Fotos: Jana Delp 09.08.2026 / Profis
Analyse zum Auftakt: Glaube hilft
Die Saison der Lilien startete mit einem Paukenschlag. Mit einem späten Comeback sicherte sich der SV 98 einen Punktgewinn gegen Holstein Kiel. Wir blicken mit unsere Analyse auf die Szene des Spiels, auf positive und auf negative Dinge.
Szene des Spiels:
Das 2:2: Angesprochen auf den Moment, in dem Hojae Lee seinen Mitspieler Yosuke Furukawa mit beeindruckender Leichtigkeit vom Spielfeld trug, nutzte Florian Kohfeldt die Beschreibung „Bild des Spiels.“ Nachvollziehbar, bei der „Szene des Spiels“ haben wir uns dennoch für den Ausgleichstreffer von Aleksandar Vukotic entschieden. Auch der Anschlusstreffer der Lilien und die damit verbundene Torpremiere Lees wäre eine nachvollziehbare Wahl gewesen, doch das 2:2 durch den serbischen Innenverteidiger hatte an diesem Samstagnachmittag Symbolcharakter.
Mit zwei unglücklichen Szenen hatte Vukotic die Treffer der Kieler in der ersten Halbzeit begünstigt, nach Abpfiff sprach der Hüne die Momente offen an: „Ich übernehme die Verantwortung für die beiden Gegentore und werde alles tun, damit diese Fehler nicht mehr passieren.“
Zuvor hatte Vukotic bereits alles dafür getan, dass die Lilien mit einem späten Punktgewinn in die neue Saison starten konnten. In der Nachspielzeit blockte der Verteidiger den Kieler Harres in aussichtsreicher Position und verhinderte so einen späten Nackenschlag, in der 86. Minute köpfte Vuko nach einer Duijvestijn-Ecke präzise ein.
„Wir haben heute Charakter gezeigt,“ fasste Vukotic später zusammen. Er selbst stand exemplarisch für diese Aussage.
Das lief gut:
Die Mentalität: „Mit einem Unentschieden zuhause ist man nie zufrieden, aber wir hatten heute einen sehr guten Gegner. Und dann einen 0:2-Rückstand aufzuholen, das lässt uns schon happy dastehen.“ Als Marcel Schuhen mit diesen Sätzen den Saisonauftakt resümierte, umspielte ein kleines Lächeln seine Mundwinkel. Wer den Lilien-Kapitän kennt, der weiß, dass dieser bei jeder noch so kleinen Wettbewerbsform gewinnen möchte. Doch genauso ist der 33-Jährige ein großer Freund von Mentalität und davon, dass ein Spiel erst verloren ist, wenn der Abpfiff ertönt. Und ebendiese Einstellung verkörperten die Lilien am Samstag und belohnten sich mit dem ersten Zähler der neuen Saison.
„Die Mentalität ist herausragend“, betonte wenig später auch Kohfeldt, der das Unentschieden auch direkt in den Gesamtkontext des Zusammenwachsens nach dem Umbruch im Kader einordnete: „Du brauchst Erlebnisse als Mannschaft. Heute war das erste Erlebnis, das uns gezeigt hat: Glaube hilft.“
Inhalt und Verhalten: Es war ein Satz, der im Nachgang öffentlich durchaus kontrovers diskutiert wurde. „Wir waren inhaltlich die bessere Mannschaft“, bilanzierte Florian Kohfeldt nach Abpfiff und meinte damit die Dinge, die nicht immer an vorderster Stelle in die Gesamtbewertung eines Fußballspiels einfließen. Der SV 98 löste sich häufig geschickt aus dem Pressing der Kieler heraus und erzwang umgekehrt einige hohe Ballgewinne, denen es dann an der erfolgreichen Vollendung fehlte. Ebenso zeigte sich auch der Defensivverbund der Lilien weitesgehend stabil, die Tore der Gäste und auch die Großchance im zweiten Durchgang entsprangen aus individuellen Fehlern der Südhessen (Mehr in „Das lief nicht gut“).
„Auch nach dem 0:2 sind wir konstant, stabil und in unseren Inhalten geblieben“, betonte der Cheftrainer der Lilien, der gleichzeitig Verständnis dafür zeigte, dass diese Themen einer Spielbewertung für die Öffentlichkeit nicht immer so leicht nachzuvollziehen sein. „Es war kein Chancenfestival“, so der 43-Jährige, der auch offen zugab, dass seine Mannschaft „Schwierigkeiten“ hatte, „Aktionen im letzten Drittel zu kreieren“. Dennoch standen nach Abpfiff mehr Abschlüsse auf Seiten der Lilien geschrieben, die Ballbesitzstatistik war ausgeglichen, während die Zweikampfwerte zu Gunsten der Kieler ausschlugen. Und so schließen wir diesen Punkt mit einer weiteren Einordnung Kohfeldts: „Natürlich haben wir kein Topspiel gemacht, aber gemessen an unserem Entwicklungsstand war ich inhaltlich und vom Verhalten her sehr zufrieden.“
Die Atmosphäre: Endlich wieder Zweitliga-Fußball! Bereits vor dem Anpfiff war bei hochsommerlichen Temperaturen ein Kribbeln im Merck-Stadion spürbar. Und die Zuschauer wurden direkt zum Auftakt mit einer großen Portion Dramaturgie versorgt. Und sie hatten einen großen Anteil am Comeback der Lilien. „Nach dem 1:2 herrschte eine besondere Atmosphäre im Stadion und wir wussten, dass wir jetzt auch noch den Ausgleich erzielen können“, verriet Vukotic später und Kohfeldt wandte sich auf der Pressekonferenz direkt an die Anhänger des Sportvereins: „Der Support heute war herausragend. Ganz herzlichen Dank für die geile Stimmung.“
Die Einwechselspieler: Während der bisherigen Transferperiode haben die Verantwortlichen beim SV 98 immer wieder betont, dass sie den Sommer auch dafür genutzt haben, um auf verschiedenen Positionen eine andere Kadertiefe zu erschaffen. Die Partie gegen Kiel lieferte dafür einen ersten guten Nachweis. „Wir haben einen sehr breiten Kader und die Einwechselspieler heute waren richtig gut“, lobte Marcel Schuhen und Kohfeldt erklärte: „Wir werden nicht schlechter, wenn wir Hojae, Manolo und Nico einwechseln und am Ende auch noch Ibi bringen können.“
Das lief nicht gut:
Die individuellen Fehler. Es war keineswegs so, dass sich die Kieler ihre Tore herauskombinierten. Insbesondere beim ersten Gegentreffer sorgte ein Abspielfehler im Spielaufbau für die postwendende Bestrafung durch die Norddeutschen, während beim 0:2 Torschütze Harres nach einer geschickten Bewegung völlig frei einköpfen konnte.
„Die Gegentore haben wir dem Gegner aufgelegt, das sollte uns nicht so häufig passieren“, fasste Kohfeldt daher prägnant zusammen, die Aussagen Vukotics zu den Gegentreffern wurden bereits zu Beginn unserer Analyse niedergeschrieben. Glück und einen starken Marcel Schuhen hatten die Lilien in der 52. MInute, als Bernhardsson nach einem groben Fehler einen weiteren Treffer verpasste. „Wenn Kiel da das 0:3 macht, dann ist das Spiel vorbei“, gestand Kohfeldt unumwunden ein und wird seiner Mannschaft diese Szenen sicherlich in den Analysen der kommende Woche noch einmal vor Augen führen.
Feinabstimmung und Aktionen im letzten Drittel: „Von der Raumaufteilung und der Spielidee her fand ich uns gut, im letzten Drittel haben wir zu viel überlegt, um Chancen zu kreieren.“ Nicht nur Florian Kohfeldt musste am Samstagabend eine gewisse Zeit warten, bis der SV 98 zu zwingenden Torchancen kam. Zwar erzielten die Lilien einen Abseitstreffer im ersten Durchgang und hatten auch den einen oder anderen Abschluss, mit etwas mehr Präzision, noch besser verinnerlichten Abläufen und einer weiter fortgeschrittenen Abstimmung wäre in dieser Hinsicht aber noch deutlich mehr möglich gewesen.
„Uns fehlt noch das Ummünzen in Tempoaktionen, die Selbstverständlichkeit für den richtigen Moment zum Aufdrehen, für den tiefen Ball, für kleine Dinge, die uns noch nicht komplett da sein können“, erklärte Kohfeldt, um zu ergänzen: „Solange meine Mannschaft bereit ist, alles zu tun und bis zur letzten Sekunde daran zu glauben, freue ich mich unglaublich, an diesen Dingen mit ihnen zu arbeiten. Dieses Spiel hat mir extrem viel Mut für die Saison gegeben.“
Zitat des Tages:
Du brauchst Erlebnisse als Mannschaft. Heute war das erste Erlebnis, das uns gezeigt hat: Glaube hilft.