„Eine hochverdiente Niederlage“
Wir haben die Stimmen nach der deutlichen Auswärtsniederlage beim KSC zusammengefasst.
Die zurückliegenden Spielzeiten des 1. FC Union verliefen wie im Märchen. Erst 2019 stiegen die Köpenicker erstmals überhaupt in die Fußball-Bundesliga auf. Dort sollte seither nicht nur jeweils der souveräne Klassenerhalt gelingen, in den beiden vergangenen Spielzeiten qualifizierte sich der FCU sogar für das internationale Geschäft und spielte in der aktuellen Saison in der Champions League. Prominent verstärkt für die Dreifachbelastung, starteten die Berliner sicherlich mit großen Ambitionen in die Spielzeit 2023/24. Doch neben dem Ausscheiden aus der Königsklasse und dem Pokal steht auch in der Liga derzeit nur der 15. Platz zu Buche. Vor dem Auswärtsspiel in Berlin nehmen wir die Eisernen in unserem wöchentlichen Gegnercheck noch einmal genauer unter die Lupe.
An der Alten Försterei in Berlin durchlebte man in der vergangenen Spielzeit eine Bundesliga-Saison wie aus dem Bilderbuch. Ein Märchen, das mit dem größten Erfolg der Vereinsgeschichte gekönt wurde: Der Qualifikation für die Champions-League-Teilnahme. Die Teilnahme an der Königsklasse sicherten sich die Köpenicker dabei am letzten Spieltag im Fernduell mit dem SC Freiburg. Die Ausgangslage? Simpel: Union und Freiburg waren punktgleich, die Berliner hatten aber die bessere Tordifferenz – und deshalb den Vorteil in eigener Hand. Der Gegner am 34. Spieltag? Die Bremer, die eine Woche zuvor den Klassenerhalt fix machen konnten. Zunächst ging es mit einem leistungsgerechten 0:0 in die Halbzeitpause. Ein Remis, das Union nicht half, denn der SC Freiburg führte zu diesem Zeitpunkt mit 1:0 in Frankfurt und stand damit in der Blitztabelle über den Berlinern – die Champions-League-Qualifikation war in Gefahr. Mit fortschreitender Spieldauer erhöhten die Eisernen dann das Risiko und den Druck auf den Gegner, sodass sie vermehrt zu Chancen kamen. In der Schlussphase war es dann der eingewechselte Sven Michel, der eine Flanke mit Übersicht zu Rani Khedira brachte, der wiederum das vielumjubelte 1:0 in der 81. Spielminute markierte. Damit befand sich der der 1. FC Union Berlin wieder voll auf Kurs Königsklasse, zumal die Frankfurter im Parallelspiel den Ausgleich erzielten. Am Ende gewannen die Köpenicker, blieben damit auch im 23. Bundesliga-Heimspiel ungeschlagen und erfüllten sich ihren Champions-League-Traum schlussendlich.
Ein Blick ins Hier und Jetzt. Nachdem die Köpenicker im Sommer einige prominente Transfers, wie beispielsweise Leonardo Bonucci und Kevin Volland vermelden konnten, geht der Kaderumbau mit der aktuellen Wintertransferphase in die zweite Runde. Ungleich der sensationell erfolgreichen vergangenen Spielzeiten, findet sich der FCU derzeit im Abstiegskampf wieder. Mit 14 Punkten haben die Köpenicker gerade einmal drei Punkte Vorsprung auf die Abstiegsplätze. Einige Nachjustierungen am Kader sollen dabei mithelfen, eine deutlich bessere Rückrunde zu absolvieren. Sechs Abgänge stehen derzeit zwei Neuzugängen gegenüber. Neben Bonucci haben die Rot-Weißen auch Keita Endō, Yannic Stein, David Fofana und auch den einstigen Leistungsträger Sheraldo Becker abgegeben. Für Berlins „Profi-Fußballer der Saison 2022/23“ endet das Kapitel Union somit nach 140 Partien.
Mit dem Ex-Hoffenheimer Kevin Vogt und Chris Bedia vom FC Servette Genf sind die ersten Neuzugänge fix und starten mit der Mannschaft, nach der Spielabsage am 18. Spieltag in Mainz sowie dem Nachholspiel vom 13. Spieltag gegen Bayern München (0:1-Niederlage), am kommenden Sonntag (28.1./15.30 Uhr) gegen die Lilien in ihre Bundesliga-Rückrunde.
Das Erbe von Urs Fischer war groß. Der 57-Jährige führte die Eisernen von der 2. Liga bis in die Champions League und hinterließ trotz des verkorksten Saisonstarts große Fußstapfen in Köpenick. Lange rankten sich Gerüchte um Real-Legende Raúl als Nachfolger, ehe schlussendlich Nenad Bjelica als Nachfolger vorgestellt wurde. Zu dieser Situation passt auch der Vorname des Kroaten. Nenad bedeutet übersetzt „der Überraschende“ oder „der, mit dem man nicht rechnet.“ Ein Großteil der Fußballwelt zeigte sich durchaus verwundert, angesichts dieser eher unerwarteten Personalie, Lothar Matthäus bezeichnete den 52-Jährigen gar als „Nobody“. Diese Kritik konterte Bjelica umgehend: „Wer mich Nobody nennt, weiß nichts über mich“.
Und in der Tat kann der zweifache Familienvater einen gut gefüllten Lebenslauf vorweisen. Nach verschiedenen Stationen als Spieler heuerte er als Trainer in Österreich beim FC Kärnten an. Der Vereinsmanager Günter Hafner bezeichnete Bjelica als „echten Leithammel.“ Seinen nächsten Halt legte der kroatische Fußballer des Jahres 2000 beim Wolfsberger AC ein und schaffte den Sprung von der Drittklassigkeit bis in die österreichische Bundesliga. In Österreich prägte und entwickelte Bjelica Talente wie zum Beispiel den Ex-Schalker Guido Burgstaller. Nach einer Anstellung bei Austria Wien folgten Stationen in Italien, Polen, Kroatien und der Türkei.
Nun ist Bjelica in Deutschland angekommen. „Ich will Union helfen, auf die richtige Spur zu kommen und das Maximum rauszuholen“, formuliert der neue Coach der Berliner seine Ambitionen. Der Start ist durchaus gelungen. Aus den fünf Ligaspielen unter Bjelica konnte Union sieben Zähler holen. Gegen den SV Darmstadt 98 wird der kroatische Übungsleiter allerdings nicht an der Seitenlinie stehen. Bjelica sah am vergangenen Mittwochabend (24.1.) im Nachholspiel gegen den FC Bayern München die Rote Karte und wird das Duell mit dem SV 98 daher gesperrt verpassen.
| Top-Torjäger | Top-Vorlagengeber |
| Robin Gosens, 4 Treffer | Kevin Volland, 3 Vorlagen |
| Kevin Behrens, 4 Treffer | Aïssa Laïdouni, 3 Vorlagen |
| Kevin Volland, 2 Treffer | Sheraldo Becker, 2 Vorlagen |
| Benedict Hollerbach, 2 Treffer | Josip Juranovic, 2 Vorlagen |
| Danilho Doekhi, 1 Treffer | Christopher Trimmel, 1 Vorlage |
Die Berliner beherrschen insbesondere das Kopfballspiel besonders gut. Bislang haben die Köpenicker achtmal per Kopf das gegnerische Tor getroffen, genauso wie Borussia Mönchengladbach und Werder Bremen. Nur der FC Bayern ist mit elf Treffern per Kopf noch besser im Duell um die Lufthoheit. Union köpfte insgesamt 54-mal in Richtung gegnerisches Tor. Dementsprechend schlugen die Berliner auch die zweitmeisten Flanken der Liga (210), nur beim 1. FC Köln (253) waren es mehr. Zudem erzielten die Köpenicker acht ihrer 17 Tore nach einer Standardsituation. Aus Lilien-Sicht gilt es also, auf das Flankenspiel der Eisernen zu achten und Obacht auf die gegnerischen Standards walten zu lassen.
„Am Anfang will jeder Tore schießen und nicht verteidigen.“ Diogo Filipe Monteiro Pinto Leite, kurz Diogo Leite, war zu Beginn seiner Karriere als Flügelstürmer aktiv. Bei seinem Kindheitsverein Leixões war der großgewachsene Linksfuß Topscorer und netzte regelmäßig ein. Während eines Turniers wurde er von Scouts des FC Porto entdeckt und beim portugiesischen Topklub dann zur Defensivkraft umgeschult.
Am Dienstag (23.1.) wurde der Innenverteidiger 25 Jahre alt. Zu seinem Geburtstag hat Leite eine eigene Tradition: „Ich esse jeweils ein Stück der Geburtstagskerzen und wünsche mir dann etwas.“ Nach einigen Titeln beim FC Porto kam Leite im Sommer 2022 zunächst leihweise zu den Eisernen. Obwohl der Portugiese den ersten Monat im Hotel gelebt hat, spricht er von einem warmen Empfang: „Ich habe mich gleich wie zuhause gefühlt.“ In seiner Debüt-Saison erreichte Union direkt den vierten Platz und stellte zusammen mit Bayern München die beste Defensive der Liga (38 Gegentore).
Zu dieser Saison nun wurde er für kolportierte 7,5 Millionen Euro fest an die Alte Försterei geholt. Mit 17 eigenen Toren und der drittschlechtesten Offensive der Liga könnten die Köpenicker aktuell wohl auch Leites Torjäger-Qualitäten aus Kindertagen gut gebrauchen, doch der nun 25-Jährige hat sich ganz der Defensivarbeit verschrieben. Der kopfballstarke Leite ist mit 164 gewonnenen Duellen aktuell mit Kevin Behrens der beste Zweikämpfer seines Teams. „Ich glaube, dass meine Gegner mich nicht mögen“, analysiert der Verteidiger, fügt aber an: „Außerhalb des Spiels bin ich ruhig und friedlich.“ Mal sehen, wie er am Sonntag gegen den Lilien-Sturm agieren wird.