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23.11.2023 / Profis

„Hat sich völlig surreal angefühlt“

Erst zum zweiten Mal in seiner Geschichte hat sich Albanien für eine Europameisterschaft qualifiziert. Klaus Gjasula war Teil dieses besonderen Erfolgs, der ein ganzes Land in den Feiermodus versetzte. Wir haben mit dem 33-Jährigen über dieses Erlebnis gesprochen, den Blick aber auch schon auf die kommende Partie in Gjasulas Heimatstadt Freiburg gerichtet.

March 27, 2023, Warsaw, Poland: Klaus Gjasula of Albania seen during the UEFA EURO, EM, Europameisterschaft,Fussball 202
Foto: Imago Images

Klaus, erst einmal unseren herzlichen Glückwunsch zur erfolgreichen EM-Qualifikation.

Gjasula: Vielen Dank.

Für Albanien ist es nach 2016 die zweite Teilnahme an einer EM-Endrunde. Entsprechend groß dürfte die Begeisterung sein?

Gjasula: Die Menschen in Albanien warten sehnsüchtig auf solche Ereignisse, weil sie sonst häufig nicht so viel besitzen oder im Alltag wirklich vor großen Herausforderungen stehen. Und solche Dinge geben ihnen die Kraft, um positiv zu bleiben und nach vorne zu schauen. Man spürt wirklich, welche Bedeutung die Nationalmannschaft hat. Alleine deshalb war es ein unbeschreibliches Gefühl, diese Menschen alle stolz gemacht zu haben. Und selbstverständlich waren wir Spieler auch stolz auf das Erreichte.  

Was bedeutet die Qualifikation dir persönlich? 2016 warst du ja noch nicht dabei, für dich also eine Premiere…

Gjasula: Bis dato haben die Bundesliga-Aufstiege in meiner Karriere die größten Gefühle ausgelöst. Aber diese Qualifikation ist absolut vergleichbar. Und dadurch, dass alle Albaner weltweit mitgefiebert haben, fühlt es sich vielleicht sogar noch ein wenig größer an.

Ihr habt die Qualifikation bereits am Freitag in Moldau fix gemacht, am Montag standen dann noch ein letztes Heimspiel und eine entsprechend große Party auf dem Programm. Hast du dort dann realisiert, was ihr erreicht habt?

Gjasula: In Moldau hat es sich für mich noch völlig surreal angefühlt, es war schwer, diese Emotionen zu sortieren. Am Montag vor den eigenen Fans und mit dem Feuerwerk und den Feierlichkeiten habe ich dann so richtig kapiert, was wir geleistet haben.

Zumal ihr in der Gruppe mit Tschechien und Polen nicht unbedingt der Favorit gewesen seid. Habt ihr immer an eure Chance geglaubt?

Gjasula: Auf jeden Fall. Die beiden anderen Teams waren sicherlich die Favoriten, aber intern haben wir uns schon gesagt, dass wir es packen können. In der WM-Qualifikation sind wir noch knapp an Polen gescheitert, aber vom Gefühl her war es so, dass bei ihnen eine Ära langsam endet, während unsere aktuell so richtig beginnt. Schlussendlich waren die Heimspiele der entscheidende Faktor für uns.

Die Qualifikation ist euch mit dem neuen Trainer Sylvinho gelungen. Hat es dich gefreut, dass er trotz deiner Verletzungen immer auf dich gesetzt hat?

Gjasula: Absolut. Ich wusste nicht genau, wo ich stehe, als der Trainerwechsel vollzogen wurde. Ich hatte immer wieder ein paar Probleme mit Verletzungen und habe dann im März gegen Polen mein erstes Spiel über 90 Minuten gemacht. Obwohl ich in den sechs Monaten zuvor verletzungsbedingt überhaupt keine Spielpraxis gesammelt hatte. Das hat mir gezeigt, dass er auf mich setzt. Leider kam dann in der Sommerpause die nächste Verletzung, aber trotzdem hat er mir immer ein sehr gutes Gefühl gegeben.  

Nun bist du mit diesem Erfolgserlebnis zurück am Bölle. Nimmst du den Schwung mit in die Arbeit beim Verein?

Gjasula: Es läuft alles leichter und einfacher, wenn man mit Rückenwind und Euphorie seinem Job nachgeht. Ich hoffe, dass ich dieses gute Gefühl auch ein wenig auf die anderen übertragen kann.

Deine Mitspieler haben sich sicherlich mit dir über die Qualifikation gefreut…

Gjasula: Sie haben mir schon vor und nach den Spielen geschrieben, das war bereits ein schönes Gefühl. Aber Nachrichten sind das eine, den Jungs dann hier in die Augen zu sehen und sie zu umarmen, das war nochmal etwas anderes.

Und die besondere Woche geht direkt weiter. Am Samstag geht es in deine alte Heimatstadt.

Gjasula: Für mich ist das ein spezielles Spiel. In Freiburg, in der Stadt, in der ich aufgewachsen bin und in der meine Familie und meine Kindheitsfreunde leben. Ich kann es kaum erwarten und ich hoffe natürlich, dass ich direkt weiterfeiern kann. (lacht)

Die Geschichte, wie es zu Freiburg als deiner Heimatstadt kam, ist ja durchaus eine besondere…

Gjasula: Meine Eltern sind über Italien und die Schweiz mit dem Zug nach Deutschland gekommen und die erste größere Stadt war dann Freiburg. Und mein Vater hat rausgeguckt und zu meiner Mutter gesagt: ‚Wollen wir hier aussteigen? Oder sollen wir noch weiterfahren? ‘ Sie sind ausgestiegen und wir wurden Freiburger.

Kommen dir solche Gedanken in so einer Woche nochmal in den Kopf?

Gjasula: Zu einhundert Prozent. Je älter ich werde, desto häufiger denke ich daran, was meine Eltern geleistet haben und welchen Weg sie gegangen sind. Ich habe auch in Albanien jetzt viel an sie gedacht, weil es nun mal ihre ursprüngliche Heimat ist und nun werden sie auch in Freiburg im Stadion sein und ich freue mich einfach, ihnen etwas zurückgeben zu können. Es ist schon ein wenig verrückt, dass die Qualifikation mit Albanien und das Spiel in Freiburg innerhalb von wenigen Tagen aufeinanderfolgen.

Obwohl du in Freiburg aufgewachsen bist, hast du nie beim Sportclub gespielt. Gab es nie Kontakt?

Gjasula: Ich war früher recht klein und nicht besonders schnell. Ich war nicht schlecht, aber für den SC hat es nicht gereicht, so ehrlich muss man sein. Ich war dort zwar in der Jugend für ein paar Wochen im Probetraining, aber es hat sich nichts daraus entwickelt. Ich musste dann einen anderen Weg gehen und habe den Schritt aus Freiburg hinaus gewagt.

Deine persönliche Bilanz weist bislang zwei Duelle mit dem SC auf, beide aus der Bundesliga-Saison mit Paderborn. Das Auswärtsspiel habt ihr damals sogar gewonnen, entsprechend gute Erinnerungen?

Gjasula: Auf jeden Fall und ich bin auch für den kommenden Samstag davon überzeugt, dass wir etwas mitnehmen können. Es muss vieles passen, aber ich hoffe auf ein Déjà-vu. (grinst)

Freiburg hat sich in den vergangenen Jahren zu einem Top-Verein in Deutschland entwickelt, wie hast du diese Entwicklung verfolgt?

Gjasula: Vor der Arbeit des SC Freiburg muss man den Hut ziehen. Die Kontinuität, verbunden mit einer stetigen Weiterentwicklung, nötigt mit der höchsten Respekt ab. Sie schaffen es immer wieder, junge Spieler in ihre Mannschaft einzubauen und bleiben trotz regelmäßiger Abgänge von Leistungsträgern immer konkurrenzfähig und sind mittlerweile regelmäßig international vertreten.

Trotzdem wollt ihr dort bestehen. Worauf wird es am Samstag ankommen?

Wir müssen giftig sein und die Zweikämpfe für uns entscheiden. Freiburg ist eine Mannschaft, die richtig guten Fußball spielen kann, aber wir müssen es schaffen, dass sie nicht zur Entfaltung kommen werden.  

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