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17.12.2023 / Profis

„Nicht hadern, weitermachen“

„Im Fußball kann alles passieren.“ Unzählige Male wird diese Phrase genutzt, wenn es darum geht, die Faszination für die populärste Sportart der Welt zu erklären. Der Überraschungscoup des Underdogs über das Spitzenteam. Der Punktgewinn des Außenseiters beim hohen Favoriten. Das Pokal-Aus des Meisters bei einem Drittligisten. Es sind diese Beispiele, die dafür sorgen, dass jeder Fan an jedem Wochenende darauf hoffen kann, nach Abpfiff einen Sieg der eigenen Mannschaft zu bejubeln. Unabhängig von Gegner, Tabellensituation oder dem Personal, das an diesem Tag auf dem Rasen steht. Eine Hoffnung, die immer wieder für die Leidenschaft, das Knistern und Mitfiebern in den Stadien sorgt. Und dafür, dass eine sachliche Bewertung aufgrund dieser Emotionen häufig ein wenig auf der Strecke bleibt.

Nach der 0:1 Niederlage gegen den VfL Wolfsburg versammelt sich die Mannschaft vor der Südtribüne und geht in den Austausch mit den Fans
Foto: SV 98

Lovro Majer. Der Torschütze des einzigen Treffers der Begegnung der Lilien mit dem VfL Wolfsburg ist ein gutes Beispiel dafür. Das Internetportal www.transfermarkt.de weist die Ablösesumme, die der VfL vor der Saison für den kroatischen Nationalspieler zahlte, mit 25 Millionen Euro aus. Das ist deutlich mehr Geld, als der SV 98 in seiner kompletten Vereinsgeschichte in Summe für all seine Neuzugänge ausgab. Man könnte also meinen, es sei logisch, dass ein solcher Spieler in einem Bundesligaspiel am Böllenfalltor den Unterschied macht. 63 Minuten waren im Merck-Stadion gespielt, als eben dieser Majer den ersten richtigen Torschuss seiner Mannschaft prompt in die Maschen setze. „Wir waren einmal unachtsam und gehen dann in den Rückstand“, erklärte Torsten Lieberknecht später angesichts der spielentscheidenden Situation und ergänzte mit Blick auf den Torschützen: „Wenn man vergleicht, wer dort das Tor schießt und wer bei uns versucht hat, ein Tor zu schießen, dann sieht man auch die Unterschiede. Aber damit wollen wir nicht hadern.“

Und trotzdem sind es Spieler wie Majer, die logischerweise die Wahrscheinlichkeit für ihre Farben erhöhen, eine Partie zu gewinnen. Ähnlich wie es eine Überzahlsituation tut. Denn zur Wahrheit und der angestrebten sachlichen Bewertung gehört eben auch, dass der SV 98 mehr als eine Stunde lang mit einem Mann mehr auf dem Feld stand. „Mit Ausnahme der guten Chance für Luca hatten wir nicht wirklich viele Abschlüsse. Und das ist in Überzahl einfach zu wenig“, resümierte daher Marcel Schuhen auf gewohnt ehrliche Art, während Emir Karic konkretisierte: „Wir haben Wolfsburg schon hinten reingedrückt, aber wir haben teilweise nicht schnell genug gespielt, die Box nicht richtig besetzt und vielleicht hat auch die letzte Geilheit gefehlt, den Ball über die Line zu drücken.““

Cheftrainer Lieberknecht nannte es das „fehlende Näschen“, welches seiner Mannschaft in den gefährlichen Situationen in und um den Strafraum abgegangen sei. Die Lilien versuchten bis zum Abpfiff in der 96. Minute alles, doch die kompakten Gäste und Torhüter Koen Casteels verhinderten einen Darmstädter Treffer. „Und trotzdem haben Einstellung und Willen auch heute wieder gestimmt“, hob Schuhen hervor: „Bei uns stimmt diese mentale Ebene absolut. In so einer Phase wird ja häufig nach Einstellung, Willen und Motivation gefragt. Daran liegt es nicht. Wir probieren, machen und tun.“

Auch Lieberknecht schlug in eine ähnliche Kerbe: „Man sieht jede Woche, dass sich die Mannschaft vernünftig präsentiert und eine gute Einstellung mitbringt.“ Zumal die Lilien gegen Wolfsburg auf zahlreiche Akteure verzichten mussten, das Fehlen diverser Stammspieler aber keineswegs als Ausrede nutzen wollten, wie Schuhen und Karic unisono herausstellten.

"In so einer Phase wird ja häufig nach Einstellung, Willen und Motivation gefragt. Daran liegt es nicht."

Marcel Schuhen, Torhüter des SV 98

Enttäuscht, aber nicht resignierend

Überhaupt war den Lilien zwar eine große Enttäuschung über die Niederlage anzumerken, von Resignation sind die Südhessen aber weiterhin weit entfernt. Zumal eine solche Situation von Beginn an mit einkalkuliert und vom Großteil der Fußballwelt auch erwartet worden war. „Als Überraschungsaufsteiger weiß man, was auf einen zukommt“, so Lieberknecht. Nämlich ausschließlich Mannschaften, deren individuelle Qualität höher als die eigene ist. Teams, mit Spielern wie Majer in ihren Reihen. Gegner, gegen die jeder einzelne Punkt aufgrund der unterschiedlichen Voraussetzungen mindestens als kleine Überraschung gewertet werden kann. Natürlich bleibt jedes verlorene Spiel „einfach ein großer Mist“, wie Schuhen zugab, doch auch jetzt werden die Lilien ihren Weg weitergehen. „Es gibt zwei Möglichkeiten. Weitermachen oder aufhören. Und ich bin für weitermachen. Weil wir zeigen, dass wir in der Lage sind, in der ersten Liga zu punkten.“

Mit diesen Worten gab Lieberknecht die Marschroute für die weitere Saison vor. 

Zum Jahresabschluss nach Hoffenheim

Bereits am Dienstag steht das letzte Spiel vor der Winterpause auf dem Programm. Bei der TSG Hoffenheim. Begleitet werden die Lilien von mehr als 2000 Fans. Und erneut werden sie alle darauf hoffen, dass ihre Mannschaft die Rückreise mit Punkten antritt. So groß die Unterschiede zwischen beiden Teams auch sein mögen. Denn jede Phrase hat einen wahren Kern. Und es stimmt nun einmal, dass im Fußball alles möglich ist. Das hat der SV 98 in dieser Saison auch auf fremden Platz bereits bewiesen. Mit dem Sieg in Augsburg oder dem Punktgewinn beim SC Freiburg. Entsprechend gilt für alle, was Torsten Lieberknecht präzise zusammenfasste: „Nicht hadern, weitermachen.“

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