28.02.2026 / Profis
Fehlender Kontext
Mehr als 30.000 Fans im Rudolf-Harbig-Stadion, eine beeindruckende Atmosphäre unter Flutlicht, Fußball-Romantik pur. Der Rahmen für das Auswärtsspiel der Lilien bei Dynamo Dresden war ein besonderer. Dazu trafen zwei Teams aufeinander, die über einen spielerischen und offensiven Ansatz kommen. 42 Minuten lang entwickelte sich aus diesen Zutaten ein unterhaltsames, taktisch anspruchsvolles und intensives Duell. Bis eine Entscheidung des Schiedsrichters die Begegnung entscheidend beeinflusste. Wir blicken zurück auf einen emotionalen Abend in Dresden.
Szene des Spiels:
Die Szene des Abends spielte sich zwar in der 42. Minute ab, sie begann aber bereits in der siebten Spielminute. Nach einem lange Ball von Marcel Schuhen setze sich Isac Lidberg im direkten Duell geschickt gegen Dresdens Thomas Keller durch, der Dynamo-Verteidiger konnte den Schweden nur durch ein energisches Festhalten von einem freien Lauf in Richtung Tor abhalten. Schiedsrichter Lars Erbst zückte die Gelbe Karte, was unmittelbar einige Nachfragen der Lilien nach sich zog, da das Vergehen Kellers viele Kriterien für eine Notbremse erfüllte. So hatte der Defensivmann das Glück, weiter auf dem Platz stehen zu dürfen. Eine Entscheidung, die Florian Kohfeldt im Nachgang in der Einzelbewertung zwar hinterfragte, aber nicht kategorisch verurteilte: „Ich lasse mich sogar darauf ein, dass er (Schiedsrichter Erbst) einen Grund findet, um Keller nicht Rot zu geben“, so der Cheftrainer der Lilien, bevor er den Blick auf die 42. Minute richtete: „Aber dann später auf der anderen Seite auf Platzverweis zu entscheiden. Das geht nicht.“
Und in der Tat waren sich alle Akteure an diesem Abend darüber einig, dass speziell der Kontext und der Vergleich zwischen der Gelben Karte für Keller und dem Platzverweis für Patric Pfeiffer Unverständnis hervorrufen musste. Pfeiffer rutschte am eigenen Strafraumrand weg, verlor so den Ball an den anlaufenden Ben Bobzien, den der Innenverteidiger der Lilien im Nachgang nur noch mit einem Foul stoppen konnte. Das Vergehen unstrittig. Die Bestrafung in Form einer Roten Karte aber schlichtweg falsch. Kohfeldts Ärger über die Szene entsprechend nachvollziehbar: „Paddy trifft den Gegner, keine Frage. Aber es sind mit Maglica und Akiyama noch zwei Spieler in unmittelbarer Nähe, die eingreifen können. Zudem geht der Ball nach Außen weg. Rot ist sowohl im Kontext als auch im Sinne der Situation eine bodenlose Frechheit.“
Die Deutlichkeit der Worte des Coaches und auch seines Kapitäns Marcel Schuhen („Das hat das Spiel entschieden.“), die beide für ihre Besonnenheit und rationale Einschätzung einer Partie bekannt sind, unterstrich, wie schwer es dem SV 98 an diesem Abend fiel, diesen Eingriff in den Spielverlauf zu akzeptieren. Volles Verständnis erhielten die Südhessen dabei von Dresden-Cheftrainer Thomas Stamm, der resümierte: „Die Entscheidungen waren heute eher auf unserer Seite. Ich habe zwei ähnliche Szenen gesehen: Die eine wird mit Gelb bewertet, die andere mit Rot. Damit ist viel gesagt. Beide Situationen müssen gleich bewertet werden. Das ist das Problem.“
Auf den Platzverweis folgten fünf Minuten, die schlussendlich die Partie entscheiden sollten. Mit einem Doppelschlag stellte Vincent Vermeij auf 2:0 für die Gastgeber. Natürlich wollen wir nicht verschweigen, dass sich die Lilien in beiden Szenen nicht optimal anstellten, doch der auschlaggebende Punkt für die Unordnung in dieser Phase lag in der Hinausstellung Pfeiffers.
Das lief gut:
Die ersten 42 Minuten: Wer die vergangenen Auftritte von Dynamo Dresden verfolgt hat, dem dürfte insbesodere eine Sache aufgefallen sein. Egal, wie der Gegner heißt, Dynamo bestimmt fast immer die erste Halbzeit. Das gelang den Sachsen zuletzt auch im Heimspiel gegen Elversberg und in Hannover. Eine Beobachtung, die der SV 98 in seinen eigenen Matchplan einpreiste. „Wir wussten, dass sie mit sehr viel Energie kommen werden. Trotzdem haben wir es nach 15 schwierigen Minuten geschafft, Kontrolle reinzubringen. Und wir hatten zwei große Chancen durch Schmidt und Akiyama und hätten in Führung gehen können“, bilanzierte Kohfeldt angesichts des Großteils des ersten Durchgangs und Marcel Schuhen ergänzte: „Bis zum Platzverweis haben wir die schwierige Aufgabe gut angenommen.“
Zwar spielten die Lilien die Gastgeber keineswegs an die Wand, aber sie ließen keinerlei Möglichkeiten der spielstarken Dynamo-Mannschaft zu, hatten immer wieder Umschaltaktionen und die beiden von Kohfeldt angesprochenen Möglichkeiten. Dazu kam der längerfristige Plan, den die Südhessen an diesem Abend verfolgten und bei dem Kohfeldt seine Mannschaft auf einem guten Weg wähnte: „Ich hatte das Gefühl, wenn die Energie bei Dynamo irgendwann nachlässt, dann werden wir noch bessere Chancen bekommen.“
Es folgte der Bruch in der 42. Minute mit der bereits ausführlich beschriebenen Hinausstellung von Patric Pfeiffer. Die Unterzahl und der darauffolgende Rückstand sorgten logischerweise dafür, dass sich die Verhältnisse auf dem Feld veränderten. Dresden konnte das eigene Visier etwas herunterklappen und die Lilien stabil und kompakt etwas tiefer erwarten, insbesondere die vielversprechenden Umschaltaktionen des SV 98 wurden so deutlich minimiert.
Die Mentalität in der Schlussphase: „Großen Respekt an meine Mannschaft, wie sie nach dem 0:3 noch weitergemacht hat. Das Spiel war verloren, aber das zeigt die Mentalität der Mannschaft.“ Mit diesen Worten fasste Florian Kohfeldt die abschließende Viertelstunde der Begegnung zusammen. In der Tat war es durchaus beeindruckend, wie die Lilien in der absoluten Schlussphase und der Nachspielzeit den Strafraum der Gastgeber belagerten und nach dem Premierentreffer von Yosuke Furukawa sogar noch einem zweiten Treffer schnupperten. An der ersten Niederlage seit Oktober änderte diese Phase zwar nichts mehr, aber sie verdeutlichte einmal mehr: Aufgeben ist für dieses Team keine Option.
„Wir sind stabil, wir haben ein gutes Mindset. Wir haben verloren, mehr ist aber auch nicht passiert.“ Sergio Lopez machte schon wenige Minuten nach Abpfiff klar, dass der SV 98 sehr schnell wieder aufstehen wird. Noch deutlicher formulierte es Kohfeldt, der sein SKY-Interview mit folgenden Sätzen beendete: „Wir haben das erste Mal nach 13 Spielen wieder verloren. Doch dieser Abend wird ein Klebstoff für uns sein. Das kann ich allen sagen, die hoffen, dass wir daran zerbrechen.“
Das lief nicht gut:
Die fünf Minuten vor der Pause. Es fällt schwer, die gut fünf Minuten zwischen dem Platzverweis von Patric Pfeiffer und dem Halbzeitpfiff zu analysieren. Wir nutzen daher gerne die Bewertung von Marcel Schuhen, der diese Sequenz wie folgt einordnete: „Nach dem Platzverweis macht es Dresden schlau. Das haben sie clever gespielt und die Situation ausgenutzt.“ Aleksandar Vukotic stand bereits an der Seitenlinie für seine Einwechslung bereit, um nach Pfeiffers Hinausstellung auch die Kopfballstärke Vermeijs einzudämmen. Allerdings fehlte es an der notwendigen Unterbrechung, um diesen Wechsel zu vollziehen. So war es ebendieser Vermeij, der per Kopf zum 1:0 traf und wenig später mit einem sehenswerten Abschluss auf 2:0 erhöhte. Ankreiden lassen müssen sich die Lilien dabei, dass sie dem Gegner im Vorfeld des Treffers mit einem schnell ausgeführten Freistoß samt anschließendem Ballverlust in die Karten spielten. „Da müssen wir gucken, dass wir mit dem 0:1 in die Pause gehen“, kritisierte auch Kohfeldt, der aber auch verdeutlichte, dass eine gewissen Unordnung und Unruhe auf dem Feld in der Folge des Platzverweise nachvollziehbar gewesen sei. Dennoch bleibt es dabei: Der Platzverweis mit dem anschließenden Dynamo-Doppelpack entschieden die Partie zu Gunsten der Gastgeber.
Das Kreieren von Möglichkeiten ab Minute 53. Nach der Ampelkarte für Jakob Lemmer in der 53. Minute duellierten sich beide Teams für rund 40 Minuten wieder in Gleichzahl. Natürlich legte Dynamo Dresden in dieser Phase eine andere Spielweise an den Tat als in den ersten 40 Minuten der Partie. Mit dem 2:0 im Rücken waren die Sachen um Stabilität und Kontrolle bemüht, sie ließen die Lilien vermehrt kommen, doppelten insbesondere Luca Marseiler immer wieder in den Duellen. Eine Ausgangsituation, die es dem SV 98 naturgemäß erschwerte, zu vielen und klaren Gelegenheiten zu gelangen. Einige Ungenauigkeiten, teilweise zu wenig Tempo im Spielaufbau oder schlichtweg keine optimale Strafraumbesetzung. Bis zur Schlussphase (siehe „Das lief gut“) kamen die Lilien nur zu einer richtig guten Gelengenheit, als eine abgefälschte Marseiler-Flanke in der 68. Minute beinahe für den Anschluss gesorgt hätte. An dieser Stelle ist es aber auch in Ordnung, ein Lob an Dynamo Dresden auszusprechen, die erwachsen mit ihrer Führung umgingen und die Tür für den SV 98 nicht wirklich aufmachten.
Zitat des Tages:
"Wir haben das erste Mal nach 13 Spielen wieder verloren. Doch dieser Abend wird ein Klebstoff für uns sein. Das kann ich allen sagen, die hoffen, dass wir daran zerbrechen."