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18.12.2023 / Profis

TSG Hoffenheim im Gegnercheck

Eine Zeitreise in das Jahr 1991 befördert die TSG Hoffenheim zurück in die Kreisliga. Denn vor etwas mehr als 30 Jahren kickte der damalige Dorfverein noch in Deutschlands unterster Spielklasse. Doch die Kreisliga ist mittlerweile längst kein Thema mehr, mit dem sich die TSG heutzutage auseinandersetzen muss. Stattdessen spielte Hoffenheim bereits auf internationalem Parkett in der Champions- und Europa-League und etablierte sich zu einer gestandenen Bundesliga-Mannschaft. Bevor in wenigen Tagen das vierte Lichtlein angeht und der Weihnachtsmann zu Besuch kommt, nehmen wir den letzten Gegner der Lilien im Jahr 2023 noch einmal genauer ins Visier.

Mannschaftskreis der TSG Hoffenheim
Foto: Eibner-Pressefoto / Michael Weber

Im Jahr 2006 übernahm Ralf Rangnick das Traineramt in Hoffenheim. Mit ihm startete der TSG-Express eine damals noch unvorstellbare Reise, eine steile Fahrt Richtung siebten Hoffenheimer Fußballhimmel. Nach nur neun Monaten unter seiner Leitung sowie mit der Rückendeckung und finanziellen Unterstützung von Mäzen Dietmar Hopp war der erste Schritt geschafft: Der Aufstieg in Liga zwei war perfekt. Plötzlich hießen die Gegner nicht mehr Pfullendorf oder Elversberg, sondern 1. FC Köln und Borussia Mönchengladbach.

Im August 2007 ging auch die Hoffenheimer Shopping-Tour erstmals so richtig los. Als frischgebackener Zweitligist legte man kolpotierte 5 Millionen Euro auf den Tisch, um Chinedu Obasi nach Sinsheim zu holen. In 24 Einsätzen trug der Mittelstürmer mit zehn Torbeteiligungen maßgeblich zum Aufstieg in die Bundesliga im Jahr 2008 bei. Die TSG hatte damit den nächsten Meilenstein erreicht, einzig die Spielstätte fehlte den Kraichgauern noch. Also wurde wiederrum ein Jahr später der rasante Bau der knapp mehr als 30.000 Zuschauer fassenden Arena in Sinsheim abgeschlossen.

Die erste Bundesliga-Saison schloss die TSG Hoffenheim damals bereits im ersten Halbjahr mit der überraschenden Herbstmeisterschaft ab. Am Ende reichte es für Platz sieben. Seitdem hat sich Klub erfolgreich im deutschen Fußball-Oberhaus etabliert. Er kickte in Europa, kämpfe im Abstiegskampf und rettete sich auch mal in der Relegation. In der aktuellen Saison scheint die TSG Hoffenheim wieder einmal Kurs aufs internationale Geschäft genommen zu haben. Mit 23 Punkten rangiert die TSG auf Rang sieben.

Der Trainer

Optimismus, Mut und Energie sind die Triebfedern für einen 17-Jährigen, der sich dazu entschließt, in die pulsierende Metropole New York zu ziehen. Dabei spielen nicht nur diese Eigenschaften eine Rolle, sondern auch ein beachtliches Talent und Können, um an einer der renommiertesten Universitäten, der Columbia-University, ein Mathematik-Studium erfolgreich zu absolvieren. „Es war wahrscheinlich die prägendste Zeit meines Lebens. Mit 17 bin ich nach New York gezogen. Davor habe ich in einer großen, aber sehr geschützten italienischen Familie gelebt und bin dann in eine völlig neue Welt gekommen. Die Vielzahl der Angebote an der Universität und die Anonymität, in der man sich entfalten konnte, waren beeindruckend. Es waren viele intensive Eindrücke auf einmal“, erinnerte sich Pellegrino Matarazzo gegenüber dem SWR an seine ersten Schritte ins Erwachsenwerden.

Der Amerikaner mit italienischen Wurzeln hat das Studentenleben in vollen Zügen genossen. Von intensiven Lernphasen bis hin zum New Yorker Nachtleben, wie er selbst in einem vereinsinternen Interview mit seinem damaligen Club, dem VfB Stuttgart, sowie gegenüber der Zeitschrift 11Freunde erzählte: „Ich saß in Kursen mit Leuten, die so unglaublich brilliant waren, dass ich mich heute noch frage, wie solche Gehirne funktionieren. Ich musste richtig viel investieren, zwei Wochen vor den Prüfungen bin ich richtiggehend zum Lernen verschwunden. Meine Eltern haben dann nichts mehr von mir gehört, weil ich mich komplett eingeschlossen habe.“ Und weiter: „Wir waren oft nachts unterwegs, das Angebot in New York ist halt riesig. Einmal haben wir einen All-Night-Bike-Ride unternommen, also die ganze Nacht über Manhattan auf dem Fahrrad erkundet. Um fünf Uhr morgens haben wir auf der Straße ein Möbelstück gefunden, von dem einer meiner Freunde meinte, dass es ideal sei, um daraus eine Bar zu machen. Also haben wir es nachts durch die Stadt geschleppt und in unserem Wohnheim die „Upper Ninety“ gemacht – eine Fußballbar, benannt nach dem oberen Torwinkel. Da haben wir dann immer Spiele im Fernsehen gezeigt.“

Doch wie kommt man von einem Mathematik-Studium in den Profifußball? Pellegrino Matarazzo, aktuell Cheftrainer der TSG Hoffenheim, stand vor dieser scheinbaren Diskrepanz. Dies mag besonders in den USA, wo Fußball zu seiner Studienzeit einen anderen Stellenwert hatte als im europäischen Raum, als ungewöhnlich erscheinen. Aber auch diese Erfahrung ist Matarazzo im Gedächtnis geblieben, wie er im Bundesliga-Interview erklärte: „Als Fußballer war ich definitiv uncool. In meinem Heimatort gab es jedoch eine kleine Gruppe von Leuten, die den Fußball für sich entdeckt hatten. Wir waren zwar in der Minderheit, aber es entstand kein schlechtes Gefühl, denn wir teilten die gemeinsame Leidenschaft für diesen Sport.“ Es war vor allem die Familie, insbesondere sein Vater, die den jungen Matarazzo für den Fußball begeisterten. „Sonntags war immer der Familientag, an dem sich unsere Familie mit den Familien der Geschwister meines Vaters bei meinen Großeltern getroffen hat. Es begann mit einem guten Essen, gefolgt von gemeinsamen Fußballspielen im Park. Zwar spielten wir auf Toren ohne Netze, aber es war immer eine riesige Gaudi“, so Matarazzo im Gespräch mit dem VfB Stuttgart. Der Fußball begleitete ihn von klein auf und entwickelte sich zu seiner großen Leidenschaft. Diese Leidenschaft führte zu dem Traum, als Fußballprofi in Europa zu spielen. Während seines Studiums kickte der Italo-Amerikaner in der Uni-Mannschaft. Nach dem Studium wollte er sich in Italien ganz dem Profifußball widmen. Doch trotz eines erfolgreichen Probetrainings bot sich keine Perspektive. „Irgendwann kehrte ich in die USA zurück und überlegte, welche Möglichkeiten ich hatte. Dann war ich wieder mit meiner Fußballtruppe im Park, ein Scout aus Deutschland sah mich und fragte, ob ich Lust auf ein Probetraining in Bad Kreuznach hätte“, erzählt er.

Letztendlich fand er seine sportliche Heimat beim 1. FC Nürnberg, wo er nicht nur als aktiver Spieler tätig war, sondern auch seine Trainerausbildung absolvierte. Nach seinem Karriereende stieg er als Co-Trainer unter Rene Müller in das Coaching-Geschäft ein. Nach langjähriger Arbeit im Nachwuchsbereich des Clubs und bei der TSG Hoffenheim folgte unter seinem Freund Julian Nagelsmann der Schritt auf die Trainerbank der Bundesliga. Von dort aus erfolgte dann seine erste eigenständige Station als Cheftrainer beim VfB Stuttgart, die zwei Jahre dauerte (2020-2022).

Mittlerweile ist er zur TSG Hoffenheim zurückgekehrt. „Ich kam nach Deutschland, ganz alleine, ohne ein Wort Deutsch zu sprechen. Jetzt bin ich Bundesligatrainer“, verkündete er stolz gegenüber dem SWR. Seine Art? Offen und ehrlich, aber auch kritisch. Sein Motto lautet: „no problems – only solutions“ – ganz im Sinne des optimistischen Amerikaners, der seine Emotionen unter Kontrolle hat.

Foto: DFL/GettyImages/Christian Kaspar-Bartke

Transfermarkt

Top-Neuzugänge Top-Abgänge
Anton Stach (25, 1. FSV Mainz 05) Christoph Baumgartner (24, Leipzig)
Attila Szalai (25, Fenerbahce) Stefan Posch (26, FC Bologna)
Mergim Berisha (25, FC Augsburg) Angelo Stiller (22, VfB Stuttgart)
Wout Weghorst (31, FC Burnley) Munas Dabbur (31, Shabab Al-Ahli)
Florian Grillitsch (28, Ajax Amsterdam) Jacob Bruun Larsen (25, FC Burnley)

Prunkstück

Gibt es eine Mannschaft, die besonders gerne auswärts spielt? Wenn man sich die Punkteausbeute der Hoffenheimer in fremden Stadien anschaut, lässt sich diese Frage wohl mit einem eindeutigen „Ja“ beantworten. In dieser Saison hat das Team aus dem Kraichgau bereits 16 von 24 möglichen Punkten in Auswärtsspielen gesammelt. Lediglich Leverkusen konnte in der Fremde mehr Zähler ergattern (17). Über die vergangenen drei Spielzeiten hinweg gelang es den Hoffenheimern nie, über die gesamte Saison hinweg auswärts mehr als 18 Punkte zu sammeln. Das Mittel zum Erfolg? Flanken. Die Kraichgauer haben bis dato 158 Flanken aus dem Spiel heraus geschlagen, die dritthöchste Anzahl in der Bundesliga. Auch bei gegnerischen Flanken stehen sie gut da. Hoffenheim hat bisher erst zwei Kopfballgegentore kassiert, nur Bayern hat in der Luft noch sicherer verteidigt.

All Eyes on ...

Mexiko gilt als eine der wahren Hochburgen des Surfsports – und die mexikanische Pipeline „Playa Zicatela“ ist die berühmteste und legendärste Welle des Landes. Wer sich auf die darauf einlässt, sollte sich der Kraft des Wassers und der Gefahr bewusst sein, dass das Surfbrett brechen kann. In den Reihen der TSG Hoffenheim gibt es jedoch tatsächlich jemand Mutigen, der sich diese Wellen zutraut – den vermutlich besten Surfer unter allen Bundesliga-Spielern, Grischa Prömel. Doch woher kommt seine besondere Verbindung zum Wassersport?

„Meine Eltern wollten früher auswandern, als ich und meine Geschwister noch ganz klein waren. Sie hatten den Traum von einem Leben in den USA und sind dann tatsächlich auch nach Santa Cruz in Kalifornien an der Westküste gezogen. Aber sie haben schnell gemerkt, dass es mit drei Kids doch nicht so leicht in den USA ist und sind deswegen zurück nach Deutschland. Aber in dem einem Jahr hat unsere Familie viele Freunde vor Ort kennengelernt, sodass wir danach in jedem Sommerurlaub unsere Freunde besuchen waren“, erzählte der Hoffenheimer Mittelfeldspieler im Podcast „Player FM“. Der Ort Santa Cruz gilt tatsächlich als kleine Surfer-Stadt. Und somit ist es klar, dass Prömel hier das Surfen kennen und lieben gelernt hat. Auch wenn das Leben als Bundesliga-Profi nicht allzu oft Reisen in ferne Länder wie Mexiko oder Kolumbien erlaubt, genießt Prömel seine Urlaube gemeinsam mit seinen beiden Brüdern daher umso mehr „Für mich gehört zum Surfen mehr als einfach nur auf dem Board zu stehen. Es geht mir um ein Lebensgefühl – rauspaddeln, nur das Wasser, die Sonne und ich“, berichtete er träumerisch in einem Gespräch mit der Berliner Zeitung. Er ist ein begeisterter Anhänger des Surfsports und dazu selbst auch noch mehr als nur ein passabler Surfer. Nun bleibt allerdings noch zu klären, wie er es geschafft hat, ein Fußballprofi zu werden, der bereits die Silbermedaille bei den Olympischen Spielen gewonnen hat und im November diesen Jahres erstmals in die Nationalmannschaft berufen wurde.

Der Ursprung, wie so oft, liegt auch hier auf dem Bolzplatz, nur wenige Schritte vom Haus entfernt. „Abends stand meine Mutter oft auf dem Balkon und pfiff, und dann wussten alle Kinder: Die Prömels müssen nach Hause“, erinnerte sich der heute 28-Jährige während der Podcast-Aufnahme. Lange Zeit schien es, als würde Prömel nach seinem Abitur ein Studium beginnen, doch in seinem letzten Saisonspiel mit der U19 der Stuttgarter Kickers traf er auf die TSG Hoffenheim samt dem damalige Trainer Julian Nagelsmann. Er entdeckte den hart arbeitenden, klassischen Box-to-Box-Spieler und holte ihn in die Jugendakademie der TSG. „In Hoffenheim war alles anders, ich habe zuerst bei einer Gastfamilie gewohnt, später im Spielerwohnheim. Die kurzen Wege und die gute Zeit wurden durch den sportlichen Erfolg noch schöner“, resümierte er in einem vereinsinternen Interview. Für den jungen Prömel begann eine lehrreiche sowie erfolgreiche Zeit. Mit dem Gewinn der Junioren-Meisterschaft erhielt er die Einladung, mit den Profis zu trainieren, wo Spieler wie Roberto Firmino, Sejad Salihović oder Sebastian Rudy auf dem Platz standen. Und bevor der aufstrebende Mittelfeldspieler es realisierte, wurde er zur U20-Weltmeisterschaft in Neuseeland berufen: „Als einziger Spieler ohne Profivertrag stand ich mit Jungs wie Julian Weigl, Julian Brandt, Levin Öztunali, Marc Stendera und Kevin Akpoguma im Kader. Trainer Wormuth hat etwas in mir gesehen und mich immer aufgestellt“, berichtete Prömel im Gespräch mit der TSG.

Von Hoffenheim zur U20-WM. Dann nach Karlsruhe, um als einziger Zweitliga-Spieler bei den Olympischen Spielen die Silbermedaille zu gewinnen. Von dort aus zu Union Berlin, um den Bundesliga-Aufstieg perfekt zu machen und sich im Oberhaus zu etablieren. Am Ende die Rückkehr zur alten Wirkungsstätte, der TSG in Hoffenheim und die Nominierung für die DFB-Elf durch seinen Entdecker Julian Nagelsmann – Grischa Prömel erlebt eine bislang besondere Karriere, die am 8. Dezember gegen den VfL Bochum mit seinem 100. Bundesliga-Spiel einen weiteren Meilenstein erreicht hat.

Foto: Eibner-Pressefoto/Michael Memmler

Hoffenheimer Meilensteine

  • Europa-League Qualifikation: 2019/20
  • Direkte Champions-League Qualifikation: 2017/18
  • Champions-League-Playoffs: 2016/17
  • Das eigene Stadion: 2009
  • Aufstieg in die Bundesliga: 07/08
  • Aufstieg in die 2. Liga: 06/07
  • Landespokal-Baden-Sieger: 04/05, 03/04, 02/03, 01/02

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