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11.11.2019 / Allgemein

Verrückt

"Das war Wahnsinn", erklärte Serdar Dursun in der Mixed-Zone, Fabian Holland konnte sich auf die Schnelle an nichts Vergleichbares erinnern und auch Dimitrios Grammozis gab zu, es "so extrem noch nicht erlebt zu haben." Alle drei bezogen sich auf die turbulenten, die verrückten finalen 20 Minuten am Böllenfalltor. Dort wendete sich am Sonntagmittag das Spielgeschehen gleich mehrfach. Und natürlich trafen die Aussagen im Speziellen auf die Schlussphase der Partie gegen Regensburg zu – sie hätten aber auch als Beschreibung für die bisherige Saison in der 2. Liga gelten können.

Denn: Was am Sonntagnachmittag auf dem Rasen im Merck-Stadion am Böllenfalltor passierte, das passte perfekt in die metaphorische Achterbahn mit Zweitliga-Aufschrift, die seit Saisonbeginn durch sämtliche Stadien der Spielklasse tourt. Einen weiteren Looping, einen weiteren Aufschrei des Verrückten hatte dieses übergreifende Fahrgeschäft nun also einmal mehr für den Standort Darmstadt vorbereitet. Und zwar in einem Ausmaß, das die Spieler beinahe das Endergebnis vergessen ließ. „Dass wir das Ding dann am Ende so – ich wollte schon verlieren sagen – tut wahnsinnig weh“, gestand beispielsweise Immanuel Höhn, angesprochen auf den Schlussakkord der Partie, der die Lilien zwar immer noch mit einem Punkt, aber mit einem denkbar schlechten Gefühl auf das Spiel zurückblicken ließ.

Selimbegović: „Ich wiederhole immer wieder, dass diese Liga wirklich verrückt ist“

Dabei hätten in der 75. Minute wohl alle Darmstädter einen Zähler nach Schlusspfiff unterschrieben. Vor allem angesichts des Spielverlaufes bis zu diesem Moment. Eine Viertelstunde vor Schluss lagen die Lilien nämlich nicht nur durch ein Eigentor mit 0:1 im Hintertreffen, auch hatte Serdar Dursun soeben die große Chance zum Ausgleich vom Elfmeterpunkt ungenutzt verstreichen lassen. Das Heimteam also mit dem Rücken zur Wand, der Gegner mit Führung und Momentum auf seiner Seite. Dinge, denen in dieser Saison aber nur wenig Bedeutung zugemessen werden sollten. Ob nun in Darmstadt, oder bei den anderen 17 Vereinen. „Ich wiederhole immer wieder, dass diese Liga wirklich verrückt ist“, bilanzierte daher auch Gäste-Trainer Mersad Selimbegović mit Blick auf das, was auf den Elfmeter-Fehlschuss folgte. Ein kurzer Moment des Durchpustens, bevor Dursun die Begegnung innerhalb von zwei Minuten drehte. Plötzlich stand es 2:1, plötzlich war der Heimsieg zum Greifen nah, der bekloppte Spielverlauf schien lachende Lilien am Zieleinlauf vorgesehen zu haben.

Kein Platz für „eigentlich“

„Eigentlich kannst du dieses Spiel nicht mehr retten“, gestand dann auch Selimbegović, wohl wissend, dass das Wort „eigentlich“ ersatzlos aus dem Zweitliga-Sprachgebrauch gestrichen werden kann. Denn eigentlich fischt ein Torhüter wie Marcel Schuhen eine Flanke wie die in 94. Minute problemlos aus der Luft, und eigentlich kommt Gäste-Stürmer Andreas Albers dann auch nicht mehr an den Ball und eigentlich gewinnt der SV 98 dann das Spiel mit 2:1.

Aber da ein „verrückt“ viel besser als ein „eigentlich“ zu diesen 95 Minuten passte, teilten sich beide Team schlussendlich die Punkte.“ „Innerhalb von 20 Minuten dreht sich das Leben“, philosophierte Dursun über die finalen Sequenzen und fand damit die perfekte Überschrift für diesen Nachmittag. Ein Spiel zum verrückt werden. Und so war es durchaus verständlich, dass die Lilien mit dem Ergebnis haderten und viele Fans aufgrund des verpassten Heimsieges nicht gänzlich zufrieden das Stadion verließen. Kapitän Holland gelang es dennoch, das richtige Resümee zu ziehen: „Im Moment tut es sehr weh. Mit ein wenig Abstand dürften wir aber mit dem Spiel zufrieden sein können.“

Nach der schwachen Darbietung in Fürth hatten die Lilien eine Reaktion gezeigt, sich gegen alle Widerstände (Eigentor, verschossener Elfmeter) gewehrt und ein Spiel abgeliefert, das normalerweise zu drei Punkten gereicht hätte. „Mit der Vorstellung bin ich sehr zufrieden. Mit dem Ergebnis natürlich nicht“, erklärte daher Grammozis, der auch in seinem elften Liga-Heimspiel am Böllenfalltor ungeschlagen blieb.

Überall enge Resultate

Eine besondere Statistik in einer Liga, in der wirklich jeder jeden schlagen kann. Ohne den Gegentreffer in der 94. Minute wären die Lilien auf Platz 8 gesprungen, auch so liegen zwischen Platz 6 (Fürth) und 13 (Darmstadt) nur drei Pünktchen. Verrückt. Wie eng die Liga ist, zeigt auch ein Blick in die Statistik. 41 der bisherigen 116 Partien endeten Unentschieden, also ziemlich genau jede dritte. 75 Siege wurden von den Mannschaften der Liga bislang eingefahren, 38 davon bei nur einem Tor Differenz. Verrückt also auch, wer ständige Kantersiege seines Teams erwartet. In einer Konkurrenz, in der die Bundesliga-Absteiger Nürnberg und Hannover die Plätze 14 und 15 belegen und mittlerweile Arminia Bielefeld die Tabellenführung innehat.

Grammozis: „Wir gewinnen zusammen, wir verlieren zusammen – oder spielen eben Unentschieden“

Natürlich ist es absolut normal, dass sich auch die Lilien und ihre Fans mehr Zähler aus den bisherigen 13 Partien gewünscht hätten. Mehr Tore, vielleicht fünf statt drei Siege und dafür keine sechs Unentschieden. Aber die Zweitliga-Tabelle verdeutlicht immer wieder, dass sich nahezu alle Teams auf Augenhöhe begegnen und jedes einzelne Spiel durch Nuancen entschieden wird. Umso wichtiger ist es, als Einheit zusammenzustehen, um diese Kleinigkeiten für sich zu entscheiden. So wie Dursun nach seinem Fehlschuss von den Kollegen aufgebaut wurde und es mit zwei Treffer dankte, so wie niemand einen Vorwurf an Schuhen richtete, sondern die Normalität eines Fehlers in den Vordergrund gerückt wurde.

„Wir gewinnen zusammen, wir verlieren zusammen – oder spielen eben Unentschieden“, erklärte Grammozis abschließend. Und bei aller Verrücktheit des Tages war diese Aussage ebenso logisch wie positiv. Denn sowohl Mannschaft als auch Fans hatten sie an diesem Sonntag mit Leben gefüllt.

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