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04.12.2023 / Verein

„Einzigartige Momente für andere Menschen kreieren“

Der deutsche Fußball sagt gemeinsam „Danke ans Ehrenamt“! Im Rahmen des Tags des Ehrenamts am 5. Dezember wird Ruben Döring, ehrenamtlicher Mitarbeiter des SV 98 und Trainer der Fußball-ID-Mannschaft, vom Deutschen Fußball-Bund für seine Arbeit bei den Lilien ausgezeichnet. Daher haben wir den 30-Jährigen eingeladen und gemeinsam mit ihm einen Blick auf seine Arbeit geworfen sowie festgehalten, warum das Ehrenamt eine so wichtige Tätigkeit ist.

Ruben Döring
Foto: SV 98

sv98.de: Gude, Ruben! Welche Aufgabe übernimmst Du ehrenamtlich in der Lilien-Familie?

Ruben Döring: Ich bin Trainer in der Abteilung Behinderten- und Rehabilitationssport beim SV Darmstadt 98 und kümmere mich um den Bereich Fußball für Menschen mit körperlicher und geistiger Behinderung – abgekürzt Fußball-ID. Dort bin ich inzwischen Cheftrainer und unterstütze meinen Vater in der Abteilungsleitung.

War Dein Vater so etwas wie ein Vorreiter für Dich?

Mein Papa sitzt seit seinem 30. Lebensjahr im Rollstuhl. Ich kenne ihn also nur im Rollstuhl. Zudem hatten wir im Bekanntenkreis einen Jungen mit Downsyndrom und meine Cousine hat eine körperliche Einschränkung im Bereich der Skelettur. Daher bin ich mit der Thematik Behinderung aufgewachsen.

Welche besonderen Erlebnisse oder Ereignisse haben Dich dazu motiviert, Dich ehrenamtlich für den Verein zu engagieren?

Gemeinsam mit einem Freund habe ich angefangen, das Fußball-ID-Thema bei einem Verein in Darmstadt zu betreuen. Wir sind aber ein bisschen wie die Jungfrau zum Kinde an den ID-Fußball geraten. Mittlerweile mache ich das schon acht Jahre lang. Seit dem ersten Tag hatte ich so ein bisschen den Traum, dabei die Lilie auf der Brust tragen zu können und das Thema größer werden zu lassen. Und der Traum ist dann plötzlich Wirklichkeit geworden.

Wie ist Deine Beziehung zum SV 98?

Ich war das erste Mal 1999 im Stadion am Böllenfalltor. Damals gemeinsam mit meinem Vater, wir standen mit dem Rollstuhl unten auf der Aschebahn. Dementsprechend war der SV 98 schon immer ein großer Teil meines Lebens. Über Michael Trippel, den Liga-Leiter des hessischen Behinderten- und Rehabilitationssport, sind wir dann vor ein paar Jahren ins Gespräch mit dem SV 98 gekommen. Ehrlicherweise hat sich das Ganze dann schnell nach oben potenziert. Auf einmal haben wir sogar Presseanfragen erhalten.

Es ist einfach schön zu sehen, wie das Ganze wächst. Und wir sind noch lange nicht am Ende!

Ruben Döring über seine Arbeit beim SV 98

Wir wissen, dass die ID-Mannschaft schon viele besondere Ereignisse miterleben durfte…

Oh, ja! Eine Menge. Von internationalen und nationalen Spielen in Berlin über das Turnier in Schweden bis zur Hessenmeisterschaft im Böllenfalltor. Ich persönlich durfte schon bei Sky live im Studio sitzen und beim Zweitliga-Spiel gegen Bochum habe ich ein Live-Interview in der Halbzeitpause gegeben. Es gibt da so viele tolle Geschichten, ohne dass ich die vielen persönlichen Geschichten mit meinen Spielerinnen und Spielern noch miteinbeziehe. Vor acht Jahren habe ich mit sechs Leuten in einer Turnhalle ohne Tore angefangen zu trainieren. Heute bin ich dabei, eine dritte Trainingseinheit in der Woche zu organisieren, weil wir mit durchschnittlich über 30 Leuten auf dem Platz stehen. Wir hatten sogar einmal eine Trainingseinheit, in der wir zusammengerechnet mit über 50 Leuten auf dem Platz standen.

Das zeigt das Potential, was in unserer Fußball-ID-Mannschaft steckt.

Defintiv. In der Abteilung liegt ganz viel Potenzial. Es ist einfach schön zu sehen, wie das Ganze wächst. Und wir sind noch lange nicht am Ende! Aktuell sind wir dabei, eine ID-Mädchen-Mannschaft aufzubauen, da wir über zehn Mädchen bei uns im Team haben.

Wie sieht denn eine typische Trainingseinheit der ID-Mannschaft aus?

Im Grunde ist die Trainingseinheit genauso aufgebaut wie die von anderen Mannschaften auch: Warm-up, dann fußballerisches Erwärmen, Übungsteil 1, Übungsteil 2 und Spiel. Würde ich als Trainer in eine Regelmannschaft gehen, könnte ich das Training so eins zu eins übernehmen. Dennoch sind die Einheiten natürlich einfacher aufgebaut, aber wir haben auch komplexe Übungen dabei, die dann vielleicht ein, zwei Wochen brauchen, bis sie komplett verstanden werden. Insgesamt sind wir wirklich sehr stolz auf das, was wir uns an Spielsystemen erarbeitet haben. Schließlich haben wir uns entschieden, den langwierigen Weg zu gehen. Wir wollen Fußball spielen und nicht auf Einzelleistung und den schnellen Erfolg setzen. Mittlerweile sieht man das auch in unseren Turnieren und Spielen, wir bauen über Pässe das Spiel auf, binden alle mit ein und da sind wir im internationalen Vergleich zumindest von der Spielidee und vom Aufbau her ganz oben mit dabei.

Foto: Stefan Holtzem
Foto: Stefan Holtzem
Foto: Stefan Holtzem

Kannst Du uns von einem besonders prägenden Moment in Deiner ehrenamtlichen Tätigkeit als Fußball-ID-Trainer erzählen?

Der Moment, der mir da sofort in den Kopf schießt, ist tatsächlich ein „negativer“ Moment. 2021 haben wir die Hessenmeisterschaft im Fußball-ID-Bereich hier im Merck-Stadion am Böllenfalltor ausgetragen. Es war unser erstes Heimturnier und natürlich träumt man da vorher vom Einzug ins Finale oder gar dem Turniersieg. Wir sind an diesem Tag erst im Siebenmeterschießen dramatisch ins Halbfinale eingezogen, da waren meine Nerven schon völlig am Ende. Im Halbfinale sind wir dann auf unsere Freunde aus Klein-Linden getroffen – und dann kam es, wie es kommen musste. Wir lagen mit 0:1 hinten und die letzten Sekunden des Spiels liefen schon. Im allerletzten Angriff rutschte einer unserer Spieler am Ball vorbei und verpasst nur um einen Zentimeter den Ausgleich. Der Schiri pfiff ab und unser Traum war geplatzt. Das war für mich als Trainer, aber auch für uns alle ein richtig schwieriger Moment.

Ein richtiges Fußball-Drama… Wie habt Ihr Stärke aus dieser Niederlage gezogen?

So negativ der Moment war, er hat viel mit uns gemacht. Es ist auch so ein Punkt, wegen dem ich weiß, dass ich noch nicht fertig bin mit dem Thema. Und ich hoffe, dass wir noch einmal die Gelegenheit bekommen werden, vor heimischen Publikum am Böllenfalltor zu spielen. Rückblickend sage ich auch heute: Es war gut so. Danach hat sich so viel tolles entwickelt. So viele schöne Ereignisse sind danach eingetreten.

Foto: Stefan Holtzem
Foto: Stefan Holtzem
Foto: Stefan Holtzem

Was motiviert Dich, diese Aufgabe mit so viel Leidenschaft auszuführen? 

Ich mache das, weil ich das Thema Inklusion und Behindertensport weiter vorantreiben möchte. 50 Prozent der Deutschen hatten noch nie Kontakt mit einem Menschen mit Behinderung. Und nur sieben Prozent der deutschen Vereine bieten Sport für Menschen mit Behinderung an und das ist mir zu wenig, wenn man sieht, was für eine Breite der Sport in der Gesellschaft hat. Wir reden viel über das Thema Inklusion und es wird auch viel getan, aber für mich funktioniert Inklusion erst dann, wenn wir sie nicht mehr brauchen. Das ist es, was mich antreibt und worum es mir geht.

Wie hat sich Deiner Meinung nach das ehrenamtliche Engagement im Laufe der Zeit verändert? Und warum braucht es dieses Engagement weiterhin unbedingt? 

Es ist die Frage, wie man Ehrenamt versteht. Ich glaube, dass viele das Ehrenamt in erster Linie als eine Arbeit ansehen, die nicht entlohnt wird. Und genau das ist meiner Meinung nach ein großes Problem. Das Ehrenamt ist sehr viel mehr! Man tut etwas für andere Menschen und gibt der Gesellschaft etwas zurück.

Die Lilien veranstalten jedes Jahr den Ehrenamtsabend, der DFB ruft jede Saison den „Tag des Ehrenamts“ aus. Wie wichtig ist Dir diese Form der Anerkennung? 

Ich finde so etwas gut und wichtig. Für mich als Ehrenamtler ist das eine schöne Bestätigung. Allerdings bin ich noch längst nicht fertig mit meiner Arbeit. Für mich ist es einfach wichtig, dass dieses Thema weiter vorangebracht wird und ich dabei Unterstützung bekomme.

Welches Feedback bekommst Du sonst zu Deiner Tätigkeit?

Auch das Feedback von außen ist durch und durch sehr positiv – egal, ob von Freunden, der Familie oder Leuten von außerhalb, die zum Beispiel das von mir erwähnte Sky-Interview gesehen haben und mich dann aus Hamburg, München oder Stuttgart kontaktiert und gelobt haben. Aber mir sind vor allem die Rückmeldungen meiner Spielerinnen und Spieler am wichtigsten. Wenn auf dem Platz Pässe oder trainierte Spielzüge funktionieren und sich die Spielerinnen und Spieler weiterentwickeln, dann ist das für mich das schönste Feedback. Denn genau deswegen mache ich diese Arbeit.

Warum würdest Du jemanden empfehlen, sich ehrenamtlich zu engagieren?

Du tust etwas Gutes für die Gesellschaft – für alle und somit im Umkehrschluss auch für dich selbst. Es geht darum, schöne und einzigartige Momente für andere Menschen zu kreieren und ein Teil dieser zu sein. Du hast von einer ehrenamtlichen Tätigkeit immer einen Nutzen. Ich sage: Tue etwas Gutes für andere, dann tust du auch etwas Gutes für dich!

Danke für das Gespräch, Ruben!

Fußball-ID bei den Lilien

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