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22.10.2022 / Profis

Grenzgänger

Früh waren die Lilien aus der Kabine gekommen. Gewillt, gegen Holstein Kiel die nicht so gute erste Hälfte wettzumachen, in der der Mannschaft nach kräftezehrenden Tagen fehlende körperliche und mentale Frische anzumerken war. Während sie also mit den Hufen scharrten, auf und ab sprangen, ein paar letzte kurze Sprints vollzogen, wurde es auf den Rängen plötzlich laut. Richtig laut. Voller Inbrunst schmetterten die Heimfans ein „Allez les bleus“ auf den Rasen. Und gaben damit die Richtung für den zweiten Durchgang vor. Einem Durchgang, in dem Fans und Mannschaft gemeinsam noch mal alles für Zählbares mobilisierten. Mit Erfolg.

Foto: Holtzem

„Die zweite Halbzeit ging noch nicht mal los, da haben die Fans uns schon gepusht“, beschrieb Fabian Holland nach dem 1:1 das Geschehen vor dem Wiederanpfiff: „Und wenn man dann bei Szenen merkt, wie das Stadion aufspringt und anfeuert, nimmt man diese Momente einfach mit und kriegt eine zweite Luft.“

„Das ist einfach die Mentalität der Mannschaft“

Diese Luft – eher ein Wind – trug die Lilien durch die zweite Hälfte. Sie gingen noch mal an ihre Grenzen und darüber hinaus, wie es Trainer Torsten Lieberknecht vor der Begegnung gefordert hatte. Die elf in blau gekleideten Spieler bliesen zur Aufholjagd, urplötzlich rollte Angriff um Angriff auf das Tor der Störche. Gewiss, nicht alles funktionierte. Nicht jeder Angriff mündete in einer Großchance. Dennoch zeigte sich: Hier war eine andere Lilien-Mannschaft als noch in den ersten 45 Minuten auf dem Platz. Was war in der Kabine passiert? Nichts Weltbewegendes, wenn man den Aussagen von Torschütze Matthias Bader lauschte. „Wir haben uns in der Halbzeit noch mal zusammengerauft. In der Kabine habe ich kein einziges negatives Wort gehört, sondern nur Aufmunterndes. Und das ist einfach die Mentalität der Mannschaft.“ Keine Ausreden ob der Pokalpartie suchend, stattdessen noch mal alle Energie aufbrauchend.

Ein Zusammenspiel, das Kräfte freisetzte

Wäre der jüngste Auftritt der Südhessen gegen Borussia Mönchengladbach nicht noch allzu gut in den Köpfen, man hätte nicht erkennen können, wer unter der Woche im Pokal ranmusste. Bereits nach Abpfiff des Gladbach-Spiels hatte Holland den Satz „Das ist unser Stadion!“ auf den Bölle-Rasen gebrüllt. Der Ausspruch bewahrheitete sich auch am Freitagabend. Denn abermals hakten sich Mannschaft und Fans gemeinsam ein. Hier ein Team, das im zweiten Durchgang noch mal alle Reserven anzapfen wollte. Dort die Anhänger, die die verständliche Müdigkeit aus den Beinen singen wollten. Alle gingen an ihre Grenzen. Ein Zusammenspiel, das Kräfte freisetzte. Und zu einem insgesamt mehr als verdienten Punkt führte. Nur Kaiserslautern hat in dieser Saison (Stand Samstagmittag) mehr Punkte nach Rückstand gesammelt als die Südhessen. Weil dieser Freitagabend einmal mehr zeigte, was möglich ist, wenn sich alle einer gemeinsamen Sache verschreiben. Bedingungslose Leidenschaft und grenzenloser Einsatz für die Lilie auf der Brust. Erneut zeigte sich, was Darmstadt 98 ausmacht.

Der Lohn für die gemeinsamen Anstrengungen? Es ist bereits der 28. Saisonpunkt für die Südhessen, die damit auch im 14. Pflichtspiel in Serie ungeschlagen bleiben. Mut macht, dass die Mannschaft auch Mittel und Wege findet, um Zähler auf ihre Seite zu ziehen, wenn es mal nicht in ihre Richtung läuft. So wie im ersten Durchgang. Oder sie Herausforderungen meistern muss. So wie in der Englischen Woche. Eine Saison – um mal das Phrasenschwein zu bedienen – ist kein Sprint, sondern ein Marathon. Wichtig bei so einer langen Spielzeit ist es, eine Resilienz, eine Wehrhaftigkeit zu entwickeln. Diese wird ob der dünnen Personaldecke auch in den kommenden Wochen gefragt sein. Es kommt auf einen guten Mix zwischen Power und Pflege an. Zwischen Kräften mobilisieren und Körper regenerieren.

Acht Tage liegen nun zwischen dem Kiel-Heimspiel und der Auswärtsaufgabe beim FC St. Pauli (29.10./20.30 Uhr). Es ist der längste zeitliche Abstand eines eng getakteten Fahrplans bis zur Winterpause. Zeit also, um nach drei Partien in sechs Tagen die Stimmbänder zu schonen und fitnessmäßig zu erholen. Damit am Samstagabend erneut die Grenzen weiter verschoben werden können – auf dem Platz, auf den Rängen.

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