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19.03.2020 / Allgemein

„Wir versuchen, eine normale Spielwoche abzubilden“

Ob Krafteinheiten im eigenen Garten oder Stabilisationsübungen im Wohnzimmer: Seit dem vergangenen Wochenende sind die Profis des SV Darmstadt 98 im Homeoffice. sv98.de hat sich mit Athletiktrainer Kai Peter Schmitz zum Telefoninterview verabredet und mit ihm über die Herausforderungen der aktuellen Situation sowie die individuellen Trainingspläne gesprochen.

sv98.de: Die aktuelle Corona-Krise hat uns alle vor große Herausforderungen gestellt. Das gilt auch für den Profifußball. Welche Herausforderungen musst du in deiner Funktion als Co-Trainer bewältigen, dessen Spezialgebiet unter anderem das Athletiktraining ist?

Kai Peter Schmitz: „Die größte Herausforderung war, für jeden Spieler einen individuellen Trainingsplan zu erstellen. In der Kürze der Zeit ist das nicht so einfach, weil in den Plänen die Stärken und Schwächen der Spieler berücksichtigt und bearbeitet werden müssen. Dementsprechend sind die Arbeiten an jedem einzelnen Spieler sehr detailliert. Das hat mich in der kurzen Zeit schon sehr gefordert.“

sv98.de: Wie sehen denn die Trainingspläne genau aus?

Schmitz: „Wir haben uns im gesamten Trainerteam besprochen, was sie beinhalten müssen. Es sind eben keine klassischen Trainingspläne wie in einer Sommer- oder Wintervorbereitung. Denn dort arbeitet man konkret auf einen Punkt hin. Die Pläne jetzt sind dahingehend unterschiedlich, weil wir uns im Grunde wie in einer Spielwoche bewegen wollen. Das heißt konkret: Wir trainieren so, als hätten wir am Wochenende ein Spiel. Darum sind die Aufgaben der Spieler am Wochenende am umfangreichsten und dementsprechend am anstrengendsten. So versuchen wir, innerhalb des Trainingsplan eine normale Spielwoche abzubilden.“

sv98.de: Stehst Du währenddessen im regelmäßigen Austausch mit den Spielern?

Schmitz: „Ja, wir kontrollieren die Pläne direkt. Die Jungs synchronisieren ihre Pulsuhren mit einer App. Ich kann, sobald die Spieler ihre Aufgaben abgearbeitet haben, auf die geleisteten Arbeiten zugreifen. Ich sehe sofort, wie intensiv die Einheit für den Einzelnen war und kann – falls Fehler auftreten – eingreifen und mit dem Spieler Kontakt aufnehmen.“

sv98.de: So sieht also aktuell Dein Arbeitsalltag aus?

Schmitz: „Richtig. Das ist genau das, was ich nach der Erstellung der Pläne mit den 25 Jungs den ganzen Tag über mache. Ich nehme immer wieder Kontakt mit den Spielern auf und tausche mich mit ihnen aus, was gut war oder woran wir vielleicht noch arbeiten müssen. Außerdem stehe ich immer für Rücksprachen der Spieler zur Verfügung. Der Trainingsplan beinhaltet schließlich auch ein paar freie Übungen wie Krafteinheiten, bei denen die Spieler das Material nutzen, das sie aus dem Stadion mitgenommen haben.“

sv98.de: Kannst Du nach gut einer Woche schon ein erstes Fazit ziehen? Der Fitnesszustand dürfte sich so schnell nicht groß verändert haben…

Schmitz: „Der Fitnesszustand steht auch gar nicht so sehr im Vordergrund. Es geht erstmal darum, dass alle Jungs bislang sehr gut mitgezogen und sie ihre Aufgaben zu einhundert Prozent erledigt haben. Weiter schauen wir, dass wir die angeschlagenen Spieler in den nächsten Wochen wieder Schritt für Schritt auf das Niveau für ein Pflichtspiel bekommen. Das sind die Dinge, auf die wir in der ersten Woche besonders geachtet haben. Am Mittwoch war zum Beispiel ein erster Höhepunkt in der Trainingswoche, am Donnerstag war frei. Jetzt am Wochenende haben wir bis auf Immanuel Höhn und Mathias Wittek alle Jungs so fit, dass sie direkt wieder am Mannschaftstraining teilnehmen könnten. Zuvor hatten wir da noch ein, zwei kleinere Baustellen.“

sv98.de: Wenn wir aus der aktuellen Situation etwas Positives herausziehen wollen: Ist es gerade im Hinblick auf leichte Verletzungen und angeschlagene Spieler vielleicht sogar ganz gut, keine Pflichtspiele absolvieren zu müssen und somit – insoforn die Saison hoffentlich fortgesetzt werden kann – fit für den Saisonendspurt zu sein?

Schmitz: „Natürlich arbeiten wir in den Trainingsplänen die Defizite ab. In der spielfreien Zeit ist es uns möglich, die Pläne für angeschlagene Spieler noch individueller gestalten zu können. Das ist der Unterschied zu einer normal ablaufenden Saison. Dort kann man dies nicht in dieser detaillierten Art und Weise machen, da sonst der Druck eines Spiels am Wochenende herrscht. Wir können nun stärker auf die Details eingehen und kleinere Blessuren ausheilen lassen, ohne dabei die Sorge zu haben, dass der Spieler am Wochenende nicht hundertprozentig fit ist. Wir können die kleineren Verletzungen ganz in Ruhe angehen und den Spielern die nötige Zeit geben.“

sv98.de: Was müssen die Spieler gerade besonders beachten?

Schmitz: „Das Wichtigste in der aktuellen Situation ist die Gesundheit. Weiter haben wir drei klare Blöcke definiert. Erstes: viel Schlaf. Schlaf ist die beste Regeneration für den Körper. Es gilt, so viel wie möglich am Stück zu schlafen. Zweitens: gesunde und vernünftige Ernährung. Das heißt, dass man nicht permanent auf den Lieferdienst zurückgreift. Die Spieler sollen die Möglichkeiten nutzen, einzukaufen und selbst zu kochen – und das möglichst gesund. Drittens: Die ersten beiden Vorgaben sollen dafür genutzt werden, um maximal motiviert die Einheiten abzuleisten.“

sv98.de: Die Spieler haben zwar am vergangenen Wochenende einige Materialien und Trainingsutensilien mit nach Hause genommen. Trotzdem sind die wenigsten zuhause so gut ausgestattet, wie hier am Böllenfalltor. Übungen mit dem eigenen Körpergewicht sind daher ebenfalls wichtig. Worin siehst Du den Vorteil eines solchen Trainings?

Schmitz: „Wenn du mit deinem eigenen Körpergewicht trainierst, kannst du dich selten überfordern. Das eigene Körpergewicht ist nun mal das, mit welchem man tagtäglich hantiert. Wenn man sich näher damit beschäftigt, sieht man schnell, dass es sehr viele Übungen mit dem eigenen Körpergewicht gibt, die einen ausreichend belasten, um im Alltag beispielsweise vor Rückenschmerzen oder Kurzatmigkeit gefeilt zu sein. Es ist bei Fußballern also genauso hilfreich wie bei älteren oder durch Verletzungen vorbelasteten Menschen, Übungen mit dem eigenen Körpergewicht einzubauen. In einem solchen Training kann man die Dauer und Wiederholungszahl verändern, trotzdem relativ sicher trainieren und so vor Verletzungen verschont bleiben.“

sv98.de: Was ist der Nachteil?

Schmitz: „Der große Nachteil ist, dass wir nicht so einfach in die Grenzbereiche reinkommen können. Gerade in Krafttrainingseinheiten trainieren wir doch meistens mit sehr hohen Gewichten und kommen dann in die Bereiche, die der Normalbürger nicht so braucht. Und maximales Krafttraining ist für die Jungs momentan sehr schwierig, insofern sie zuhause nicht richtig gut ausgerüstet sind. Das ist ein Nachteil, weil wir uns im Profisport im Training in der Leistungsspitze bewegen, in der wir richtig Vollgas geben – mit wenig Wiederholungen, aber richtig hohem Gewicht. Das ist aktuell komplett ausgeschlossen.“

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