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17.07.2024 / Profis

„Ich versuche, bestehende Grenzen zu sprengen“

Seit diesem Sommer arbeitet Alex Ryan als Head of Performance bei den Lilien. Doch welche Aufgaben gehören zu dieser Funktion und in welchen Bereichen ist der Engländer aktiv? Wir haben uns mit dem 35-Jährigen zum ausführlichen Interview getroffen und über die Arbeit, aber auch über viele andere Themen gesprochen.

Foto: SV 98

sv98.de: Hi Alex, direkt zu Beginn: Wann sehen wir die Mannschaft zum ersten Mal Rugby spielen?

Alex Ryan: (lacht) Das ist eine sehr gute Frage. Wenn mal ein wenig Zeit für spaßiges Warmmachen ist, könnte man vielleicht etwas einfließen lassen. Aber Rugby ist natürlich ein Sport mit extrem viel Körperkontakt und wir müssen unsere Spieler bestmöglich schützen. Aber ein paar Übungen wären theoretisch sicherlich möglich, geplant ist aber noch nichts.

sv98.de: Der Hintergrund ist einfach: Dein Vater ist in Südafrika aufgewachsen und hat dir den Rugby-Sport nähergebracht… 

Ryan: Genau, Rugby und Cricket. Er war sogar professioneller Cricket-Spieler und hatte zudem ein großes Interesse an Rugby. Über ihn habe ich diese Sportarten kennengelernt und auch gespielt. Ich habe viele Arten von Sport ausprobiert, Fußball aber erst irgendwann in der Schulzeit. Und ich war immer ein schlechter Fußballer. (lacht)

sv98.de: Dein Werdegang ist ein sehr interessanter. Wenn wir richtig informiert sind, hast du mit Anfang 20 ein Fitnessstudio in England eröffnet?

Ryan: Ich habe zunächst als Personal Trainer in einem Fitnessstudio gearbeitet.  und dann Sspäter habe ich meine eigene Firma gegründet und dann dieses Fitnessstudio gemietet und dort mein eigenes Gym geführt.

sv98.de: Transfermarkt.de listet als deine erste Station im Fußball den Job als Athletiktrainer bei Manchester United auf. Das klingt nach „Vom Fitnessstudio direkt ins Old Trafford“…

Ryan: Ich habe mit Mick Clegg zusammengearbeitet, der zwischen 2000 bis 2011 als Fitnesscoach für Manchester United aktiv war. Danach hat er sein eigenes Studio eröffnet und dort weiterhin Fußballprofis und andere Athleten als Personal Trainer betreut. Ich wollte immer mit professionellen Athleten arbeiten und habe dann in diesem Studio ebenfalls Personal Training gemacht. Später ist dann Michael Clegg, Micks Sohn, Fitnesstrainer bei Manchester geworden. Und sein erstes Projekt war ein spezielles Programm für die Torhüter. Dabei habe ich ihn unterstützt und das Programm konzipiert. Es war also nicht ganz so speziell, wie es Transfermarkt.de darstellt. (lacht) Aber es war eine besondere Erfahrung, mit Athleten auf dem höchsten Niveau zu arbeiten.

sv98.de: Hat diese Erfahrung dafür gesorgt, dass der Wunsch entstanden ist, gerne im Fußball zu arbeiten?

Ryan: Es hat mir auf jeden Fall Spaß gemacht. Aber ich wollte einfach mit Athleten auf höchstem Level arbeiten, das habe ich nicht nur auf den Fußball begrenzt. Ich habe später in Deutschland beispielsweise zunächst mit Leichtathleten gearbeitet, auch das war eine ganz tolle Erfahrung.

sv98.de: Du sprichst Deutschland schon an. Vor fünf Jahren bist du nach Hessen gezogen. Grund dafür war die Liebe, oder?

Ryan: Genau, ich bin für meine Frau damals nach Deutschland gekommen. Eine Fernbeziehung ist auf Dauer anstrengend und so bin ich den Schritt nach Frankfurt gegangen.

sv98.de: Und hast dort direkt einen Job gefunden…

Ryan: (lacht) Ich bin an einem Sonntag in Frankfurt angekommen und um Leute kennenzulernen und Kontakte zu knüpfen, bin ich am Dienstag direkt ins Rugby-Training bei Eintracht Frankfurt gegangen. Dort hatte gerade der Trainer aufgehört und plötzlich wurde mir dieser Posten angeboten. (lacht) Ich war zwar vorher nie Trainer im Rugby, aber habe in England immer auf hohem Niveau gespielt und viel Erfahrung gesammelt. Also habe ich es gemacht.

sv98.de: Wenig später kam dann auch noch Leichtathletik dazu…

Ryan: Genau, meine Frau arbeitete mit dem Abteilungsleiter der Leichtathletik-Abteilung zusammen. So kam der Kontakt zustande und ich wurde zusätzlich Leichtathletik-Trainer.

sv98.de: Bis der Regionalligist Steinbach einen Athletiktrainer suchte…

Ryan: Das war dann mein erster richtiger Job im Fußball.

sv98.de: Hilft dir die Erfahrung aus den vielen anderen Sportarten im Fußball?

Ryan: Definitiv. Es ist gut, verschiedene Dinge aus verschiedenen Bereichen zu kennen und sie einbringen zu können. Wenn du für eine sehr lange Zeit immer dieselbe Sportart betreibst, dann bleiben viele Abläufe über die Jahre gleich. Teilweise über Generationen, weil ein Spieler beispielsweise von seinem Trainer lernt und später dann selbst Trainer wird und viele Dinge davon übernimmt. Das halte ich in vielerlei Hinsicht auch für etwas sehr Gutes, aber in einigen Bereichen verändert sich so viel so schnell, dass es wichtig ist, neue Einflüsse und Philosophien zuzulassen. Ich versuche immer „Outside the box“ zu denken. Wenn ich eine gute Übung aus anderen Sportarten sehe, versuche ich sie auch bei uns anzuwenden. Ich habe viel Kontakt zu Trainern aus anderen Bereichen und tausche mich mit ihnen aus.

sv98.de: Die vergangenen beiden Jahre warst du Head of Performance bei Wehen Wiesbaden, nun bist du in selber Funktion bei den Lilien. Wie hast du dich eingelebt, wie waren die ersten Arbeitswochen?

Ryan: Ich fühle mich sehr wohl, es ist eine super Gruppe, alle sind sehr offen und die Spieler auch sehr lernwillig. Es ist kein ganz einfacher Start, da die vergangenen Wochen sehr staccatoartig waren, mit kurzen Abständen zwischen den Testungen, dem ersten Trainingslager, vielen Testspielen und nun dem zweiten Trainingslager. Aktuell haben wir erstmals eine Woche mit einem Ablauf, der einer Spielwoche halbwegs ähnlich ist, mit den Trainingstagen und dem Spieltag am Wochenende. Aber ich kann auf jeden Fall schon sagen, dass hier ein sehr gutes Arbeitsumfeld herrscht. Und das braucht es, um gute Leistungen bringen zu können. In allen Bereichen.

sv98.de: Nicht jeder kann direkt etwas mit der Position „Head of Performance“ anfangen. Kannst du uns deine Rolle ein wenig erklären?

Ryan: Wir haben einen sehr guten Athletiktrainer, einen sehr guten Rehatrainer und eine sehr gute Physioabteilung. Meine Hauptaufgabe ist es, diese Bereiche alle zusammenzuführen und die Information aus allen Abteilungen zu bündeln. Wenn jeder Bereich eigenständig arbeitet, kann es schnell passieren, dass manche Themen immer nur innerhalb einer Abteilung besprochen werden. „Lost in our own rivers“, sagen wir Engländer dazu. Ich möchte dafür sorgen, dass wir alles zusammenbringen. Und diese Informationen kommuniziere ich dann an das Trainerteam. Zudem geht es viel um Planung. Ein Beispiel: Wie bereiten wir die Spieler bestmöglich auf die Einheiten vor? Wenn wir in einer Woche 30 Kilometer auf dem Platz laufen und in einer anderen nur 20, dann bedeutet das einen Unterschied in der Belastung. Ähnlich verhält es sich mit dem Umfang von kürzeren intensiven Sprints, der innerhalb von Trainingswochen variiert. Entsprechend passen wir die Übungen zur Aktivierung und zur Regeneration an und gucken, dass jeder Spieler das Paket bekommt, das für ihn individuell am besten passt. Mir geht es dabei auch um langfristige Planung, ich plane beispielsweise gerne für einem Zyklus von sechs Trainingswochen.

sv98.de: Wie kommst du an die Informationen aus den verschiedenen Abteilungen?

Ryan: Mit vielen Meetings und Gesprächen. Jeden Morgen sitze ich zunächst mit dem Rehatrainer und den Physios zusammen, danach mit dem Athletiktrainer und Reha und zum Abschluss mit Athletik, Reha und Trainerteam. Wir besprechen uns und entscheiden, welche Spieler auf den Platz gehen, wer in welcher Form trainiert und wie das individuelle Training gestaltet wird.

sv98.de: Dazu kommt der Austausch mit Mareike Großhauser, unserer Ernährungsberaterin…

Ryan: Ernährung ist ein ganz wichtiger Baustein für den Performance-Bereich. Daher spreche ich viel mit Mareike, ihre Expertise hilft uns sehr, wir müssen wissen, wenn ein Spieler spezielle Dinge benötigt oder bestimmte Werte benötigt. Auch verletzte Spieler müssen ihre Ernährung anpassen, weil ihnen der Kalorienverbrauch aus den Einheiten fehlt. Alles Themen, die wir berücksichtigen müssen und wollen.

sv98.de: Das klingt nach viel Büroarbeit, auf dem Platz sieht man dich aber auch immer wieder…

Ryan: Es ist wichtig für mich, auch auf dem Trainingsplatz Kontakt zur Mannschaft zu haben. Aber grundsätzlich ist das der Bereich von Athletiktrainer Chris Busse. Manchmal plane ich allerdings Teile des Trainings, dann bin ich auch ein Freund davon, die Übungen selbst anzuleiten. Und natürlich gibt es auch mal die Situation, dass wir die Gruppe aufteilen und wir beide jeweils die Übungen anleiten.

sv98.de: Du bist also niemand, der ausschließlich im Büro arbeiten könnte?

Ryan: Das ist etwas, in dem ich noch besser werden muss. (lacht) Ich bin von Natur aus jemand, der aktiv sein und nicht unbedingt den Großteil der Zeit am Schreibtisch verbringen möchte. Aber es entwickelt sich immer mehr dorthin und ich gewöhne mich daran.

sv98.de: Im Fußball wird oft über Ziele und Ambitionen gesprochen. Gibt es diese Dinge in konkreter Form auch bei dir?

Ryan: Im Performance-Bereich hat normalerweise jeder das Ziel, ständig besser zu werden. Ich bin da keine Ausnahme. Und auf dem Weg dorthin ist es auch überhaupt kein Problem, Fehler zu machen. Ich bin sogar froh darüber, wenn Fehler passieren. Weil man daraus lernt. Es darf nur nicht passieren, dass man denselben Fehler nochmal macht. Ich bin jemand, der alle Möglichkeiten ausreizen möchte und dabei auch versucht, bestehende Grenzen zu sprengen. Mein größtes Ziel ist es aber, die Personen mit denen ich arbeite, ein Prozent besser zu machen. Und wenn wir das geschafft haben, kommt das nächste Prozent. Im ersten Schritt geht es da nun um Kommunikation und darum, alle Bereiche noch enger zusammenzubringen und zu vernetzen.

sv98.de: Zum Abschluss: Wie groß ist deine Vorfreude auf den Saisonstart oder macht dir die Vorbereitung sogar mehr Spaß, weil in dieser Phase in deinen Bereichen besonders viele Dinge passieren?

Ryan: Die Vorbereitung ist natürlich sehr wichtig. Und je länger sie läuft, desto mehr Haken kann man hinter verschiedene Dinge setzen. Die ersten beiden Wochen hatten ihre Inhalte, danach standen andere Themen im Vordergrund. Nun sind wir wieder bei anderen Schwerpunkten und es ist sehr spannend für mich, die Entwicklungen zu sehen. Aber ich freue mich sehr auf den Start und freue mich vor allem dann, wenn wir alle es gemeinsam schaffen, dass das Team am ersten Spieltag absolut bereit ist. Das Fanfest hat diese Vorfreude nochmal gesteigert. Die Atmosphäre war super, da lässt sich ungefähr erahnen, was gegen Düsseldorf los sein dürfte. 

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