhalb des Gottesdienstes bestimmte Abläufe, die zu deinem Glauben gehören?
Tim Rieder: Ich bete jeden Tag, bevor ich schlafen gehe und danke Gott auch vor jedem Essen. Ich lese auch regelmäßig in der Bibel.
Lilienkurier: Gibt es einen Psalm oder Vers, der dir besonders gefällt?
Tim Rieder: Eigentlich ist es der letzte Psalm, dass alle Lebewesen und Menschen auf der Welt Gott dankbar sein sollen.
Lilienkurier: Oftmals führt religiöse Erziehung zu einem festen Glauben. Du hast den Weg zu Gott erst spät gefunden…
Tim Rieder: Genau. Mit 18 oder 19 Jahren habe ich regelmäßig einen Hauskreis besucht, der über den FC Bayern organisiert wurde. Wir haben uns als größere Spielergruppe immer bei einem Spieler zuhause getroffen und dort war dann auch ein Pastor anwesend, der uns aus der Bibel vorgelesen hat oder uns die Inhalte nähergebracht hat. Wir haben zusammen gesungen, gebetet und auch gemeinsam gegessen.
Lilienkurier: Und die Gruppe war eine bunte Mischung aus Jugendspielern und Profis?
Tim Rieder: Genau, auch Spieler wie David Alaba oder Rafinha haben regelmäßig daran teilgenommen. Jeder konnte seine Freunde mitbringen, umso größer die Gruppe gewesen ist, desto schöner war das gemeinsame Erlebnis.
Lilienkurier: Du bist zu dieser Zeit selbst aber kein Spieler vom FC Bayern mehr gewesen.
Tim Rieder: Stimmt, damals habe ich bereits in Augsburg gespielt. Die Initiative ging damals vom FC Bayern aus, aber jeder ist willkommen gewesen. Das Ganze hat sich dann auch sehr positiv entwickelt, sodass der Pastor das Konzept auf andere Vereine ausgeweitet hat. In Wolfsburg, Nürnberg, Regensburg und dann auch in Augsburg haben sich die jeweiligen Spieler der Mannschaften quasi wöchentlich getroffen.
Lilienkurier: Wie hilft dir dein Glaube im Alltag?
Tim Rieder: Extrem. Er hilft mir auch dabei, vor einem Spiel runterzukommen und Nervosität abzulegen, weil ich mich auf Gott verlassen kann. Er ist in jeder Situation da, in guten Zeiten und auch in schlechten.
Lilienkurier: Einige Glaubenssymbole hast du auch unter deiner Haut verewigt. Neben deiner Familie und auch dem Fußball. Sind das die drei Dinge, aus denen du die größte Kraft ziehst?
Tim Rieder: Das sind definitiv die wichtigsten Dinge und Eckpfeiler in meinem Leben. Und deswegen auch für immer verewigt.
Lilienkurier: Zum Glauben hast du erst als Erwachsener gefunden, der Fußball hingegen hat quasi von Beginn an dein Leben bestimmt. Wie ist es, mit 6 Jahren und beim FC Bayern und damit auf dem höchsten Level einzusteigen?
Tim Rieder: Ich habe, bis ich 14, war eigentlich überhaupt nicht realisiert, wo ich überhaupt spiele. Für mich war es normal, weil ich es von Beginn so kannte. Erst als ich Bayern verlassen musste und nach Augsburg gegangen bin, habe ich richtig realisiert, was vorher für mich normal gewesen ist. Bei Bayern waren die Plätze immer perfekt, es gab immer die neuesten Schuhe, ich hatte schon mit 11 Jahren Turniere in Frankreich, zu denen wir geflogen sind und wo uns sehr gute Hotels bezahlt wurden. Aber all das ist mir erst im Nachhinein bewusst geworden.
Lilienkurier: Aber bekommt man als Jugendspieler bei den Bayern nicht irgendwann das Gefühl, dass es irgendwie schon dafür reichen wird, Profi zu werden? Wenn nicht beim FCB, dann eben bei einem anderen Verein?
Tim Rieder: Bei Bayern herrscht schon mit 6 oder 7 Jahren großer Konkurrenzkampf, was mir ebenfalls erst mit der Zeit bewusst geworden ist. Aber irgendwann waren ich und ein Mitspieler die letzten „Überlebenden“, die schon im ganz jungen Alter dort gespielt haben. Man musste jedes Jahr um seinen Platz bangen und es war eher jedem bewusst, wie schwer es werde würde, es bei Bayern nach oben zu schaffen. Da hat jeder nur von Jahr zu Jahr geschaut und niemand hat gesagt, wenn ich hier gehen muss, dann klappt es sowieso bei einem anderen Verein.
Lilienkurier: War es nicht ein komisches Gefühl, wenn es mit den Jahren immer weniger Mitspieler gibt, die du schon über einen längeren Zeitraum kanntest?
Tim Rieder: Es war ja nicht so, dass sich die Mannschaft innerhalb einer Saison komplett erneuert hat, das ist über die Jahre passiert. Aber natürlich war es komisch, wenn gute Freunde nach fünf Jahren plötzlich weg gewesen sind. Sicherlich ist die Fluktuation bei Bayern noch extremer, da musste auch jeder nach sich selbst gucken und die eigene Karriere vorantreiben.
Lilienkurier: Haben dich die Beispiele der vielen Mitspieler auch darauf vorbereitet, dass es dich irgendwann selbst treffen könnte?
Tim Rieder: Theoretisch ja, speziell mit 16 oder 17, als verschiedene Spieler aus dem Ausland verpflichtet wurden und es wirklich richtig losgegangen ist. Dann kamen Spieler wie Alaba und jeder hat gemerkt, dass Bayern einen gewissen Umbruch einleitet und bereits in jungen Jahren große Talente verpflichtet.
Lilienkurier: Dein Ende bei den Bayern ist dann aber doch ziemlich bitter gewesen…
Tim Rieder: Ich habe in der U17 noch die komplette Hinrunde gespielt, bevor ich mir im Winter bei einem Hallenturnier den Knöchel gebrochen und das Syndesmoseband angerissen habe. Das wurde allerdings nicht direkt festgestellt und ich habe noch einen Monat mit Schmerzen weitergespielt. Erst dann habe ich einen Termin bei Dr. Müller-Wohlfarth bekommen, der den Fuß sofort eingegipst hat. Mit diesem Gips habe ich dann aber quasi auch gesagt bekommen, dass ich den Verein verlassen muss. Insgesamt war ich ein Jahr verletzt und es war doppelt schwer, weil ich dadurch auch bei keinem anderen Verein vorspielen konnte. Da bin ich Augsburg sehr dankbar, dass sie mich aufgenommen haben und ich dort auch meine Reha absolvieren konnte.
Lilienkurier: Dein Abgang dürfte dir früh die Schnelllebigkeit des Geschäftes vor Augen geführt haben…
Tim Rieder: Meine 10 Jahre bei den Bayern haben nach der Verletzung quasi überhaupt nicht gezählt. Da hätte ich mir vielleicht ein bisschen mehr Dankbarkeit und Vertrauen gewünscht. Aber der FC Bayern gehört eben zu den besten und ambitioniertesten Vereinen der Welt – da geht es schnell.
Lilienkurier: Aber du hast auch gemerkt, dass ich sich immer eine neue Chance auftut. Auf 10 Jahren bei den Bayern folgten mehr als fünf in Augsburg. Bist du jemand, dem Vereinstreue wichtig ist?
Tim Rieder: Ich bin schon jemand, der gerne länger dort bleibt, wo ich mich wohlfühle. Über die Jahre lernt man einen Verein und die Personen viel besser kennen. Ich bin kein Fan davon, jedes Jahr das Team zu wechseln, aber manchmal ist es unumgänglich, wenn man Spielpraxis sammeln möchte. Das ist bei mir jetzt seit vergangenem Winter auch so gewesen, mit dem Schritt nach Polen und nun nach Darmstadt.
Lilienkurier: Sowohl bei den Bayern als auch in Augsburg bist du immer sehr nah bei deiner Familie in Dachau gewesen. Auf der einen Seite ist das sicherlich angenehm, hemmt es aber auch ein wenig die eigene Selbstständigkeit?
Tim Rieder: Das war ein Hauptgrund, warum ich Augsburg im vergangenen Winter verlassen habe. Ich wollte auf eigenen Beinen stehen, die Komfortzone und Hotel Mama verlassen. Da ist es mir auch gelegen gekommen, dass ich so richtig in das kalte Wasser geschmissen wurde. Fremdsprache, anderes Land, andere Kultur, das hat mir gut getan.
Lilienkurier: Trotzdem hätte der Schritt auch sanfter ausfallen können. Mit Polen hast du direkt das volle Programm gewählt. Hast du zumindest länger darüber nachgedacht?
Tim Rieder: (lacht) Es ging tatsächlich relativ schnell im Winter. Ich war im Urlaub, als ich den Anruf von meinem Berater bekommen habe. Zunächst war ich etwas abgeschreckt. Ich wusste nicht viel über die polnische Liga oder das dortige Niveau. Aber ich habe mich dann damit befasst und fand das Gesamtkonzept super. Zum einen die Möglichkeit, Spielpraxis zu sammeln und zum anderen eben die eigene Persönlichkeitsentwicklung.
Hast du dich vor dem Schritt mit anderen Personen ausgetauscht?
Tim Rieder: Mein Berater hat polnische Wurzeln, darüber ist auch der Kontakt entstanden. Er hat mir auch von der Stadt Breslau vorgeschwärmt und ich habe mir alles angeschaut und es hat wirklich gepasst. Aber natürlich habe ich auch alles mit meinen Eltern besprochen und meine Mutter ist auch ein wenig skeptisch gewesen. Schlussendlich ist dann alles wirklich gut gelaufen.
Lilienkurier: Deine Eltern waren schon immer ein wichtiger Faktor in deiner Karriere, deine Mutter hat dich beispielsweise zu Jugendzeiten immer in München vom Training abgeholt…
Tim Rieder: Ich bin jeden Tag dankbar, dass mir meine Eltern so vieles ermöglicht haben. Ohne sie wäre ich wahrscheinlich schon mit 10 oder 11 ins Internat gezogen.
Lilienkurier: Rein sportlich lief es in Polen zunächst nicht optimal. Du warst zwar Stammspieler, aber die Ergebnisse waren zu Beginn sehr negativ. Hast du dich nach ein paar Wochen gefragt, ob die Ausleihe wirklich der richtige Schritt gewesen ist?
Tim Rieder: Es ist sehr viel auf mich eingeprasselt. Die Landessprache habe ich nicht verstanden und der Trainer war ein Spanier, der auch kein Englisch sprechen konnte. Für mich war alles neu, ich habe nah am Trainingsgelände gewohnt und zu Beginn viel zu Hause rumgehockt. Sportlich lief es schlecht, die Fans wurden unruhig, das war schwierig, aber auch dabei hat mir wieder mein Glaube geholfen. Und dann kam ein neuer Trainer, wir haben uns aus der unteren Tabellenregion befreit und ich habe mich auch in der Stadt immer mehr wohlgefühlt. Rückblickend wurde es dann eine super Zeit, die ich auf keinen Fall missen möchte.
Lilienkurier: Es gibt den berühmten Satz „Die Wege des Herrn sind unergründlich.“ Hast du auch daran ein wenig gedacht?
Tim Rieder: Genau. Ich habe ein Tattoo mit dem Satz „Der Weg ist das Ziel“, weil eben nicht alles so kommt, wie man es vielleicht plant oder gerne hätte. Unwägbarkeiten prägen das Leben. Das Wichtigste ist, den Glauben nicht zu verlieren, dann wird man irgendwann ans Ziel kommen.
Lilienkurier: Ein großes Ziel hast du bereits erreicht. Am 15. Oktober 2016 hast du dein Bundesliga-Debüt gefeiert. Wie war es, erstmals im Oberhaus auf dem Platz zu stehen?
Tim Rieder: Sehr kurz, es waren ja nur 45 Sekunden (lacht). Aber diese 45 Sekunden waren unbeschreiblich, nach Abpfiff sind mir dann auch ein wenig die Tränen gekommen. Meine Eltern waren auch im Stadion und mein Vater hatte ebenfalls Tränen in den Augen. Zunächst war es unreal, plötzlich stand ich gegen Schalke auf dem Platz, die ich vorher immer nur im Fernsehen gesehen hatte. Darauf hatte ich seit 14, 15 Jahren hingearbeitet und ich war einfach dankbar dafür, diese Chance zu erhalten.
Lilienkurier: Sind das die Momente, in denen du gemerkt hast, dass es sich in der Jugend gelohnt hat, auf vieles zu verzichten? Nicht nur dein Bundesligadebüt, sondern beispielsweise auch das Spiel mit Augsburg in der Europa League beim FC Liverpool?
Tim Rieder: Ja, aber oftmals dauert das eine ganze Weile. Das Spiel an der Anfield Road habe ich erst nach einem halben Jahr realisiert. Da sitzt du vor dem TV, guckst Champions League und merkst, dass du selbst dort schon als Spieler gewesen bist und diese Atmosphäre vor Ort erlebt hast. Da wird dir bewusst, dass sich die Entbehrungen der Jugend gelohnt haben.
Vor der Saison hast du dich trotz positiver Erfahrungen in Polen für eine Rückkehr nach Deutschland entschieden. Weil du auch hier deinen Weg gehen möchtest?
Tim Rieder: Genau, der deutsche Fußball ist schon noch einmal etwas anderes. Polen war eine schöne Erfahrung, aber ich möchte es mir auch in Deutschland beweisen. Es ist ein Traum, in dem Land zu spielen, in dem ich aufgewachsen bin.
Lilienkurier: Den nächsten Abschnitt gehst du nun bei den Lilien. Mittlerweile steht auch das erste Spiel über 90 Minuten in deiner Bilanz. Würdest du sagen, dass du angekommen bist?
Tim Rieder: Für mich hat die Saison bislang einen sehr positiven Verlauf genommen. Ich hatte schnell meine Einsatzzeiten und jetzt auch mein Startelfdebüt. Da möchte ich nun weiter ansetzen, im Training Gas geben und dem Trainer zeigen, dass er mich zu jeder Zeit bringen kann.

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