Fotos: Jana Delp 31.08.2026 / Profis
Niederlage mit Herz
Die Lilien unterliegen Hannover 96 in Unterzahl und müssen weiter auf den ersten Sieg in dieser Zweitliga-Saison warten. Welche positiven Dinge dennoch bleiben und warum der SV 98 Rückschläge auf dem eingeschlagen Weg einkalkuliert hat, lest Ihr in unserer Analyse.
Szene des Spiels:
Der Platzverweis in der 20. Minute: Im Nachgang der Begegnung drehte sich ein Großteil der Fragen um die Rote Karte gegen Aleksandar Vukotić in der 20. Spielminute. Das Handspiel des serbischen Innenverteidigers war ein deutliches gewesen, die öffentliche Bewertung des Platzverweises in dessen Folge reichte von „zweifelhaft“ über „hart“ bis hin zu „unstrittg“. Florian Kohfeldt sah „Argumente für und Argumente gegen die Entscheidung“, die Schiedsrichter Timo Gerach in dieser Situation fällte und die dazu führte, dass die Lilien mehr als 70 Minuten lang in Unterzahl agierten mussten.
Nicht nur Raoul Petretta bezeichnete die Szene daher später als „spielentscheidend“, obwohl der SV 98 in Unterzahl bis zum Halbzeitpfiff beste Chancen auf einen eigenen Führungstreffer besaß. Nach dem Seitenwechsel und mit zunehmender Spieldauer gelang es den Gästen aus Hannover aber immer besser, die numerische Überzahl in eine gewisse Dominanz umzuwandeln und die Lilien weg vom eigenen Tor zu halten. Zwar blieben die dezimierten Südhessen bis zum Schlusspfiff ergebnistechnisch in Reichweite, wirklich ins Wanken bringen konnte das Kohfeldt-Team die ambitionierten Gäste in der Schlussphase aber nicht mehr.
Das lief gut:
Die Mentalität: „Den Teamgeist und Charakter aus dem heutigen Spiel nehmen wir mit“. Raoul Petretta musste nicht lange überlegen, als er nach positiven Aspekten gefragt wurde, die der SV 98 trotz der Niederlage aus diesem Spiel ziehen könne. In der Tat war es beeindruckend, wie es den Lilien nach dem Nackenschlag des Platzverweis gelang, kämpferisch, aber auch spielerisch Paroli zu bieten, sodass es für die Hannoveraner mit einem aus ihrer Sicht eher schmeichelhaften 0:0 in die Kabine ging. „Ich habe eine Leistung mit Herz gesehen“, erklärte daher auch Paul Fernie, der ausführte: „Die Jungs haben auch in Unterzahl alles gegeben. Solange in Unterzahl ist es nie einfach, trotzdem haben sie den Kampf angenommen und speziell in der ersten Halbzeit waren wir auch richtig gefährlich.“
Der Glaube an den eingeschlagenen Weg: „Wir haben einen neuen Zyklus begonnen, der eine gewisse Zeit brauchen wird.“ Der Umbruch im Kader der Lilien in diesem Sommer war gravierend. Eine Thematik, die bereits häufig thematisiert wurde und die dennoch ein Fakt bleibt. Natürlich wünscht sich jeder, der es mit den Lilien hält, dass Punkte auf das Konto des SV 98 wandern. Und natürlich würden Siege den Prozess des Zusammenwachsens und den Start in diesen neuen Zyklus positiv beeinflussen. Doch zu einem solchen Prozess gehören Rückschläge dazu. Und sie wurden bei den Lilien miteinkalkuliert. So gerne man dennoch auf sie verzichten würde. „Wir glauben an diese Konstellation und haben den Kader mit Überzeugung zusammengestellt“, erklärte Paul Fernie und lag damit auf einer Wellenlänge mit Florian Kohfeldt, der ebenfalls den „Glauben“ an die Mannschaft und den eingeschlagenen Weg bekräftigte. Ebendise Überzeugung war am Sonntagnachmittag auch im Mannschaftskreis nach Abpfiff zu spüren, sie war in den Aussagen der Spieler in ihren Interviews greifbar und auch bei den Lilienfans im Stadion, die der Mannschaft aufmunternden Applaus spendeten.
Das lief nicht gut:
Der Platzverweis: Die Mentalität stimmte, die Leidenschaft war vorhanden, doch wie bereits beim Auswärtsspiel in Dresden schwächten sich die Lilien selbst. „Vuko hat dem Schiedsrichter die Möglichkeit gegeben, Rot zu geben. Als erfahrener Spieler darf er in dieser Situation wahrscheinlich nicht so hin gehen.“ Knapp 100 Minuten spielten die Lilien nach den Hinausstellungen für Klefisch (in Dresden) und Vukotic in dieser Spielzeit bereits in Unterzahl. Ein selbstverschuldetes Handicap, das die Chancen auf einen Sieg nicht unbedingt erhöht. Klar ist auch, Spielverläufe sind nicht planbar. Das Handspiel von Vukotic erfolgte instinktiv, der Fußball besteht nun einmal aus Entscheidungen, die im Bruchteil von Sekunden gefällt werden. Dennoch dürften die Sinne der Lilien nun geschärft sein. Denn es ist deutlich schöner, ein Spiel in Gleichzahl zu bestreiten. Oder vielleicht einmal selbst in Überzahl zu agieren.
Das Gefühl der Niederlage: Nach dem Spiel in Jena konnten wir das „Gefühl des Sieges“ ausführlich thematisieren. Eine Emotion, die für jeden Profisportler kaum zu ersetzen ist. Eine ganz andere Gefühlswelt herrscht logischerweise nach einem verlorenen Spiel. Selbst, wenn man sich als Mannschaft nur wenig vorwerfen kann. „Meine emotionale Situation ist natürlich nicht brillant, weil ich es hasse zu verlieren“, umschrieb Florian Kohfeldt zunächst, was er wenig später dann ganz deutlich machte: „Niederlagen fühlen sich immer beschissen an.“ Und es ist wichtig, dass dieses Gefühl auch in einer Phase des Umbruchs und des Zusammenfindens nach einer Niederlage bei allen omnipräsent ist. Weil die Gier auf einen Sieg antreibt und dafür sorgt, dass man im Nachgang einer Pleite das Gefühl eines Erfolgs noch stärker herbeisehnt. Und so richtete sich der Blick von Marcel Schuhen schon am Sonntagnachmittag wieder nach vorne: „Ein Punkt aus drei Spielen ist natürlich nicht das, was wir wollen. Trotzdem bin ich voller Vorfreude auf Kaiserslautern.“