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28.05.2018 / Allgemein

„Wir nannten uns die ‚Scorpions’“

sv98.de blickt auf die Lilienkurier-Interviews der Rückrunde zurück: Vom Betonplatz in die Bundesliga. Diesen Weg ist Baris Atik bereits gegangen. Mit dem Lilienkurier sprach der freche Dribbler über seine Anfänge, Träume und Freunde fürs Leben.

Lilienkurier (LK): Ein kleiner enger Käfig, staubiger Untergrund. So ähnlich wie hier sahen deine ersten Schritte als Fußballer aus…
Baris Atik: Definitiv. Ich bin in Mörsch, einem Stadtteil von Frankenthal, aufgewachsen. Dort gab es den Vierfelderplatz, ein Quadrat auf Stein und Beton. Da haben wir zwei Steine als Tore auf jede Seite gelegt und dann wurde gekickt.
LK: Es war also noch nicht mal ein Bolzplatz wie dieser hier?
Baris: Nein, was den Fußball angeht, komme ich wirklich von der Straße. (lacht)
LK: Und der ganze Wohnblock hat damals gemeinsam gekickt?
Baris: Es gab nur einen Treffpunkt: Alle Jungs waren auf diesem Platz. Jeder von uns wusste, schnell frühstücken und dann ab runter auf das Feld, wenn keine Schule anstand: Dort haben wir bis zum Abend Turniere gespielt.
LK: Dein Bruder ist 7 Jahre älter und hat dich immer mitgenommen. Du warst mit Sicherheit der Jüngste?
Baris: Das war ich. (grinst) Wir hatten auch eine Straßenmannschaft und nannten uns die ‚Scorpions‘. Und dann haben wir immer gegen andere Blöcke oder Teams aus Frankenthal gespielt. Es gab Einsätze. Jedes Team hat 30, 40 Euro eingesetzt und der Gewinner hat eben alles gewonnen. Oder wir waren gemeinsam beim „Junior Cup“, dem Straßenfußballturnier auf dem Parkplatz der real-Märkte. Mein Bruder hat mich überall hin mitgenommen und überall war ich der Jüngste und Kleinste.
LK: Ein besonderer Ansporn?
Baris: Ich wollte nie verlieren gegen die Älteren. Jeder hat gedacht, was will der kleine Junge hier? Aber ich habe mir nichts gefallen lassen und habe sie oft abgezogen. (lacht)
LK: Parallel hast du aber auch mit 5 Jahren im Verein angefangen…
Baris: Genau, zunächst für ein Jahr beim VRT Frankenthal, bevor mich der Waldhof entdeckt hat. Dort wurde ich dann als Bambini sofort in die F-Jugend gesteckt. Mein Onkel und später dann mein Bruder haben mich dann immer nach Mannheim gebracht.
LK: Der Vereinsfußball hat sicherlich auch einen Kontrast zum Kicken auf der Straße dargestellt…
Baris: Der Straßenfußball hat natürlich seine eigenen Regeln (grinst). Da wird nur gezockt, im Vereinsfußball wird extrem auf Disziplin und Taktik geachtet. Auf der Straße gab es nur Gewinnen oder Verlieren.
LK: Fiel es dir schwer, dich auf Mannschaftssport einzustellen?
Baris: Nicht wirklich. In der Jugend hat es mit meiner Spielweise ja ganz gut funktioniert (lacht). Da habe ich dann auch mal ein paar Gegenspieler stehen lassen. Im höheren Alter und den höheren Ligen kamen natürlich vermehrt die Ansagen, sich auch mal früher vom Ball zu trennen. Aber grundsätzlich hat mich jeder Trainer darin bestärkt, meine Spielweise beizubehalten. Also das risikofreudige Spiel mit vielen direkten Duellen. Das wollte mir niemand wegnehmen, weil es der Mannschaft auch geholfen hat, wenn ich durch meine Dribblings Räume für die anderen reiße.
LK: Diese Spielweise war für dich als körperlich kleinerer Spieler sicherlich die beste Möglichkeit, das Spiel zu beeinflussen…
Baris: Klar, als kleiner Spieler fehlt dir ein wenig die Robustheit und in der Luft hast du auch viele Nachteile. Meine Stärken liegen auf dem Boden. Quirlig und schnell, unangenehm zu verteidigen.
LK: Klingt eigentlich nach dem prädestinierten Außenbahnspieler. Der bist du aber lange Zeit überhaupt nicht gewesen?
Baris: Ich habe jahrelang auf der Zehn gespielt. Dann bin ich beim Waldhof zunächst in den Sturm gewechselt. Nach meinem Wechsel nach Hoffenheim bin ich im ersten A-Jugendjahr erstmals auf den Außen aufgelaufen. Aber auch dort hat mich Julian Nagelsmann dann in meiner zweiten Saison in den Angriff beordert. Und es wurde eine sehr erfolgreiche Saison.
LK: Wie wurde die TSG aus Hoffenheim auf dich aufmerksam?
Baris: Ich habe mit Mannheim in der B-Jugend gespielt. In meinem ersten Jahr in der Bundesliga, aus der wir dann leider abgestiegen sind. Im zweiten Jahr in der Oberliga hatten wir dann frühzeitig einen riesigen Vorsprung und ich bereits 16 Tore erzielt. Stefan Groß, der Vater von Pascal Groß, war damals Trainer der U19 und hat mich im Saisonverlauf bereits in die A-Jugend hochgezogen. Ich habe dann fast alle Spiele gemacht, unter anderem am vorletzten Spieltag auch gegen Hoffenheim. Beide Teams waren damals im Abstiegskampf und wir haben das Spiel dann gewonnen, wobei mir ein Tor und eine Vorlage gelungen sind. Leider sind wir trotzdem abgestiegen und Hoffenheim konnte die Klasse halten. Danach sind sie an mich herangetreten, weil sie die Saison abwarten wollten und haben mich von einem Wechsel überzeugt.
LK: Zwischen dem Traditionsstandort Mannheim und der hochmodernen TSG gab es sicherlich große Unterschiede…
Baris: In Mannheim war immer zu spüren, wie wichtig der Verein für die ganze Stadt ist. Dort haben in allen Bereichen ehrenamtliche Helfer sehr viel Herzblut in den Verein gesteckt und das Ganze am Laufen gehalten. In Hoffenheim war die Begeisterung für den Fußball auch überall spürbar, aber auf eine andere Weise. An den Kabinen und Trainingsbedingungen wurde sofort sichtbar, dass ich mich als junger Spieler dort noch einmal ganz anders entwickeln könnte.
LK: Und du bist mit dieser Umstellung sofort klargekommen?
Baris: Zu Beginn habe ich eine gewisse Anlaufzeit gebraucht. Aber ich habe mich dann darauf konzentriert, die hervorragenden Bedingungen bestmöglich zu nutzen. Ich wollte meine Stärken weiter verbessern und an meinen Schwächen arbeiten. Das hat immer besser funktioniert.
LK: Im zweiten Jahr unter Julian Nagelsmann lief es optimal. Wie hast du ihn erlebt?
Baris: Als bekannt wurde, dass er die U19 übernimmt, habe ich mich sehr darüber gefreut. Ich hatte in der B-Jugend mit Mannheim gegen seine Mannschaft gespielt. Und für jeden wurde deutlich, dass dieses Team unter seiner Leitung einen klasse Fußball spielt und er ein Trainer ist, der genau weiß, was er will.
LK: Wie war das Training unter ihm?
Baris: Im Fußball wird viel im Kopf entschieden. Das war ihm immer klar und das hat er uns auch vermittelt. Da wurdest du inmitten einer Spielform taktische Dinge abgefragt. Bei falscher Antwort war für dich erstmal Pause und du musstest Liegestützen oder ähnliches machen. Aber dabei hat er dir auch jedes Mal die richtige Antwort gesagt und ausgiebig erklärt.
LK: Die Zeit hat dich wahrscheinlich weitergebracht?
Baris: Ich denke, Julian Nagelsmann war wahrscheinlich der größte Faktor für meine Entwicklung. Er hat meine Spielweise geliebt (grinst). Er hat meine Stärken immer aus mir herausgekitzelt und wusste genau, wie ich ticke. Privat und auf dem Platz. Er kennt mich von A bis Z.
LK: Und er hat dir zum wohl größten Meilenstein deiner Karriere verholfen. Am 3. Dezember 2016 wurdest du im Heimspiel gegen den 1. FC Köln in der Bundesliga eingewechselt…
Baris: Das war ein Traum, der in Erfüllung gegangen ist. Dafür arbeiten wir Fußballer jahrelang und es war mit Abstand mein größtes Ziel, dort aufzulaufen. Ich bin sehr dankbar dafür, dass er mir diesen Traum erfüllt hat. Das Datum habe ich mir auch auf dem Arm verewigen lassen.
LK: Wie haben deine Familie und dein Umfeld damals reagiert?
Baris: Es sind Tränen geflossen. Meine Familie war voller Stolz und sie wussten, dass sich an diesem Tag mein Traum erfüllt hat. Sie haben jahrelang mit mir mitgelitten und alles getan, damit ich mein Ziel erreiche.
LK: Besteht auch noch Kontakt zu den Jungs vom Bolzplatz?
Baris: Definitiv. Man darf nie vergessen, wo man herkommt. Die Jungs sind stolz darauf, dass ich es zum Profi geschafft habe. Sie schreiben mir fast jeden Tag, wünschen mir vor jedem Spiel viel Glück und sind auch oft bei den Spielen im Stadion. Wenn ich in Frankenthal bin, dann treffen wir uns und unternehmen etwas.
LK: Eine Zeit, die euch für immer zusammengeschweißt hat.
Baris: Du weißt, dass es Freunde fürs Leben sind.
LK: Nach deinem Debüt folgten noch zwei weitere Einsätze vor der Winterpause, in der du dich dann aber für eine Leihe nach Graz entschieden hast. Warum kam dieser Schritt?
Baris: Es war die erfolgreichste Saison der Vereinsgeschichte für die TSG. Der Kader war voller Top-Spieler und ich selbst wollte mich entwickeln und Spielpraxis sammeln. Deswegen bin ich zu dem Entschluss gekommen, mich verleihen zu lassen. Hoffenheim hat mir dafür den Weg freigemacht, mir die Spielpraxis in einer Herrenliga im Profibereich zu holen.
LK: Und dein Plan ist sehr gut aufgegangen…
Baris: Es war eine sehr erfolgreiche Zeit in Graz. Ich habe 16 Spiele gemacht und 5 Tore erzielt. Wir sind Dritter geworden. Dort habe ich viel Selbstvertrauen getankt.
LK: Erstmals warst du weiter weg von deiner Heimatstadt Frankenthal. Allein in einem anderen Land. Schwierig für dich?
Baris: Am Anfang habe ich die Österreicher nicht verstanden (lacht). Aber das wurde schnell besser und auch sonst habe ich mich dort bald zurechtgefunden. Ich wusste, ich habe keine Zeit für eine lange Anlaufphase. Ich wollte und musste sofort funktionieren. Das habe ich mir vorgenommen und zum Glück hat es auch funktioniert. Neben dem Platz hat es mich auch weitergebracht, diese Erfahrung zu machen.
LK: Obwohl es in Österreich sehr gut lief, blieb der Traum vom deutschen Fußball. Daher auch die Rückkehr?
Baris: Ich hätte in Österreich bleiben können. Aber mein Ziel ist, weiterhin im deutschen Fußball Fuß zu fassen und meine Qualitäten zu zeigen.
LK: In dem Land, in dem du geboren wurdest. Deine Eltern kommen aus der Türkei. Ergo schlagen zwei Herzen in deiner Brust?
Baris: Absolut. Mein Herz schlägt für beide Länder. Ich bin in Deutschland geboren, aufgewachsen und hier zum Profi geworden. Aber genauso wenig vergesse ich das Land, aus dem meine Eltern kommen. Ich bin ja auch schon für die türkische Juniorennationalmannschaft aufgelaufen
LK: Auch Aytac Sulu hat Wurzeln in beiden Ländern. Ihr kanntet euch schon vor deinem Wechsel nach Darmstadt. Woher?
Ein Türke aus meiner Region, der 9 Kisten als Innenverteidiger in der Bundesliga macht. Das bekommt man natürlich mit und dafür habe ich ihn bewundert. Nachdem wir dann im direkten Duell mit Lautern und Darmstadt aufeinandergetroffen sind, haben wir uns regelmäßig geschrieben und viel Glück gewünscht.
LK: Und er hat dir auch zum Geburtstag gratuliert. Der war am 9. Januar. Am Tag darauf warst du plötzlich im Teamhotel in Spanien und hattest auch Aytac nichts gesagt.
Baris: (lacht) Ja, ich war schon auf dem Weg ins Trainingslager, als Aytac mir gratuliert hat. Als ich dann am nächsten Morgen dastand, war er ziemlich perplex und hat sich sehr gewundert. Aber dann haben wir beide sehr darüber gelacht.
LK: Überhaupt scheinst du dich sehr schnell integriert zu haben…
Baris: Ich bin ein einfacher Typ, der sich so verhält, wie es sich gehört. Ich habe Aytac natürlich gefragt, worauf ich achten muss und welche Dinge wichtig sind. Wir haben auch viel Zeit zum Reden, weil wir eine tägliche Fahrgemeinschaft bilden.

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