Unentschieden bei der Generalprobe
Der SV Darmstadt 98 und der englische Zweitligist FC Portsmouth haben sich bei der Generalprobe vor dem offiziellen Saisonstart mit einem torlosen Remis getrennt.
Unser Einstieg in den Gegnercheck in dieser Woche: Ein kleine Zeitreise in die Vergangenheit. Genauer gesagt in den tristen Liga-Alltag der Saison 2008/09. Wir schreiben den 15. November 2008 und den 13. Spieltag in Regionalliga Süd. Der SV Darmstadt 98 befindet sich da gerade irgendwo im tabellarischen Niemandsland der vierten Liga. Lediglich knapp 2.100 Fans haben sich an diesem Novembertag zum Duell gegen den 1. FC Heidenheim am Böllenfalltor eingefunden. Es ist das erste Aufeinandertreffen beider Mannschaften in einem Pflichtspiel. 1:1 ging es aus. Weil Mittelstürmer Andreas Baufeldt in der 76. Minute den Heidenheimer Führungstreffer egalisierte. Das Spiel, der Anfang vieler gemeinsamer Jahre.
Gerhard Kleppinger trainierte damals noch den SV Darmstadt 98. Und beim FCH? Irgendwie alles wie immer. So wie heute auch. Frank Schmidt. Der 49-Jährige steht seit 2007 ununterbrochen an der Seitenlinie des Klubs von der Brenz. Am Ende eben jener Saison 2008/09 führte er die Heidenheimer in die dritte Liga. Der SV Darmstadt 98 musste zu dieser Zeit eine drohende Insolvenz abwenden, stieg erst 2011 in die Drittklassigkeit auf, wo sich die Wege beider Teams erneut kreuzen sollten. Bis 2014 duellierten sich beide Mannschaften dort, bevor es für beide gleichzeitig in die 2. Bundesliga ging und zahlreiche weitere Aufeinandertreffen warteten.
09. Dezember 2023. Der Tag, an dem es zum erneuten Duell beider Teams kommt. Nicht in der Regionalliga. Auch nicht in der 3. Liga oder 2. Bundesliga. Nein, in der Beletage des deutschen Fußballs – 1. Bundesliga, am Samstag um 15.30 Uhr. Und das gut 15 Jahre nach diesem ersten Duell am Böllenfalltor. Eine Entwicklung zweier Mannschaften, die damals – an diesem Novembertag am Bölle – wohl nur die größten Optimisten hätten voraussagen können. Vor dem Aufsteigerduell in der Heidenheimer Voith-Arena – es ist das bereits 23. Aufeinandertreffen beider Teams – nehmen wir den Gegner der Lilien genauer unter die Lupe. Der 1. FC Heidenheim im Gegnercheck.
Geboren in nur 100 Metern Entfernung von der heutigen Voith-Arena in Heidenheim. Die eigene aktive Karriere beim FCH-Mutterverein, dem Heidenheimer SB beendet. Und seit 16 Jahren beim 1. FC Heidenheim an der Seitenlinie als Cheftrainer. Genau das ist die Geschichte von Frank Schmidt, dem Heidenheimer Fußball-Urgestein. Dabei hatte Schmidt nach der Zeit als aktiver Fußballprofi seiner Familie doch eigentlich versprochen, ab sofort immer samstags den Rasen zu mähen. Nun ja, daraus wurde nichts…
Im Jahr 2007 wurde in Heidenheim der damalige Cheftrainer entlassen und Clubchef Holger Sanwald bat Schmidt darum, den Verein nur für „ein, zwei Spiele“ als Coach an der Seitenlinie zu betreuen, bis man einen neuen Trainer gefunden habe. Doch ein neuer Cheftrainer, der wurde nie verpflichtetet. Bis heute nicht. So stellte Schmidt am 4. Spieltag der aktuellen Saison 2023/24 einen neuen Rekord auf – 5.844 Tage im Amt des Cheftrainers. Damit avancierte er zum dienstältesten Profi-Trainer des deutschen Fußballs. Sein Erfolgsrezept? „Ich glaube, einfach nie zufrieden zu sein und immer weiterzumachen, das ist wichtig“, verriet er einst gegenüber dem Wochenmagazin Forum. Zudem betonte er immer wieder, wie wichtig ihm das Zwischenmenschliche sei: „Einfach den Menschen in den Vordergrund stellen, um zu wissen, wie ich dem Spieler helfen kann.“
Das tat er schon vor 16 Jahre. Das tut er heute noch. Von der Oberliga ging es ihn und den FCH Schritt für Schritt rauf bis in die Fußball-Bundesliga. Im Gespräch mit dem Wochenendmagazin erzählte er: „Heidenheim hat mich gelehrt, fleißig zu sein. Wenn du es guthaben willst, musst du hart dafür arbeiten.“ Es ist eines seiner Leitmotive, das er tagtäglich lebt. Schmidt bleibt einfach er selbst, verliert sich weder im Erfolg noch im Misserfolg. Er favorisiert eine klare Ansprache. Der FCH-Trainer ist eine ehrlicher, ein loyaler Typ, der sehr viel Freude an seinem Beruf hat. „Es ist ein Fulltime-Job, eine Woche, in der jeder Tag zählt. Als Trainer hast du keinen freien Tag. Aber wenn du das machen kannst, was dir am meisten Spaß macht und das auch noch dein Beruf ist, macht man das sehr gerne“, berichtete er in einem YouTube-Interview mit dem Titel „Auf ein Bier mit Frank Schmidt.“
Der 49-Jährige ist zudem durch und durch ein Teamplayer. Einer, der sich um das große Ganze kümmert. Schmidt selbst vergleicht sich gerne mit einem Dirigenten. „Der Trainerjob ist ein bisschen so, wie ein Dirigent von einem Orchester zu sein. Du musst nicht jedes Instrument spielen können. Aber du musst wissen, wie sie zusammen funktionieren.“ Dass er genau das kann, hat er in den letzten 16 Jahren bewiesen. Frank Schmidt. Das Heidenheimer Fußball-Urgestein.
Die Bundesliga, sie war vor Saisonbeginn völliges Neuland für den 1. FC Heidenheim. Erstmals in der Vereinshistorie spielt der FCH im deutschen Fußball-Oberhaus. Und das Team von der Brenz, es geht die Herausforderung im Kollektiv an. Gemeinsam haben die Heidenheimer in der laufenden Saison bislang die meisten Kilometer (1.593) aller 18 Bundesligisten abgespult. Auch in der Rubrik „intensive Läufe“ gehört die Schmidt-Elf mit 9.942 nach Wolfsburg (10.399) zu den Spitzenreitern der Liga.
Die Gemeinschaft, sie stimmt beim FCH. Frank Schmidt gilt ohnehin als Trainer, der einen besonders guten Draht zu seinen Spielern hat. Der Teamgedanke und das Kollektiv stehen über allem. Mit beeindruckender Konstanz hat er den Klub in vergangenen acht Zweitliga-Jahren gleich sechsmal auf einen einstelligen Tabellenplatz geführt.
In Heidenheim wird außerdem auf Kontinuität gesetzt. So hat zum Beispiel der Vorstandsvorsitzende des Klubs, Holger Sanwald, den Heidenheimer Aufstieg vom Amateur- zum Bundesliga-Klub erst als Stürmer, dann als Abteilungsleiter und schließlich als Vorstandsvorsitzender von der Landesliga an begleitet und vorangetrieben. Und auch die Trainerbank ist bekanntlich seit 16 Jahren gleich besetzt.
… diesen Mann mit dem roten Vollbart. Früher glattrasiert, heute mit Bart im Wikinger-Stil. Sein absolutes Markenzeichen? Könnte man meinen, zumindest wenn es da nicht noch seinen beeindruckenden linken Fuß geben würde. Mit diesem macht der 24-Jährige seit ein paar Jahren enorm auf sich aufmerksam – zunächst in der 2. Liga, jetzt sogar im deutschen Fußball-Oberhaus. Jan-Niklas Beste heißt er, der Top-Scorer des 1. FC Heidenheim. Fünf Treffer selbst gemacht, dabei eines schöner als das andere – mal ein Freistoß unter die Latte, mal ein Freistoß in den Winkel. Sogar den Titel „Tor des Monats“ hat er mit einem seiner Standards in dieser Saison schon eingeheimst. Dazu fünf Treffer vorbereitet. Mit insgesamt zehn Torbeteiligungen war er an über 50 Prozent der Saisontore seiner Mannschaft direkt beteiligt.
Dass der in Hamm geborene Linksfuß einmal so durchstarten würde, daran hatte er einst vermutlich nicht einmal selbst geglaubt. „Ich habe mich von einem Faserriss zum nächsten geschleppt“, erklärte er in einem Sky-Interview und fügte an: „Natürlich zweifelt man da, ob der eigene Körper überhaupt für den Profifußball geschaffen ist.“ Aber Beste ist das beste Beispiel für ein Stehaufmännchen. Einer, der sich von so zahlreichen Verletzungen nie unterkriegen ließ, stattdessen mit Geduld und Ehrgeiz ständig an sich arbeitete. Das tat er in der Jugend bei Borussia Dortmund, dann in der zweiten Mannschaft von Werder Bremen sowie bei seinen zwei Leihen in den Niederlanden beim FC Emmen und bei Jahn Regensburg, bei denen er zunächst immer wieder vom Verletzungspech verfolgt wurde. Der richtige Durchbruch dann, der gelang ihm beim 1. FC Heidenheim.
Eine Liebe auf den ersten Blick? Nein, ganz und gar nicht. Schließlich hatte sich Beste die Stadt an der Brenz vor seinem Wechsel im Sommer 2022 nicht einmal angeschaut, wie er selbst zugab. Daher eher die Liebe aufgrund des ersten Hörens? „Ich habe zweimal mit Frank Schmidt telefoniert, war sehr angetan von dem, was er mit der Mannschaft und auch mit mir vorhat, hatte auch noch nie so positive Gedanken bei einem Gespräch – und zwei Tage nach dem zweiten Gespräch stand ich schon in Heidenheim auf der Matte“, erinnerte sich Beste anlässlich seiner Vorstellung beim FCH. Den Wechsel hat er bislang in keiner Sekunde bereut. Gleich in seinem ersten Jahr gelang ihm mit Heidenheim der Aufstieg, jetzt darf er sich Bundesliga-Spiel nennen. Dabei immer mit von der Partie? Dieser rote Vollbart im Wikinger-Stil, der sogar die Aufstiegsfeier überlebte, obwohl so einige seiner Mannschaftskameraden liebend gerne den Rasierapparat in die Hand genommen hätten. „Ich habe vier Tage nach dem letzten Saisonspiel geheiratet. Da konnte ich unmöglich zulassen, dass er vor meiner Hochzeit abkommt“, formte Beste seinen von roten Barthaaren umgegeben Mund zu einem Lächeln und grinste in die Sky-Kamera.
Das Abschneiden des 1. FC Heidenheim in den vergangenen 15 Jahren:
| Spielzeit | Liga | Platzierung |
| 2022/23 | 2. Bundesliga | 1. |
| 2021/22 | 2. Bundesliga | 6. |
| 2020/21 | 2. Bundesliga | 8. |
| 2019/20 | 2. Bundesliga | 3. |
| 2018/19 | 2. Bundesliga | 5. |
| 2017/18 | 2. Bundesliga | 13. |
| 2016/17 | 2. Bundesliga | 6. |
| 2015/16 | 2. Bundesliga | 11. |
| 2014/15 | 2. Bundesliga | 8. |
| 2013/14 | 3. Liga | 1. |
| 2012/13 | 3. Liga | 5. |
| 2011/12 | 3. Liga | 4. |
| 2010/11 | 3. Liga | 9. |
| 2009/10 | 3. Liga | 6. |
| 2008/09 | Regionalliga Süd | 1. |