Foto: SV 98 20.05.2025 / Profis
Saison-Analyse: Die Lilien in 24/25
Mit dem 3:1-Heimsieg gegen Regensburg und dem Abschied von Tobias Kempe fand die Saison 2024/25 ein positives und emotionales Ende. Es war eine Spielzeit mit unterschiedlichen Phasen, Höhen und Tiefen. Es gab einige Dinge, die positiv hervorzuheben sind und auf der anderen Seite auch Themen, die besser hätten laufen können. Unsere Analyse zur zurückliegenden Runde.
Das lief gut:
Der Klassenerhalt am 31. Spieltag nach vielen Auf und Abs:
Es war sicherlich kein gutes Spiel, das die Lilien am 31. Spieltag bei Preußen Münster ablieferten. Und dennoch schafften die 90 Minuten im Preußenstadion Fakten. Durch das 1:1 sicherte sich der SV 98 den Klassenerhalt und hatte damit am 26. April Planungssicherheit für die kommende Saison. Nun könnte man meinen, dass sich ein Bundesliga-Absteiger zu einem solchen Zeitpunkt der Saison bestenfalls mit anderen sportlichen Themen als dem frühzeitigen Klassenerhalt beschäftigen müsste, aber alleine die jüngere Vergangenheit hat schon häufig bewiesen, wie herausfordernd ein Jahr werden kann, in das eine Mannschaft nach der Erfahrung eines Abstiegs starten muss. Insbesondere dann, wenn verschiedene Faktoren zusammenkommen, die man im Vorfeld einer Runde nicht immer mit einkalkulieren kann. So, wie es auch bei den Lilien der Fall war.
„Die Hypothek der vergangenen Spielzeit, der schwache Saisonstart, das unglaubliche Verletzungspech. Die nicht einfache Saison hatte viele Zutaten für ein Worst-Case-Szenario“, bilanzierte Paul Fernie noch vor Ort in Münster und hatte dabei sicherlich auch noch die Situation im Kopf, die in den ersten Tagen des Septembers beim SV 98 herrschte. Am 31. August hatten die Lilien mit 0:4 in Elversberg verloren, standen mit einem Punkt aus vier Spielen auf dem vorletzten Tabellenplatz und mussten sich nach dem Rücktritt von Torsten Lieberknecht nach einem neuen Cheftrainer umgucken.
„Auf dem Spiel steht ab sofort nicht weniger als die Existenz in der 2. Bundesliga“, schrieb der Kicker zu diesem Zeitpunkt über die Lage rund um das Merck-Stadion, um wenige Tage später, nach der Vorstellung von Florian Kohfeldt als neuem Cheftrainer, zu verlautbaren: „(…) Den Abwärtsstrudel auch eine Liga tiefer zu stoppen, wird nun Kohfeldts erste Aufgabe bei seinem neuen Verein. Ein weiterer Abstieg wäre für die Lilien nämlich nicht so leicht zu verschmerzen.“
Alleine anhand dieser Textpassagen wird deutlich, welche Thematik zu diesem Zeitpunkt die vorherrschende in Darmstadt war. Ein möglicher Klassenerhalt am 31. Spieltag schien in weiter Ferne, im weiteren Saisonverlauf verwies Florian Kohfeldt immer wieder auf die Ausgangslage und tabellarische Situation, die bei den Lilien nicht nur im September, sondern auch den gesamten Oktober an der Tagesordnung war. Dass der 42-Jährige diese Phase bei einigen Personen wieder ins Gedächtnis rufen musste, lag an einer Serie von neun ungeschlagenen Partien, die dem SV 98 zwischen den Spieltagen acht bis 16 satte 19 Punkte und den Sprung ins Mittelfeld des Tableaus bescherten.
Insbesondere das 5:1 im Heimspiel gegen den 1. FC Kaiserslautern am 14. Dezember sorgten im Umfeld und in der Medienlandschaft dafür, dass nur wenige Woche nach dem „Existenzkampf“, plötzlich eine direkte Rückkehr in die Bundesliga thematisiert wurde. „Geht es so weiter, ist Darmstadt wieder ein Aufstiegskandidat“, orakelte die BILD, während diverse Medienhäuser die Kohfeldt-Tabelle in den Vordergrund rückten, in der die Lilien nach Amtsübernahme des Fußballlehrers die meisten Punkte der Liga gesammelt hatten. Der Besungene selbst hingegen wollte weder dieses spezielle Ranking thematisieren, noch beteiligte sich der gebürtige Siegener an Hochrechnungen jeglicher Art. „Wenn wir sagen, wir wollen einen bestimmten Tabellenplatz erreichen. Was würde das an der Herangehensweise für die Spiele ändern?“, so Kohfeldt, um zu ergänzen: „Wir schauen schon auf die Tabelle, aber eher nach unten, auch wenn mir das wahrscheinlich keiner glaubt.“
Erneut dauerte es nicht lange, da erhielten diese damals als „tiefstapelnd“ (Darmstädter Echo) eingeordneten Worte eine andere Bedeutung. Auf das Spektakel gegen den FCK folgten sechs Spiele ohne Sieg, fünf dieser Partien gingen sogar verloren. Dazu kam eine extrem angespannte Personalsituation, die den SV 98 bis zum letzten Spieltag verfolgen sollte – bei nur drei Rückrundenspielen standen Kohfeldt 20 Mann für den Spieltagskader zur Verfügung. Nur 18 Zähler sammelte das Team in der Rückrunde (mehr dazu unter „Das lief nicht gut“), gerade einmal drei davon ergatterte das Team in der Fremde. Eine Bilanz, mit der am Böllenfalltor niemand zufrieden ist und die dafür sorgte, dass die Lilien eine lange Zeit immer wieder die eigene „Wachsamkeit“ betonen und den Blick auf die unteren Plätze richten mussten. Und dennoch: Angesichts des Saisonstarts, dem Zeitpunkt des Trainerwechsels, den zahlreichen Ausfällen und der schlechten Rückrundenbilanz: Ein Klassenerhalt am 31. Spieltag wird für den SV 98 niemals der Worst Case sein. Und in dieser Saison bedeutete er das Erreichen des Minimalziels in der oft thematisierten „Entwicklungssaison“.
Die Spielidee:
Wer sich die Pressekonferenzen nach den Spielen des SV 98 in dieser Spielzeit regelmäßig angesehen hat, dem dürfte sicherlich aufgefallen sein, dass die gegnerischen Trainer immer wieder ähnliche Töne anschlugen, wenn sie die Spielweise der Lilien beschrieben. „Schwer zu greifen“ seien die Südhessen für ihre Kontrahenten, das Kohfeldt-Team bespiele die Räume gut und verfüge über ein „hervorragendes Positionsspiel“. Solche und ähnliche Sätze fielen häufig und zeigten, dass die Lilien durchaus Wiedererkennungswert besitzen mit ihrer Art und Weise des Fußballs. „Zielgerichteten und dominanten Ballbesitzfußball“, hatte Kohfeldt bei seiner Vorstellung im September als wichtigen Bestandteil seiner Spielidee genannt. Merkmale, die das Auftreten des SV 98 im weiteren Saisonverlauf immer wieder prägen sollten. Die Darmstädter spielten die siebtmeisten Pässe in dieser Saison, die Passquote von 82,67 Prozent ist der sechstbeste Wert der Liga. Häufig übernahmen die Lilien in den Partien die Spielkontrolle, allerdings fehlte es in einigen Begegnungen an der Effektivität. Und dennoch: Das Ziel vom dominanten Ballbesitzfußball kann zumindest mit einem kleinen Haken versehen werden – insbesondere in der Phase, in der Kohfeldt eine Achse aus Spielern zur Verfügung stand, die für diese Art des Fußballs bestens geeignet erscheint. Nun gibt es häufig Mannschaften, die im Ballbesitz in Schönheit sterben. Entsprechend große Bedeutung hat daher auch das Adjektiv „zielgerichtet“. 497 Torschüsse gaben die Darmstädter in dieser Saison ab, nur die beiden Aufsteiger aus Köln (561) und Hamburg (504) kamen noch häufiger zum Abschluss. Der xG-Wert von 1,65 pro Partie verdeutlicht ebenfalls, dass die Lilien in nahezu jeder Partie gute Möglichkeiten auf eigene Treffer besaßen. Auch in dieser Statistik stehen mit Köln, Paderborn, Hamburg und Kaiserslautern ausschließlich tabellarische Top-Teams der Liga vor dem SVD. Schaut man allein auf die Zeitspanne zwischen dem fünften bis zum 34. Spieltag, so lesen sich viele Zahlen und Fakten im ligainternen Vergleich positiv: Die Lilien erzielten die viertmeisten Tore (54), kreierten die fünfmeisten Großchancen (51), können gleichzeitig aber auch auf den drittbesten Wert bei den XGoals der Gegner und den fünftbesten bei den zugelassenen Torschüssen verweisen.
Nun wissen wir, dass Statistiken nicht ausreichen, um Punkte zu sammeln. In diesem Fall helfen sie aber dabei, den validen Punkt „Spielidee“ zu untermauern. Die Lilien stehen für einen bestimmten Fußball und wollen diesen in der kommenden Saison weiter verfeinern und ihn noch häufiger mit schnörkellosen Elemente anreichern, die dabei mithelfen können, ausgeglichene Spiele schlussendlich auf die eigene Seite zu ziehen. Wichtig in dieser Hinsicht dürfte auch sein, dass Trainer Kohfeldt nun erstmals bereits in der Sommervorbereitung mit seiner Mannschaft arbeiten kann, nach dem die Implementierung seiner Spielweise in der zurückliegenden Spielzeit erst im September beginnen konnte. „Wir haben eine DNA entwickelt, die aber noch nicht fertig ist“, sagt Sportdirektor Paul Fernie und verbindet so eine Botschaft mit einem kleinen Arbeitsauftrag für die kommende Saison.
Die Entwicklung einzelner Spieler
Was haben Isac Lidberg, Fraser Hornby, Killian Corredor und Luca Marseiler gemeinsam? Alle vier blicken auf zweistellige Scorerwerte in der vergangenen Saison zurück. Bemerkenswert ist diese Statistik auch, weil es sich bei den vier Spielern um drei echte und mit Hornby (nach langer Verletzung) um einen gefühlten Neuzugang handelt. Das Quartett steht stellvertretend für einige Akteure, die in der zurückliegenden Spielzeit einen Schritt in ihrer persönlichen Entwicklung gehen konnten. Namentlich ergänzte Kohfeldt die Liste der Offensivspieler noch um Mittelfeld-Motor Kai Klefisch und die Verteidiger Aleksandar Vukotic, Guille Bueno und Sergio Lopez. Fabian Nürnberger wurde in der abgelaufenen Saison zum bulgarischen Nationalspieler, Lidberg feierte sein Debüt in der schwedischen Nationalmannschaft. „Wir können Spieler besser machen“, bilanziert Sportdirektor Paul Fernie, der sich dieses Ziel seit seinem Amtsbeginn immer auf die Fahne geschrieben hatte. Die Weiterentwicklung der Akteure hilft den Lilien dabei natürlich primär in sportlicher Sicht weiter, gleichzeitig ist es für einen Verein wie den SV 98 auch wichtig, immer wieder Transfererlöse erzielen zu können. Und klar ist: Wer gut spielt, steigert auch seinen Marktwert.
Das Band zwischen Fans und Mannschaft
Die abschließenden Sätze von Florian Kohfeldt auf der Pressekonferenz vor dem Spiel gegen Jahn Regensburg waren besondere. „Wir wissen, dass es nicht die allertollste Saison als Lilienfan war. Aber ich habe trotzdem wahrgenommen, dass anerkannt wurde, wie die Mannschaft gearbeitet und leidenschaftlich gespielt hat, wenn auch nicht immer erfolgreich. Einer der entscheidenden Faktoren, den wir Lilien haben, ist, dass Mannschaft und Fans ganz eng zusammenstehen.“
Schon nach dem Heimsieg gegen Hannover 96 hatte der Cheftrainer zusammengefasst: „Einer der größten Errungenschaften der Saison ist, dass das Band zwischen Mannschaft und Zuschauern wieder sehr eng ist. Das ist etwas, was für diesen Standort extrem wichtig ist. Dann kann das Bölle extrem viel Energie freisetzen.“
Trotz der schwierigen Vorsaison in der Bundesliga mit den zahlreichen Negativerlebnissen und Ergebnissen fanden Team und Anhänger bereits in der Vorbereitung auf die Saison 2024/25 wieder näher zusammen, dieses leichte Band wurde dann im Verlauf der Runde immer stärker und speziell im Merck-Stadion zu einem absoluten Pluspunkt für den SV 98. Satte 28 Punkte holten die Lilien in ihrem Wohnzimmer und gewannen fünf der letzten sechs Heimspiele am Bölle. Die Heimstärke gilt es nun in die nächste Saison zu übertragen, in der es erneut darum gehen wird, an jedem Spieltag als blau-Weiße Einheit aus Mannschaft und Fans aufzutreten.
Das lief nicht gut:
Saison- und Rückrundenstart:
Ein Punkt aus den ersten vier Spielen, ein Punkt an den Spieltagen 18 bis 22. Ergebnistechnisch waren sowohl der Start in die Saison, als auch der Re-Start nach Winterpause zum Vergessen. Und beide Phasen sorgten dafür, dass sich die Lilien lange in Tabellenregionen aufhielten, die nicht unbedingt für Wohlbefinden sorgen. Die Gründe für den doppelten Stotterstart waren dabei sicherlich sehr unterschiedlich, doch es kostete die Lilien jeweils eine Menge an Energie und Widerstandsfähigkeit, im weiteren Verlauf der Hin- und Rückrunde wieder auf die richtige Bahn einzubiegen. „Wir wollen gut in die Saison starten“, ist ein Satz, den man vor einer jeden Spielzeit deutschlandweit hört und gerne auch in das Reich der Phrasen verweist. Die vergangene Saison des SV 98 hat gezeigt, wie wichtig ein solcher positiver Start ist, wenn man nicht eine lange Zeit damit beschäftigt sein möchte, ihn wieder auszubügeln.
Die Verletzungen:
Mit Fabian Holland, Paul Will und Matthias Bader verpassten drei Spieler nahezu die komplette Saison aufgrund von Kreuzbandrissen, Christoph Zimmermann konnte aufgrund von Knieproblemen ebenfalls nur in einem einzigen Ligaspiel mitwirken. Wochenlang fehlten auch Kai Klefisch, Isac Lidberg, Philipp Förster und Oscar Vilhelmsson. Dazu kamen an nahezu jedem Spieltag weitere kurzfristige Ausfälle. „Haben wir eine Struktur herausgebildet über die Saison? Das würde ich relativ klar mit ‚nein‘ beantworten“, resümierte Kohfeldt kurz vor dem Saisonende und fügte an: „Bis auf Marcel Schuhen, Aleksandar Vukotic und Clemens Riedel stand keiner der Spieler stabil zur Verfügung, die eine Achse bilden sollten. Wir müssen also die Spielerverfügbarkeit deutlich erhöhen, um die Achse ausbilden zu können.“
Natürlich gibt es neben den Verletzungen auch andere Gründe für die punktetechnisch schwache Rückrunde und viele Spiele, in denen die Lilien trotz grundsätzlicher Überlegenheit nicht gewinnen konnten. Es dürfte aber dennoch kein Zufall sein, dass die höchste Spieler-Verfügbarkeit beim SV 98 just in die Phase fiel, in der die Lilien neun Spiele in Folge ungeschlagen blieben.
Die Rückrunde:
Wir sprachen bereits in der oberen Passage über die ersten fünf Partien der Rückrunde, in denen die Lilien nur einen Zähler ergatterten. Allerdings kamen in den übrigen 12 Partien auch nur weitere 17 hinzu. Das ist keine ganz schlechte Bilanz, verglichen mit den 22 Punkten, die das Team im selben Zeitraum der Hinrunde sammelte, aber eine klare Verschlechterung. Dabei war es keineswegs so, dass der SV 98 Woche für Woche seine Grenzen aufgezeigt bekam. Es gelang ihm viel eher nicht, enge Spiele auf die eigene Seiten zu ziehen. „Ich weigere mich zu sagen: Oh ja, das ist alles Pech. Nein, das ist kein Pech“, erklärte Kohfeldt im Anschluss an die Niederlage beim SSV Ulm Ende März. „Die Spieler müssen erkennen, dass Spiele in kleinen Momenten entschieden werden“. Und genau in diesen Momenten machten die Lilien zu häufig entscheidende Fehler. Defensiv. Und offensiv.
Die Auswärtsbilanz:
Chapeau, Lilienfans! Im Schnitt begleiteten 1800 Anhänger den SV 98 in die Fremde. Allerdings durften sie nur drei Siege auf fremden Platz bejubeln, alle in der Hinrunde. Es fällt schwer, die punktemäßige Diskrepanz zwischen Heim- und Auswärtsspielen zu erklären, der logischste Ansatz ist wohl die besondere Atmosphäre im Merck-Stadion, die den Lilien dort einen klaren Vorteil verschafft. Klar ist aber auch: Für die kommende Saison gibt es hier noch ordentlich Steigerungspotenzial.