FAQs zum verlegten Testspiel gegen San Antonio
Der SV 98 beantwortet die wichtigsten Fragen zum verschobenen Testspiel der Lilien beim Kooperationspartner San Antonio FC.
20 Minuten waren seit dem Schlusspfiff vergangen, als Serdar Dursun wirklich realisierte, was gerade passiert war. Vier Treffer hatte der 29-Jährige an diesem Nachmittag erzielt, sein Saisontore-Konto damit auf 25 geschraubt. Und das in seinem letzten Heimspiel mit der Lilie auf der Brust. Nun brauchte Dursun etwas Zeit für sich. Alleine schritt die Nummer 19 gedankenverloren über den Rasen im Merck-Stadion am Böllenfalltor. Blickte auf die leeren Tribünen, die provisorische Anzeigetafel, den blauen Himmel. Seine Tränen konnte und wollte der Torjäger zu diesem Zeitpunkt schon nicht mehr bekämpfen, er ließ sie einfach fließen. Als Zeichen seiner Emotionen.
Wer meint, Dursun zu kennen, den dürfte dieser Gefühlsausbruch überrascht haben. Wer ihn wirklich kennt, der konnte vielleicht sogar damit rechnen. Denn der gebürtige Hamburger ist jemand, der Emotionen lebt. Sichtbar und laut, wie beim oftmals ausgelassenen Jubel nach seinen Toren, aber manchmal auch leise und im Stillen wie im Anschluss an das Heidenheim-Spiel. „Es ist Wahnsinn, was hier passiert“, murmelte der hochgewachsene Angreifer immer wieder, bevor er sich langsam auf den Weg in Richtung Kabine machte und nahezu mantramäßig wiederholte: „Wer hart arbeitet, der wird wirklich belohnt.“
57 Tore, 21 Vorlagen
Der Lohn harter Arbeit. Es ist die perfekte Überschrift für die drei Jahre Dursuns in Darmstadt. Am 5. August 2018 bestritt er sein erstes Spiel für die Lilien. Gegner am Böllenfalltor war damals der SC Paderborn. Dursun erzielte den Siegtreffer. Gerade einmal vier Tage nach seiner Verpflichtung. Seither sind 56 Pflichtspieltreffer hinzugekommen, dazu 21 Torvorlagen. Für diese Zahlen hat Dursun viel investiert. Nach nahezu jedem Training feilt er in Extraschichten an seinem Torabschluss, im Kraftraum ist er Dauergast, dazu kommt stundenlanges Videostudium der Gegner und seiner eigenen Szenen. Als „besessen“ bezeichnet sich der Torjäger selbst. Von Toren, von Erfolgen, davon, besser zu werden. Diese Einstellung gepaart mit ausgeprägtem Selbstvertrauen verzerrt häufig das Bild, das Dursun an die breite Öffentlichkeit abgibt. „Ich bekomme oft die Rückmeldung, dass ich auf dem Feld arrogant wirke“, erklärte Dursun in einem Lilienkurier-Interview in dieser Saison, bevor er ergänzte: „Man muss mich nicht mögen, aber man darf mich gerne kennenlernen und sich selbst ein Bild machen.“
Es ist wohl auch seine Außenwirkung, die lange dafür sorgte, dass der Türke in Darmstadt immer respektiert wurde, aber nicht den Status eines Publikumslieblings erreichte. „Vielleicht ist es mein Zopf, vielleicht sind es meine Tricks“, sagt Dursun lachend, wenn er darauf angesprochen wird. Er weiß, dass er polarisiert, will auch gar nicht Everybody’s Darling sein. Und trotzdem ist auch hier eine Entwicklung zu sehen. Die Tränen nach Abpfiff zeigten: Dursun trägt die Lilie im Herzen. Umgekehrt verdeutlichen die Sprechchöre der Fans am Stadion und die unzähligen Kommentare in den sozialen Medien: Auch die Anhänger haben Serdar längst ins Herz geschlossen.
Mit Abstand und Maske hatten sich einige Lilien-Supporter nach dem letzten Heimspiel der Saison vor dem Stadion versammelt, um sich von ihrer Mannschaft zu verabschieden. Der letzte Spieler, der auf dem Weg zur Kabine an ihnen vorbeikam, war Serdar Dursun. Als die Fans seinen Namen anstimmten, da flossen erneut die Tränen. Es war die nächste Form der Belohnung für den Angreifer. Die lautstarke Anerkennung seiner Leistung.
Vor der Krönung?
Nahezu wöchentlich belohnt haben ihn in dieser Saison seine Mitspieler. Mit Flanken, wie der von Fabian Holland am Sonntag oder mit Querpässen, wie dem von Marvin Mehlem vor dem 4:1: „Ich muss mich bei allen bedanken, sie haben mich dieses Jahr sehr gut in Szene gesetzt.“
Und Dursun hat seine Chancen genutzt. 25 Saisontore lassen ihn vor dem abschließenden Ligaspiel auf dem ersten Platz der Torjägerliste thronen. Der Titel des Torschützenkönigs, er wäre schon wieder eine Belohnung. Der Lohn des wohl lukrativsten Vertrages seiner Profi-Karriere steht sowieso vor der Tür. In Darmstadt wird er ihn nicht unterschreiben. Das tut allen weh, die es mit dem SV 98 halten. Das schmerzt auch Dursun selbst. Verständlich ist es trotzdem. „Ich bin ein Spätstarter“, sagt der Torjäger selbst beim Blick auf seine Karriere. Die bislang besten Jahre erlebte er in Darmstadt. Nun folgt ein neues Kapitel. Sauer ist deswegen niemand am Böllenfalltor. „Es ist schwer und gleichzeitig sehr schön für ihn“, fasste Kapitän Holland am Sonntag hinsichtlich seines Mitspielers zusammen, bevor er stellvertretend für alle Lilien ergänzte: „Wohin der Weg nun auch geht, wir freuen uns für ihn.“
„Stolz, in die Lilien-Familie aufgenommen worden zu sein“
Sicherlich wäre es noch schöner gewesen, wenn Dursun diesen Tag mit Fans hätte feiern können. Doch das will er nachholen: „Ich bin stolz und unendlich dankbar, in die Lilien-Familie aufgenommen worden zu sein. Ich hoffe, die Fans kommen im nächsten Jahr wieder zurück ins Stadion und ich kann mich noch einmal bei ihnen verabschieden.“
Es ist nicht unwahrscheinlich, dass dann noch einmal Tränen fließen könnten. Dursun hat in drei Jahren alles für den Verein gegeben. Und ist belohnt worden. In Kiel wird er letztmals für die Lilien spielen. Um dann hoffentlich als Torschützenkönig weiterzuziehen. Verdient hätte er es.