„Eine hochverdiente Niederlage“
Wir haben die Stimmen nach der deutlichen Auswärtsniederlage beim KSC zusammengefasst.
Seit 20 Jahren hat der BVB sein erstes Bundesligaspiel in einem neuen Jahr nicht mehr verloren. Im Januar 2004 unterlag man zuletzt gegen den Erzrivalen aus dem Ruhrgebiert, den FC Schalke 04 mit 0:1. Es folgten 14 Siege und fünf Unentschieden in den „Neujahrspartien.“ Eine Bilanz, die der SV 98 selbstverständlich gerne ändern würde. Wohlwissend, dass mit dem Champions-League Achtelfinalisten eine große Herausforderung bevorsteht. Vor dem Duell am Samstagabend (13.01/18.30 Uhr) nehmen wir die Borussia aus Dortmund in unserem Gegnercheck genauer ins Visier.
27. Mai 2023. Nur 90 Minuten trennen den BVB von der ersten Meisterschaft seit 2012. Die Borussen haben vor dem 34. Spieltag zwei Punkte Vorsprung auf den FC Bayern München und somit im Heimspiel gegen den 1. FSV Mainz 05 alles in der eigenen Hand. Eine ganze Stadt fiebert dem Anpfiff seit Tagen entgegen. Doch in der 15. Spielminute wird es für einen kurzen Moment still Stadion. Der Außenseiter aus Mainz geht in Führung. Keine zehn Spielumdrehungen später legen die Rheinhessen sogar noch den zweiten Treffer nach und versetzen den Signal Iduna Park in Schockstarre. Doch weil sich auch der FC Bayern München im Fernduell beim 1. FC Köln schwer tut, sieht es lange so aus, als könne der BVB trotz einer Niederlage die Meisterschaft bejubeln. In der 89. Minute dann die Hiobsbotschaft aus dem Rheinland: Jamal Musiala trifft nicht nur rechts unten ins Eck, sondern auch mitten in das Herz der Borussia. Obwohl der BVB in der Nachspielzeit noch zum Ausgleich kommt, reicht es am Ende nicht mehr für den Meistertitel und den Schwarz-Gelben Traum.
Mit erneut großen Zielen angetreten, ist der BVB in der aktuellen Saison noch ein wenig auf der Suche nach Konstanz und wartet mittlerweile seit Ende November auf einen Dreier. Auch im DFB-Pokal mussten sich die Schwarz-Gelben nach einer Niederlage beim VfB Stuttgart vorzeitig aus dem Wettbewerb verabschieden. Demgegenüber steht allerdings eine bis dato bärenstarke Champions-League-Saison. In der „Todesgruppe“ mit Paris St. Germain, AC Mailand und Newcastle United qualifizierten sich die Dortmunder als Gruppensieger für das Achtelfinale. Am kommenden Samstag (13.01/18.30 Uhr) möchte der BVB mit einem Auswärtssieg am Bölle auch in der Liga wieder auf die Erfolgsspur einbiegen. Sie dürften allerdings gewarnt sein, denn die Lilien konnten ihr letztes Heimspiel gegen den Westfalenclub am 11. Februar 2017 mit 2:1 für sich entscheiden.
„Wir sind alle am Borsigplatz geboren. Haben früh schon, doch für alle Zeiten unser Herz verloren“, heißt es in einem Fanlied aus Dortmund. Zeilen, die auch auf den Cheftrainer der Borussia nahezu perfekt zutreffen. 1982 wurde Edin Terzic knapp 30 Kilometer entfernt von Dortmund, und eben jenem Borsingplatz, geboren. Sein Weg? Die außergewöhnliche Aufsteigergeschichte eines Fans. Mit neun Jahren stand der heute 43-Jährige das erste Mal auf der Süd, Dortmunds gelber Wand. „Danach war klar, für wen das Herz schlägt. Aber ich habe es nicht ansatzweise gewagt, davon zu träumen, dass ich mich mal in so einer Position befinde“ erzählte Terzic auf seiner ersten Pressekonferenz im Dezember 2020, während er heute bereits in seiner insgesamt dritten Amtszeit als Cheftrainer der Borussen agiert.
Dabei führt Terzic lange ein Leben fernab von der großen Welt des Profifußballs. Surfurlaube, ein Studium an der Bochumer Universität im Bereich Sportwissenschaften, Fußballtraining und die Begegnung mit der großen Liebe. Letzendlich führte der Weg dann aber doch zu seinem Herzensverein, bei dem er im Alter von 28 Jahren als Scout und Jugendtrainer anheuerte. Während seiner Zeit als Spielerbeobachter wurden unter anderem Robert Lewandowski, Łukasz Piszczek, Shinji Kagawa, İlkay Gündoğan, Ivan Perišić und Marco Reus für die erste Mannschaft verpflichtet. Außerdem trainierte er zwischen 2010 und 2013 gemeinsam mit seinem ehemaligen Kommilitonen Hannes Wolf verschiedene Nachwuchsmannschaften des BVB, ehe es ihn in die Türkei zu Beşiktaş Istanbul zog.
Dort stand er als Co-Trainer von Slaven Bilic für zwei Jahre an der Seitenlinie, bis das Duo anschließend auf die Insel zu West Ham United wechselte. Das Engagement bei den „Hammers“ endete vorzeitig im Laufe der zweiten Spielzeit, als der Club aus dem Westen Londons mehr und mehr in den Tabellenkeller abrutschte.2018 folgte dann die Rückkehr an den Borsigplatz und Dortmunder Borussia. Als Assistent-Coach von Lucien Favre sammelte Edin Terzic seine ersten Erfahrungen mit den Profis des BVB. Nach der Entlassung des Schweizers, übernahm dann Terzic die Geschicke am Spielfeldrand. „Für Nervosität blieb da bislang gar keine Zeit“ beteuerte er vor seinem ersten Spiel als Cheftrainer auf dem BVB-Pressepodium. Und so stand Edin Terzic, 27 Jahre nachdem er als kleiner Junge das erste Mal auf der Dortmunder Südtribüne seinen Lieblingsverein anfeuerte, auf einmal als Verantwortlicher in der Coaching-Zone – ein Werdegang, den sich der kleine Edin wohl nie hätte träumen lassen. Noch in derselben Saison (2020/21) schrieb der 43-Jährige mit dem Pokalgewinn sein persönliches Fußballmärchen und gewann gleichzeitig die Herzen der BVB-Fans. „Seit 2010 bin ich im Mitarbeiterstab bei Borussia Dortmund. Ich war hier nahezu in jedem Winkel dieses Stadions. Heute auf dem Podest zu stehen ist unglaublich. Es ist ein unbeschreibliches Gefühl“, ließ er ganz Fußball-Deutschland auf der abschließenden Presse-Konferenz an seinen Emotionen teilhaben.
Für die Dortmunder schien es wie eine Momentaufnahme, denn nach der Verpflichtung von Trainer Marco Rose, zog sich Terzic aus dem Rampenlicht zurück und agierte in der folgenden Saison im Hintergrund als technischer Direktor. Doch nur ein Jahr ein später wurde er erneut von den Verantwortlichen auf die Cheftrainer-Position berufen. „Edin ist ein guter Fußballfachmann, der den Club Borussia Dortmund in seinen kompletten Verästelungen kennt und eine besondere Verbindung zum Verein hat“, bestätigte Hans-Joachim Watzke im vereinsinternen Interview.
Mit der Rückkehr an die Seitenlinie folgte eine emotionale Saison, die um ein Haar mit der Meisterschaft gekrönt worden wäre. Doch auch wenn das Warten auf die Schale in Dortmund weiterhin anhält und aktuellen Leistungen in der Bundesliga nicht ganz den Saisonzielen entsprechen, ist Edin Terzic der Trainer, dem sowohl der Verein als auch die Fans den Rücken freihalten.
| Top-Torjäger | Top-Vorlagengeber |
| Julian Brandt, 5 Treffer | Julian Brandt, 7 Vorlagen |
| Niclas Füllkrug, 5 Treffer | Niclas Füllkrug, 5 Vorlagen |
| Donyell Malen, 5 Treffer | Emre Can, 2 Vorlagen |
| Marco Reus, 3 Treffer | Felix Nmecha, 2 Vorlagen |
| Julian Ryerson, 3 Treffer | Julian Ryerson, 1 Vorlage |
Offensiv und attraktiv, viel Tempo, hohes Pressing, lange Ballbesitzphasen und Umschaltaktionen kennzeichnen die Spielphilosophie der Dortmunder. Ein Spielsti, von dem für die Gegner im Optimalfall eine drückende Dominanz ausgeht. Die dafür benötigten Mittel sucht Trainer Terzic situativ aus und bedient sich abhängig von Gegner und eigener Kaderzusammensetzung an den unterschiedlichsten Stilformen. Allerdings zeigen das Aus der Schwarz-Gelben im DFB-Pokal sowie der fünfte Platz in der Bundesliga, dass im bisherigen Saisonverlauf nicht alles so funktionierte, wie man es sich rund um den Signal Iduna Park vorstellt. Dabei mithelfen, die eigene Dominanz zurückzugewinnen, sollen im neuen Jahr auch Nuri Şahin und Sven Bender, die neuen Co-Trainer der Borussia, die Cheftrainer Terzic nun unterstützen: „Sie sind sehr lebendig. Ich halte viel von beiden, sehr viel. Es sind echt gute Jungs, die sich auf dem Platz direkt zeigen, lautstark sind und versuchen voranzugehen, aber auch den Weg aufzuzeigen“, berichtete Julian Brandt im Gespräch mit dem kicker. Vor allem Nuri Şahin soll eine Stärke vom BVB zurückbringen – das Aufbauspiel über die Zentrale. Denn Dortmund ist bekanntlich am stärksten, wenn sich die Offensivabteilung in hoher Geschwindigkeit in offenen Räumen bewegt. Die Konsequenz daraus ist, dass der Spielaufbau des BVB der entscheidende Teil des gesamten Borussen-Spiels ist, um schlussendlich insbesondere Niclas Füllkrug in Szene zu setzten. Der 30-Jährige Nationalspieler gehört neben Julian Brandt und Donyell Malen zu Dortmunds wichtigsten Offensivspielern.
Es wird entscheidend für die Lilien sein, Dortmund nicht die Möglichkeit zu geben, die zentralen Räume zu dominieren und somit zu verhindern, dass die alte Stärke der Schwarz-Gelben wieder auflebt.
… einen Spieler, der nicht immer Feuer und Flamme für den Fußball gewesen ist. „Ich war zwar im Verein angemeldet, aber auf dem Platz habe ich mehr Gänseblümchen gepflückt als alles andere“, erzählte Julian Brandt in einem Interview mit fussball.de über seine ersten Berührungen mit dem runden Leder. „Ich sollte dann im Verein abgemeldet werden, aber bevor das passiert ist, habe ich dann doch irgendwann angefangen, mehr zu spielen als zu pflücken“, führte der 27-Jährige Borusse weiter aus.
Fred Wirth, Brandts allererster Fußballtrainer, sah sich damals in der Verantwortung, dem kleinen Julian einen ersten Anstoß zu geben und holte ihn gemeinsam mit der Mannschaft Hand in Hand auf den Platz des SC Borgfeld, um ihm den Spaß am Fußball nahezubringen.
Die Lust am Fußball? Bis heute die größte Triebfeder für Brandt: „Ich versuche, mich immer daran zu erinnern, warum wir eigentlich Fußball spielen: weil wir schon als kleine Kinder Spaß daran hatten“, beschrieb Julian Brandt seine Motivation im Gespräch mit fussball.de. „Es wäre für mich das Schlimmste, wenn man mir ansähe, dass ich keinen Spaß mehr am Fußball hätte, denn dann müsste ich mir eingestehen, die Basis für alles verloren zu haben.“ Und so wurde der Fußball schnell das Wichtigste für den kleinen Jungen, seine Brüder und die Freunde aus der Bremer Nachbarschaft. „Unsere Bälle wurden zerstochen, weil es den Nachbarn auf die Nerven gegangen ist, dass ständig Bälle in deren Gärten geflogen sind“, verriet Brandt schmunzelt in einem vereinsinternen Interview.
Julian Brandt ist ein geerdeter Familienmensch, der so oft es geht auch bei seinen Eltern in Bremen vorbeischaut oder in Köln bei seinem Bruder Jannis. „Wenn er mal am Wochenende bei uns ist, dann ist es für ihn auch wichtig, mit zum Platz in Borgfeld zu gehen, denn da kennt er viele Leute noch. Das ist für ihn und für uns Heimat“, berichtete Vater Jürgen Brandt stolz im Gespräch mit fussball.de. Er selbst war früher Trainer seines ältesten Sohnes und agiert heute sogar als sein Berater. Den Vater als Trainer, das ist nicht immer einfach. Julian Brandt erinnerte sich im Interview: „Für mich hatte das Vorteile, aber auch Nachteile. Ähnlich war es für meinen Vater. Er musste immer den Eindruck vermeiden, dass er sein Kind bevorzugt. Manchmal hat er es dabei übertrieben, ich hatte es nicht immer einfach bei ihm. Aber insgesamt hat er es sehr gut gemacht.“
Und der Rest? – Geschichte. Nachdem er mit den A-Junioren der Wolfsburger deutscher Meister werden konnte, wechselte der Offensiv-Mann zu Bayer Leverkusen und gab im Alter von 17 Jahren sein Bundesligadebüt. 2019 folgte dann der Wechsel zu Borussia Dortmund. „Ich bin nach Dortmund gegangen, weil ich einfach Bock darauf hatte. Ich will mich nicht einfach nur an einen Verein verkaufen“, brachte der damals 23-Jährige zum Ausdruck. Neben seiner Bundesliga-Karriere spielte Brandt zudem seit der U15 auch im Trikot der Nationalmannschaft und hofft auch im kommenden Sommer bei der Heim-EM ein Teil der Auswahl von Julian Nagelsmann zu sein.
Mittlerweile gilt Julian Brandt längst als ein Mann für das Besondere. Er gilt als Unterschiedsspieler. Und als Zocker. Allein in den 16 Bundesliga-Partien vor Weihnachten war der deutsche Nationalspieler an zwölf Treffern der Borussia direkt beteiligt. Ein Spaßfußballer, der das Schwere so leicht aussehen lässt und Lockerheit zu seinem Markenzeichen erhebt, wie der Kicker einst über ihn schrieb. Und das obwohl seine Karriere zu Beginn fast an der Faszination für Gänseblümchen gescheitet wäre.