15.02.2025 / Profis
Analyse: Das fehlende Quäntchen
Die Lilien warten weiter auf den ersten Sieg in 2025. Auch in Braunschweig wäre zumindest ein Unentschieden mehr als möglich gewesen. Doch insbesondere der Querbalken und Lino Tempelmann hatten etwas dagegen. Welche Momente beeinflussten das Spiel entscheidend? Was war der trotz der Niederlage positiv? Wir blicken auf den 22. Spieltag zurück.
Szene des Spiels:
Der Lattentreffer von Merveille Papela: Die beste Möglichkeit im ersten Durchgang? Sie gehörte den Lilien. Nach einem starken Spielzug brachte Guille Bueno das Spielgerät scharf in den Strafraum und fand in Merveille Papela einen Abnehmer. Den Versuch des Mittelfeldspielers fälschte Braunschweigs Di Michele Sanchez mit dem Rücken an den Querbalken. Zentimeter fehlten zu einer Lilien-Führung, die den weiteren Spielerverlauf mit Sicherheit stark beeinflusst hätte. Der mögliche Treffer hätte beim SV 98 ein „positives Gefühl“ ausgelöst, wie Marco Thiede im Nachgang erklärte. „In der Hinrunde sind solche Bälle eben reingegangen“, resümierte der Rechtsverteidiger, dem Marcel Schuhen mit seiner Analyse beipflichtete: „Der Braunschweiger dreht sich weg und fälscht den Ball an die Latte. Bei uns dreht sich der Verteidiger weg, der Ball geht durch seine Beine und dann ins Tor. Das war heute der kleine Moment.“
Seit vier Spielen warten die Südhessen nun auf einen eigenen Treffer, das Selbstverständnis des Toreschießes geht den Lilien aktuell ein wenig ab. „Ein Tor muss nicht immer schön sein“, hatte Florian Kohfeldt bereits nach dem Nürnberg-Spiel erklärt und dabei wahrscheinlich genau solche Szenen wie den Papela-Versuch im Kopf. Ein abgefälschter Schuss, der irgendwie in den Maschen landet. Auch ein solcher Treffer wäre für den SV 98 aktuell Gold wert. In Braunschweig stand dem Brustlöser leider das Aluminium im Weg. Und das gleich in doppelter Hinsicht. Denn auch der Schlenzer von Killian Corredor in der 89. Minute – ebenfalls abgefälscht – landete an der Latte.
Das lief nicht gut:
Das Gegentor: Was die Lilien nicht schafften, glückte der Braunschweiger Eintracht in der 60. Spielminute. Zunächst gelang es den Darmstädtern zwar, Lino Tempelmann in Strafraumnähe vom Ball zu trennen, das Leder landete aber wieder in den Füßen der Gastgeber und dann auch erneut bei Tempelmann, der aus 18 Metern in die Maschen traf. „Ein blödes Gegentor“, fasste Thiede zusammen und schussendlich der spielentscheidene Moment. Besonders bitter, da es der SV 98 in der restlichen Spielzeit sehr gut gvermochte die Braunschweiger vom eigenen Tor fernzuhalten. Auch der xGoals-Wert der Gastgeber von 0,54 spricht nicht unbedingt von einem Übermaß an Chancen für die Niedersachsen. Zum Vergleich: Die Lilien konnten einen Wert von 1,04 vorweisen. Womit wir wieder bei den kleinen Momenten wären, die bereits in der vorangegangenen Rubrik thematisiert wurden. Oder, um es mit den Worten von Thiede auszudrücken: „Leider fehlt uns aktuell das letzte Quäntchen Glück.“
Der Platzverweis für Jean-Paul Boëtius: „Nach dem Gegentor und der Gelb-Roten Karte war die Ausgangslage extrem schwer“, erklärte Florian Kohfeldt, bevor er mit Blick auf die Hinausstellung von Jean-Paul Boëtius anfügte: „Im Kontext des Spiels habe ich die Gelb-Rote Karte von Boëtius ehrlich gesagt so nicht gesehen.“ Isoliert betrachtet war die Ampelkarte für den Niederländer in der 62. Spielminute mit Sicherheit vertretbar, dem Lilien-Cheftrainer ging es aber vielmehr um eine Verhältnismäßigkeit beim Verteilen von Karten im gesamten Spielverlauf. Insbsondere Ermin Bicakcic und Julian Baas hatten vor der Pause Glück, dass ihre Vergehen nicht mit Gelb geahndet wurden. „Mir hat in vielen Szenen ein wenig Fingerspitzengefühl gefehlt“, verriet daher auch Thiede im Interview mit SKY. In Unterzahl stemmte sich der SV 98 zwar mit aller Macht gegen die drohende Niederlage, ein durchaus verdienter Ausgleichstreffer sollte aber nicht mehr gelingen.
Die Personalsituation: Es begleitet die Lilien nun schon seit einigen Wochen und von Spieltag zu Spieltag wird die Personaldecke dünner. „Als Team werden wir das nie zum Thema machen“, antwortete Schuhen auf die vermehrt auftauchende Frage, ob mittlerweile eine Situation herrsche, die für eine Mannschaft nicht mehr zu kompensieren sei. Weder der Schlussmann, noch Thiede oder Kohfeldt nutzen die zahlreichen Ausfälle als Ausrede, doch berechtigterweise führte der Cheftrainer in Braunschweig an, dass sie durchaus auschlaggabend für verschiedene Dinge sind. „Es war heute nur dieses eine System möglich, wir konnten im Spielverlauf taktisch nicht umstellen und hatten mit Luca Marseiler nur einen wirklich fitten Einwechselspieler auf der Bank. Das ist schon ein großer Einfluss auf die Gesamtsituation. Dieser Situation müssen wir uns anpassen. Wir haben daher heute das gespielt, was wir mussten und nicht das, was wir eigentlich wollen. Aber die Situation wird nicht besser, wenn wir uns beklagen. Sondern wenn wir weiter so dagegen angehen, wie wir es heute getan haben.“
Zitat des Tages
Es gibt mit Sicherheit Mannschaften, die mit einem 0:1-Rückstand und nach einem Platzverweis vielleicht auseinanderfallen. Wir nicht. Ganz im Gegenteil. Wir haben alles probiert und waren in Unterzahl gefährlicher als die Braunschweiger.
Das lief gut:
Der Kampfgeist bis zum Abpfiff: „Es gibt mit Sicherheit Mannschaften, die mit einem 0:1-Rückstand und nach einem Platzverweis vielleicht auseinanderfallen. Wir nicht. Ganz im Gegenteil. Wir haben alles probiert und waren in Unterzahl gefährlicher als die Braunschweiger“. Mit diesen Sätzen hob Marcel Schuhen im Gespräch mit dem NDR hervor, welche positven Aspekte die Lilien zurück nach Südhessen nehmen können. Einsatz und Willen konnte dem SV 98 nach den 90 Minuten von Braunschweig niemand absprechen. „Wir haben bis zur letzten Sekunde gekämpft und waren bereit, uns zu wehren“, bilanzierte daher auch Kohfeldt, der mit Aleksandar Vukotic, Matej Maglica und dem Debütanten Meldin Dreskovic in der Schlussphase gleich drei hochgewachsene Innenverteidiger in den Angriff beorderte. Auch Torhüter Marcel Schuhen tauchte in den finalen Minuten im gegnerischen Strafraum und erklärte im Anschluss: „Wir haben die schwierige Situation angenommen und waren uns nicht zu schade, lange Bälle zu spielen und alles reinzuwuchten. Wichtig ist, dass wir in den Spiegel schauen und sagen können: Wir haben alles probiert.“