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29.03.2025 / Profis

Analyse: Ein Lehrbeispiel für diese Saison

Nach jedem Spiel in dieser Saison erscheint auf sv98.de eine Analyse zur vorangegangen Partie. Unterteilt wird diese in verschiedene Rubriken. „Die Szene des Spiels“, „Das lief gut“, „Das lief nicht gut“ lauten die Überschriften. Wer die Texte dieser Spielzeit regelmäßig verfolgt, dem dürfte allmählich ein Muster aufgefallen sein. Allzu häufig sind es die kleinen Momente, in denen es die Lilien verpassen, ein Spiel auf ihre Seite zu ziehen. Vergebene Chancen, Fehler vor Gegentoren, falsche Entscheidungen. Regelmäßig bringt sich der SV 98 selbst um den Lohn. So auch am Freitagabend in Ulm (28.3./18.30 Uhr). Mit unserer heutigen Nachbetrachtung weichen wir daher ein wenig vom bisherigen Aufbau der Analysen ab und ordnen die Niederlage im Donaustadion auch im Gesamtkontext der bisherigen Saison ein.

"Das war heute ein Lehrbeispiel"

Als das Fachmagazin „Kicker“ in der vergangenen Woche die xG-Tabelle der 2. Liga veröffentlichte, dürfte der eine oder andere Lilienfan mit einem Kopfschütteln darauf geblickt haben. xG steht als Abkürzung für Expected Goals und ist damit als Messwert für die Effizienz einer Mannschaft vor dem Tor zu sehen. Oder noch einfacher gesagt: Welche Anzahl an Toren wäre aufgrund der vorhandenen Torchancen eines Teams wahrscheinlich gewesen und wie viele Punkte hätten sich bei entsprechender Chancenverwertung daraus ergeben? Vor der Partie beim SSV Ulm belegten die Lilien in dieser Tabelle den 5. Platz und durften sich über satte 48 Zähler freuen.

Tatsächlich fuhren die Südhessen aber als Dreizehnter und mit 31 Punkten ins Donaustadion. Und erlebten das, was in der bisherigen Saison schon viel zu häufig passierte. „Das war heute ein Lehrbeispiel“, erklärte Florian Kohfeldt nach Abpfiff angesichts eines Spielverlaufs, in dem es dem SV 98 erneut nicht gelang, die entscheidenden Momente zu nutzen. Isac Lidberg verpasste in der 40. Minute die große Möglichkeit zur Führung, die dann der SSV kurz nach dem Seitenwechsel erzielen konnte. „Da haben wir Ulm ein Geschenk gemacht, das sie dann auch annehmen“, konsternierte Kohfeldt mit Blick auf die Entstehungsgeschichte des Treffers, als es den Südhessen mehrfach nicht gelang, den Ball aus der Gefahrenzone zu bringen.

Auch die Gastgeber boten den Lilien im weiteren Spielverlauf ein solches Präsent an, doch Killian Corredor scheiterte nach einem Fehlpass in der Ulmer Hintermannschaft alleine vor dem Keeper. Es wäre das 2:2 gewesen. Es sind exakt diese Unterschiede, die Kohfeldt meint, wenn er davon spricht, dass seine Spieler ihr „Verantwortungsbewusstsein für solche Situationen“ erhöhen müssen, also das Gespür für die möglicherweise spielentscheidenden Szenen. Ulm hatte dieses Gespür am Freitagabend. Sie nahmen das Geschenk zur Führung an und merkten, dass in den Folgeminuten die Chance dazu bestand, einen weiteren Treffer nachzulegen. Plötzlich lief der SV 98 einem 0:2 hinterher. Der Worst Case gegen eine Mannschaft, der Kohfeldt völlig zurecht eine „grandiose kämpferische und aufopferungsvolle Leistung“ attestierte.

Problem mit der Effektivität

Es ist nahezu müßig zu erwähnen, dass auch an diesem Abend das Statistikblatt die höhere Siegeswahrscheinlichkeit für den SV 98 auswies, in der ominösen xG-Tabelle stehen die Südhessen nun bei 51 Punkten. Kaufen können sie sich dafür rein gar nichts, wie auch ihr Cheftrainer bestätigte: „Wir könnten es uns einfach machen, auf die Statistik gucken und sagen: ‚Eigentlich müssen wir dieses Spiel gewinnen. ‘ Aber es gibt Gründe und die spreche ich an. Das ist kein Pech. Ich habe schon im Oktober davon gesprochen, dass wir nicht effektiv genug sind. Damals ist es nur noch nicht so aufgefallen. Gegen Teams mit einer Spielweise wie Ulm, Braunschweig oder auch Münster gibt ein Spiel grundsätzlich nicht so viele Torchancen her. Das hängt mit der Anlage des Spiels zusammen. Deswegen wird es in diesen Partien deutlicher, dass wir ein Problem mit der Effektivität haben.“

Auch der Blick auf eine andere Statistik unterstreicht diese Problematik. 549 Torschüsse gab der SV 98 in dieser Saison bereits ab. Mit Abstand die meisten in der 2. Liga. 46 Treffer resultierten daraus. Zwar erzielten nur zwei Mannschaften (HSV und Magdeburg) mehr, doch ein Großteil der Teams braucht für einen Tor-Erfolg weitaus weniger Versuche. Zum Vergleich: Auch der 1. FC Nürnberg hat bislang 46 Tore erzielt. Und dafür 395 Torschüsse benötigt. 154 weniger als die Lilien. Eine schier unglaubliche Diskrepanz. Es lassen sich noch viele weitere Statistiken finden, die untermauern, was in dieser Spielzeit für die Lilien möglich gewesen wäre. Es zählt aber nun mal die Realität. Und diese weist sieben Rückrundenpunkte und einen keineswegs beruhigenden Vorsprung auf die Abstiegsränge für den SV 98 aus.

„Wir dürfen uns nicht in die Tasche lügen. Wir befinden uns in einer gefährlichen Lage und müssen dringend noch punkten“, so Kohfeldt, bevor er anfügte: „Trotzdem müssen wir rational bleiben. Wir müssen die Fehler klar ansprechen und uns dann auf das Spiel gegen Fürth vorbereiten. Ich bin kein Freund von Panik. Aber wir können auch nicht sagen: ‚Wir werden schon irgendwie ankommen.‘

Tor zum 1:2 durch Clemens Riedel (SV Darmstadt 98, #38), GER, SSV Ulm 1846 Fussball vs. Darmstadt 98, Fussball, 2. Bundesliga, 27. Spieltag, Spielzeit 2024/2025, 28.03.2025, DFL/DFB REGULATIONS PROHIBIT ANY USE OF PHOTOGRAPHS AS IMAGE SEQUENCES AND/OR QUASI-VIDEO, Eibner-Pressefoto/Sascha Walther

Erfahrungswerte für die Entwicklung

Schon seit Dienstantritt spricht der 42-Jährige immer wieder von „Entwicklung“. Zunächst ging es dabei häufig darum, „Fragezeichen zu verkleinern“. Diese bezogen sich zunächst auf teamtaktische Abläufe, auf Grundordnungen, auf kleine Nuancen innerhalb der Systeme. Diese Fragezeichen sind längst verschwunden. Das meiste Entwicklungspotenzial liegt nun in Dingen, die Kohfeldt „nur bedingt trainierbar“ nennt. Den richtigen Umgang und das richtige Gespür mit Situationen. Dabei helfen Erfahrungswerte aus den Spielen. Den Ball auch mal aus der Gefahrenzone auf die Tribüne zu jagen, weil man in Ulm am eigenen Leib gespürt hat, was passieren kann, wenn man nicht energisch genug klärt. Mit aller Konzentration das Tor machen zu wollen, obwohl der Platz nicht optimal ist und die Stimmung an einem Freitagabend unter Flutlicht eine ganz andere als auf dem Trainingsplatz.

Für viele Spieler beim SV 98 ist es die erste Saison in dieser besonderen Spielklasse. Und die Erfahrungen der bisherigen Saison werden ihnen auf dem weiteren Weg und in der langfristigen Entwicklung helfen. Kurzfristig braucht es nun aber noch Punkte. Bestenfalls bereits am kommenden Spieltag gegen Fürth.

Zitat des Tages

Wir dürfen uns nicht in die Tasche lügen. Wir befinden uns in einer gefährlichen Lage und müssen dringend noch punkten.

Florian Kohfeldt

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