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09.11.2020 / Allgemein

Von Ausschlägen und Mathematik

“Es handelt sich um einen Bestand mit einer gleichmäßigen Entwicklung. Es kommt also in jeder Zeitspanne immer die gleiche Menge dazu. Diese Prozesse werden durch Geraden beschrieben”, lautet die Erklärung eines linearen Wachstumsprozesses. Einfache Mathematik. Im Fußball ist es ein bisschen schwieriger. Der Verlauf im Entwicklungsprozess einer Fußballmannschaft verläuft nicht linear, schon gar nicht exponentiell. So ist es auch bei den Lilien. Der Graph auf der Zeit-Verbesserungs-Achse des SV Darmstadt 98 ist keine Gerade, er zeigt Ausschläge - nach oben, aber auch nach unten.

Foto: Holtzem

Ein solch negativer Ausschlag war das Duell mit dem SC Paderborn. Eine einfache Rechnung: Der Absteiger aus der 1. Bundesliga erzielte im Merck-Stadion am Böllenfalltor vier Treffer, der SV 98 keinen – 0:4, macht im Ergebnis eine deutliche Niederlage. Ein absolut gebrauchter Nachmittag für alle, die es mit den Mannen in Blau und Weiß hielten. “Wir haben richtig auf die Fresse bekommen”, sagte Marcel Schuhen und traf damit unverblümt den Kern dieser 90 Minuten. “Es ist ganz wichtig, dass wir keine Ausreden suchen. Wir wurden von der ersten Minute an abgekocht”, fasste der Schlussmann der 98er verärgert zusammen. 

Bei den Lilien lief im ersten Durchgang wenig bis gar nichts zusammen. Zu allem Überfluss sah Nicolai Rapp kurz vor dem Pausenpfiff auch noch die Gelb-Rote Karte – eine krasse Fehlentscheidung des Unparteiischen-Gespanns um Schiedsrichter Florian Heft. “Nie und nimmer ist das Gelb-Rot”, ärgerte sich Markus Anfang. Auch wenn der SV 98 zu diesem Zeitpunkt bereits mit 0:3 im Hintertreffen lag und sehr weit davon entfernt war, das Spiel nochmal zu seinen Gunsten zu drehen: “So hätten wir es zumindest mit elf Mann probieren können”, betonte der Cheftrainer der Darmstädter.

„Wir waren richtig schlecht“

Doch die Niederlage am unberechtigten Platzverweis festzumachen, wäre zu einfach – das versuchte auch keiner der Beteiligten. Dass der SV 98 gegen Paderborn so deutlich verlor, hatte einen Grund. Und dieser waren die Lilien selbst. Sie wussten das. An die eigene Nase packen, so das Motto. Sie taten es. “Wir waren richtig schlecht”, fand Anfang deutliche Worte für die Leistung seiner Mannschaft und fügte hinzu: “Das war das schlechteste Spiel, was ich je als Zweitligatrainer betreut habe.” Klar, auch die Paderborner trugen ihren Teil zu diesem Endresultat bei, weil sie in brutaler Effektivität die Fehler der Darmstädter ausnutzten. Vermutlich wären diese Lilien aber am Sonntagnachmittag auch gegen viele andere Teams keine Konkurrenz gewesen. “Ohne die Leistung des SC Paderborn schmälern zu wollen: Wir haben heute selbst das Spiel verloren. Und wir hätten gegen jede Mannschaft verloren, weil wir nicht in der Lage waren, unsere Inhalte umzusetzen”, erklärte der Chefcoach des SV 98. 

Es war sein insgesamt siebtes Zweitligaduell an der Seitenlinie der Lilien. “Und es war das erste richtig schlechte Spiel in dieser Saison. Wir haben zum ersten Mal völlig zurecht verloren”, so Anfang. Auch gegen Sandhausen kassierte der SV Darmstadt 98 eine Niederlage, gegen Regensburg und Pauli standen bittere Unentschieden nach 90 Minuten auf der Habenseite. Doch in all diesen Partien sowie bei den beiden Siegen in Nürnberg und Karlsruhe zeigten die Südhessen ansehnliche Leistungen – inklusive enormer Leidenschaft, Einsatzwillen und Comeback-Qualitäten. “Wir haben in den letzten Wochen guten Fußball gespielt und unsere Punkte absolut verdient geholt”, erklärte Schuhen: “Deswegen wirft uns das nicht um.” 

Menschlich

Auch wenn es weh tut, auch wenn einen diese Niederlage gegen den SCP verärgert: In einem Entwicklungsprozess gehören Rückschläge dazu. Dass sich der SV 98 aktuell in genau solchem Prozess befindet, betonen die Lilien seit Saisonstart. Und sie werden nicht müde, dies weiter zu tun. Es braucht Geduld bei der Weiterentwicklung einer Mannschaft. “Wir können nicht erwarten, dass dieser Prozess reibungslos abläuft. Die Jungs wissen, dass sie mehr können und dass sie mehr machen müssen”, verdeutlichte Anfang und fügte energisch hinzu, um seine Mannen zu verteidigen: “Aber die Jungs wissen auch, dass sie Menschen sind und das auch mal ein Tag dabei ist, der nicht gut ist. Und das war eben heute. Das müssen wir akzeptieren.”

Es war ein deftiger Nackenschlag, keine Frage. Doch die Lilien stehen wieder auf, müssen sie ja auch. Und wollen es beim nächsten Mal wieder besser machen. “Wir sind in einem Prozess und insgesamt auf einem guten Weg. Wir machen genau da weiter, werden dieses Spiel analysieren und daran arbeiten, uns in der täglichen Trainingsarbeit zu verbessern”, so der Schlussmann der Lilien. Am liebsten hätte er direkt am Mittwoch wieder gespielt, sagt Schuhen. Doch der Spielplan sieht eine erneute Länderspielpause vor, die direkte Antwort auf die Niederlage ist somit nicht möglich. Erst in zwei Wochen haben die Darmstädter die Möglichkeit, in Aue (22.11., 13.30 Uhr) für Wiedergutmachung zu sorgen. Aber nicht nur das. Im Erzgebirge soll der Graph im Zeit-Verbesserungs-Diagramm der Lilien wieder nach oben zeigen. 

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