19.01.2026 / Profis
Analyse: Ein wilder Ritt
Der neutrale Zuschauer kam beim Auswärtsspiel der Lilien in Bochum nicht nur aufgrund der sechs Tore voll auf seine Kosten. Wer es mit den Lilien hielt, der konnte sich im Nachgang sowohl positive als auch negative Aspekte notieren. Und einen weiteren Punkt für den SV 98. Wir blicken in unserer Analyse auf die sehr kurzweilige Begegnung zurück.
Szene des Spiels:
Das 3:2: Mit Blick auf die Achterbahnfahrt von Bochum haben wir uns für den Treffer zum 3:2 als Szene des Spiels entschieden. Weil die komplette Sequenz rund um das erzwungene Eigentor des Bochumers Leandro Morgalla sinnbildlich für diese verrückte Begegnung stand. Wir haben den Moment daher in drei Unterpunkte aufgedröselt:
Fußballerische Klasse: Die Begegnung hatte viele Szenen, die für hohe individuelle Klasse und technische Qualität standen. Zu nennen wären beispielsweise der Assist von Marco Richter für Fraser Hornby, der fulminante Abschluss des Schotten selbst oder der elegante Chip des Bochumers Philipp Hofmann zum zwischenzeitlichen 2:1. Auch das 3:2 der Lilien entstand durch eine geniale Aktion: „Ein Weltklasse-Pass von Paddy Pfeiffer und ein super Lauf von Luca Marseiler“, mit diesem Satz nannte Florian Kohfeldt die ausschlaggebenden Punkte für den erneuten Führungstreffer des SV 98 in der 68. Minute. Wie an der Schnur gezogen befördete Pfeiffer den Ball per Freistoß tief aus der eigenen Hälfte exakt in den Laufweg Marseilers, der sich mit seinem Tempo in eine optimale Position gebracht hatte und frei auf Bochum-Keeper Timo Horn zulaufen konnte. Was uns zum nächsten Punkt führt…
Chancenverwertung: Denn Marseiler scheiterte mit seinem Abschluss zunächst am starken Horn, bevor der Ball an Marseilers Oberschenkel prallte und in der Folge von Morgalla über die eigene Torlinie befördert wurde. Dem Jubel der Lilien über den Treffer tat dieser Umweg in der Entstehung selbstverständlich keinen Abbruch, und doch war die Szene bezeichnend, wie auch Kohfeldt zugeben musste: „Allein für Luca wäre heute mindestens ein Tor gewesen, wahrscheinlich sogar drei.“ Denn trotz der drei Auswärtstore ließen die Lilien auch in Bochum noch einige Möglichkeiten ungenutzt liegen.
Fehler im Defensivverbund: So genial das Zuspiel Pfeiffers auch war, natürlich trug auch die kurze Unaufmerksamkeit in der Bochumer Defensive ihren Teil zu diesem Treffer bei. „Es war heute viel Wahnsinn dabei. Unsere ersten beiden Gegentore dürfen nicht passieren, aber das werden die Bochumer auch über unseren dritten Treffer sagen“, bilanzierte Marcel Schuhen nach Spielende und fand damit die passenden Schlussworte für unsere Ausführungen in dieser Rubrik.
Das lief gut:
Das Erspielen von Chancen: „Wir haben klare Chancen aus der Struktur herausgespielt, da muss ich die Jungs für ihr Positionsspiel loben“, so Cheftrainer Kohfeldt, der mit seinen Aussagen insbesondere auf den ersten Durchgang seiner Mannschaft abzielte und sein Fazit auch in eine Gesamteinordnung einbettete: „Der große Unterschied war: Nahezu alle Chancen, die wir hatten, waren herausgespielt. Sehr viele Bochumer Gelegenheiten haben wir zumindest höflich begleitet.“
Bereits nach 28 Sekunden hatte Luca Marseiler nach einem ersten sehr gelungenen Spielzug und Hereingabe von Sergio Lopez die erste Möglichkeit besessen, nach exakt diesem Schema kam Marseiler in der 25. Minute erneut zum Abschluss. Auch das 2:2 durch Isac Lidberg fiel nach einem Angriff über die rechte Schiene und nach Vorarbeit von Lopez. Ein Teil des Matchplans, den die Lilien zumindest in den ersten 45 Minuten im Offensvibereich immer wieder gut umsetzen konnten. Kohfeldt sprach von einer „fußballsystematischen Überlegenheit“ des SV 98 vor dem Seitenwechsel, das Kreieren von guten Torchancen war dabei ein auffälliger Bestandteil dieses Übergewichts.
Das Mindset: Selbstverständlich ärgerten sich die Lilien extrem über die Fehler vor den ersten beiden Gegentoren. Doch gleichzeitig war es bemerkenswert, wie das Team mit diesen selbstverschuldeten Nackenschlägen umging. Kurz nach dem 1:2 gelang dem SV 98 der Ausgleichstreffer durch Isac Lidberg, die Vorlage lieferte dabei Lopez, der beim Gegentreffer zum 1:1 nicht die beste Figur gemacht hatte und sich so auf die bestmögliche Art dafür rehabilitierte. Ingesamt 13 Punkte sammelten die Lilien nun bereits nach Rückstand, Spitzenwert in der zweiten Liga, wobei die Mannschaft von Kohfeldt insgesamt nur sieben Mal ins Hintertreffen geriet – ein Wert, der nur von drei anderen Mannschaften unterboten werden kann.
An dieser Stelle erweitern wir die „Mindset-Kategorie“ gerne noch um den Punkt der Selbstkritik. Denn so richtig zufrieden mit der eigenen Leistung zeigte sich keiner der Lilien-Protagonisten. „Wir haben insgesamt kein gutes Spiel gemacht“, verriet Marcel Schuhen, auch Isac Lidberg sprach davon, dass seine Mannschaft „nicht ihre beste Leistung“ gezeigt hätte. Gleichzeitig zog der schwedische Torjäger direkt ein vorwärtsgerichtetes Resümee: „Fehler können immer passieren, aber natürlich waren es heute zu viele. Es gibt einige Dinge, aus denen wir lernen müssen.“
Diese Unzufriedenheit nach einem Unentschieden auswärts bei einem formstarken Bundesliga-Absteiger zeigt: Die Lilien haben hohe Ansprüche an sich selbst. Und sie wollen diesen auch gerecht werden.
Das lief nicht gut:
Individuelle Fehler in der Defensive: „Wir haben Fehler gemacht, die man nicht machen darf.“ Die Analyse von Florian Kohfeldt war gewohnt klar und deutlich. Der Ärger des Cheftrainers über die Aussetzer vor den ersten beiden Gegentoren lag auch darin begründet, dass er diese Thematik vor dem Spiel noch einmal angesprochen hatten: „Wir haben zuvor gesagt, dass wir die Tür nicht aufmachen dürfen. Die haben wir heute sehr häufig aufgemacht.“ Francis Onyeka (11.) und Philipp Hofmann (27.) spazierten durch die aufgestoßene Pforte und trafen für den VfL, zwei bis drei weitere Wackler des SVD blieben unbestraft.
Weite Phasen der 2. Halbzeit: Es wäre falsch, von einer richtig schlechten zweiten Halbzeit der Lilien zu sprechen. Denn der SV 98 verteidigte über weite Strecken durchaus stabil und erzielte bekanntermaßen den Treffer zum zwischenzeitlichen 3:2. Und doch gab es im zweiten Abschnitt viel Luft nach oben, wie auch die Lilien zugaben: „Mit dem Ball war das mau“, so Marco Richter mit Blick auf den zweiten Durchgang, während Fabian Holland zusammenfasste: „In der zweiten Halbzeit standen wir zu tief und haben zu wenig Zweikämpfe gewonnen.“ Die logische Konsequenz war eine Art Dauerdruck der Gastgeber, die den SV 98 tief in deren Hälfte einschnüren und eine „Wucht“ entfachen konnten, wie Kohfeldt zugeben musste. So verdiente sich der VfL den Treffer zum 3:3, der schlussendlich die Punktteilung bedeutete, die nicht nur Kohfeldt als „wohl gerechtes Ergebnis“ bezeichnete.
Zitat des Tages
Fehler können immer passieren, aber natürlich waren es heute zu viele. Es gibt einige Dinge, aus denen wir lernen müssen.