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17.03.2020 / Allgemein

„Werden mit wirtschaftlichen Einschnitten klarkommen müssen“

Die Spielzeit in der Bundesliga und der 2. Bundesliga bleibt vorerst bis zum 2. April 2020 ausgesetzt. Das entschied die Deutsche Fußball Liga (DFL) am Montag (16.3.) auf einer außerordentlichen Mitgliederversammlung, zudem wurde am Dienstag (17.3.) von der UEFA beschlossen, die Europameisterschaft zu verschieben. Rüdiger Fritsch nimmt dazu bei sv98.de ausführlich Stellung.

sv98.de: Wie lief die außerordentliche Mitgliederversammlung der Erst- und Zweitligisten?

Rüdiger Fritsch: „Die Versammlung lief sehr gut und solidarisch und darauf kommt es jetzt und in der kommenden Zeit auch an: Der Fußball insgesamt und wir als Lilien wissen um unsere Verantwortung gegenüber der Gesellschaft und wollen unseren Teil zur Gesundheit der Bevölkerung beitragen. Gleichzeitig müssen wir auch Lösungen für den Fußball finden, um diese noch nie dagewesene Krise in unserer Branche halbwegs zu überstehen. Wir alle haben unser Bestreben geäußert, die Saison zu Ende spielen zu wollen.“

sv98.de: Warum?

Fritsch: „Die Medien- und Sponsoreneinnahmen sind für uns als Verein und auch für alle anderen Klubs überlebenswichtig. Schließlich haben wir aus zahlreichen laufenden Verträgen die unterschiedlichsten Rechte und Pflichten zu beachten. Und in dem Moment, in dem kein Spiel mehr stattfindet und damit der Fußball-Betrieb vollends eingestellt wird, verlieren wir in den nächsten Monaten einen riesigen Teil der Einnahmen. Ganz klar: Fußball ohne eine lebendige, bunte und vielfältige Unterstützung der Fans ist kein richtiger Fußball. Dennoch sind Spiele ohne Zuschauer tatsächlich die einzige Möglichkeit, dass Fans in den kommenden Jahren überhaupt noch ihre Lieblingsvereine anfeuern können. Andernfalls wird es manche Vereine wegen Insolvenz einfach nicht mehr geben.“

sv98.de: Das heißt, Spiele ohne Zuschauer sind alternativlos?

Fritsch: „Wir haben einfach keine Zeit, um zu warten, bis Fans wieder in die Stadien können. Oberste Prämisse aller 36 Klubs lautet: Die Vereine vor dem wirtschaftlichen Ruin schützen.“

sv98.de: Wie geht es mit dem Profi-Fußball in Deutschland nun weiter?

Fritsch: „Zunächst einmal finde ich es wichtig, dass die UEFA heute beschlossen hat, dass die Europameisterschaft verschoben wird. Das verschafft uns in erster Linie Zeit, um die Saison und die Pokal-Wettbewerbe zu einem regulären Ende zu bringen. Ende März treffen sich alle Vereine erneut, dann hoffe ich, dass wir weitere Maßnahmen beschließen können. Wie genau es mit dem Fußball weitergeht, bleibt abzuwarten. Wir lernen täglich Neues über das Corona-Virus, Bewertungen von gestern sind heute schon überholt, Sachstände verändern sich fast stündlich. Man kann und darf daher nur ‚auf Sicht‘ fahren. Deshalb habe ich auch einen riesigen Respekt vor unseren Politikern und allen anderen wichtigen Entscheidern im Lande, die in dieser unklaren Lage Bewertungen und Einschätzungen abgeben und auf dieser Grundlage Entscheidungen treffen müssen.“

sv98.de: Welche wirtschaftlichen Folgen dürften den SV 98 erwarten?

Fritsch: „Ganz klar, gesundheitliche Interessen stehen immer vor wirtschaftlichen Interessen. Dennoch werden auch wir die Auswirkungen massiv spüren und mit wirtschaftlichen Einschnitten klarkommen müssen. Auch wir werden uns mit dieser schwierigen Situation kaufmännisch auseinanderzusetzen haben und analysieren, wie wir durch diese Krise kommen. Ich bin froh, dass ich in dieser Zeit auf fähige, professionelle Leute in der Geschäftsstelle, Geschäftsführung und im Präsidium zählen kann.“

sv98.de: Das heißt, auch die Lilien werden finanzielle Einschnitte spüren?

Fritsch: „Ganz klar: Ja. Wir werden jetzt aber nicht nur jammern oder in Mitleid versinken. Wenn ich an Bereiche wie zum Beispiel die Gastronomie oder die Kultur- und Veranstaltungsbranche denke, mache ich mir große Sorgen und erhoffe mir größtmögliche Solidarität und Gemeinschaftssinn. Aber klar, wie alle Bereiche der Gesellschaft ist auch der Profi-Fußball – und damit auch der SV 98 – von den Folgen des Corona-Virus stark betroffen. Auch wir sind gezwungen, alle Maßnahmen in Betracht zu ziehen und alle Szenarien durchzudenken, um die Zukunft des SV 98 auch in Krisenzeiten zu sichern.“

sv98.de: Gibt es schon konkrete Maßnahmen?

Fritsch: „Kurzfristig haben wir unsere Mitarbeiter aus virologischen Gründen größtenteils ins Home-Office geschickt. Auch den Fanshop am Bölle haben wir geschlossen. Unsere Profi-Fußballer haben wir mit Trainingsplänen bereits am Wochenende nach Hause geschickt. Derzeit erarbeiten wir Wege, um kurzfristig der Bevölkerung in dieser Notlage zu helfen, denn wir haben als Profi-Verein weiterhin auch eine soziale Verantwortung. Aber im Hintergrund laufen natürlich diverse Arbeitsvorgänge, um Handlungskonzepte zu entwickeln, die uns dazu befähigen sollen, weiterhin auf festen Beinen zu stehen. Das sind wir auch unseren Mitarbeitern schuldig.“

sv98.de: Inwiefern?

Fritsch: „Die Leute vergessen schnell, dass es bei einem Fußballverein nicht nur um ein paar Profi-Fußballer geht. Es geht derzeit nicht um vermeintliche Gutverdiener in Trikots und kurzen Hosen, nein, es geht um die Existenz von Vereinen, um die Erhaltung ganz ’normaler‘ Arbeitsplätze, die direkt oder indirekt mit dem Profi–Fußball ganz eng verbunden sind. Am Fußball in Deutschland hängen mehr als 60.000 Arbeitsplätze, die sind – wenn wir die Saison abbrechen oder für mehrere Monate mit dem Spielbetrieb aussetzen sollten – massiv gefährdet.“

sv98.de: Wie sieht es speziell beim SV 98 aus?

Fritsch: „Wir als Verein haben uns in den vergangenen Jahren wirtschaftlich vernünftig aufgestellt und sind mittlerweile zu einem mittelständischen Unternehmen angewachsen, das an den genannten Wirtschaftsmechanismen hängt und an ihnen  teilnimmt und damit eng verflochten ist. Der SV 98 hat rund 40 Vollzeit-Mitarbeiter außerhalb des sportlichen Bereichs, auch für die müssen wir den Geschäftsbetrieb irgendwie aufrechterhalten. An sie denke ich in diesen Tagen besonders und für sie müssen wir gute Lösungen erarbeiten. Das reine Fußballspiel rückt in diesen Tagen in der Öffentlichkeit zurecht in den Hintergrund, der Fußball in seiner Gesamtheit ist in der heutigen Zeit aber weit mehr als ein bloßes „Spiel“. Dadurch haben wir auch eine Verantwortung gegenüber vielen Menschen.“

sv98.de: Du sprichst auch die gesellschaftliche Verantwortung des Fußballs an: Wie erlebst du die gegenwärtige Situation?

Fritsch: „Ich habe einen riesengroßen Respekt vor allen Ärzten, Sanitätern, Krankenpflegern, Arzthelfern und allen weiteren Helfern, die derzeit ein großes Arbeitspensum zum Wohle der Gesellschaft abspulen müssen. Die Bedeutung und die Leistung des Personals in Kliniken und Krankenhäusern ist nicht hoch genug zu würdigen. Im Namen des SV 98 möchte ich die Chance ergreifen, ihnen allen für ihre Arbeit zu danken. Wir alle müssen den Solidargedanken nach außen tragen, Hygieneregeln nicht nur für uns,  sondern auch für andere Personen befolgen und unseren Mitmenschen helfen. Wir sollten keine Panik haben, aber dem Corona-Virus mit aller Ernsthaftigkeit begegnen. Keine Angst, aber definitiv Respekt. Jetzt ist es an der Zeit, dass jeder Einzelne seinen Beitrag zu einer funktionierenden Gesellschaft auch in kritischen Zeiten erbringt.“

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