Widget
08.11.2025 / Profis

Analyse: Mut und Moral

„Es war ein tolles Fußballspiel.“ Den Worten von Cheftrainer Florian Kohfeldt konnte man am Samstagnachmittag nur zustimmen. Der 3:2-Auswärtssieg der Lilien bei Hannover 96 war eine turbulente Partie mit Drangphasen beider Teams, insgesamt fünf (!) Aluminiumtreffern und einem Happy End für die Südhessen. Wir blicken mit unserer Analyse auf diese besondere Partie zurück.

Szene des Spiels:

Der Lucky Punch. Nach Abpfiff wies die Statistik insgesamt zusammengezählte 36 Torschüsse für beide Teams aus. Der 35. war dabei der Versuch, der das Spiel entscheiden sollte. Mit der Hacke brachte Killian Corredor den Ball zu Hiroki Akiyama und der Japaner jagte das Leder mit Hilfe des Innenpfostens in die Maschen. 94. Minute, 3:2. „Nach dem Siegtreffer ist alles aus uns rausgeplatzt“, fasste Akiyamas Nebenmann im Mittelfeld, Kai Klefisch, später zusammen und Marcel Schuhen erklärte am ARD-Mikrofon: „Fast schon bezeichnend, dass der Ball über den Innenpfosten reingeht, nachdem beide Teams zuvor insgesamt fünf Mal das Aluminium getroffen hatten.“

Der Schuss Akiyamas entschied eine Partie, die nicht nur Florian Kohfeldt fairerweise als „Unentschieden-Spiel“ bezeichnete. Eine Begegnung, in der beide Mannschaften streckenweise berauschenden Offensivfußball zeigten und allen Zuschaueren ein wahres Spektakel boten. Umso glücklicher waren die Lilien schlussendlich über den Lucky Punch ihrer Nummer 16. „Wenn du so spät den Siegtreffer machst, dann gehört immer auch das Momentum dazu“, bilanzierte Schuhen, um dann ein gleichermaßen kurzes wie passendes Fazit zu ziehen: „Das hat Spaß gemacht.“ 

Das lief gut:

Die Anfangsphase: „Wir wollten aus der eigenen Stärke heraus und nicht reaktiv spielen. Die ersten 15 Minuten haben das eindrucksvoll gezeigt“, verriet Florian Kohfeldt nach dem Spiel mit Blick auf den eigenen Matchplan. Was der 43-Jährige damit meinte: Die Lilien pressten die spielstarken Hannoveraner frühzeitig im Aufbau und erzwangen immer wieder Ballgewinne – so auch für dem 1:0 von Killian Corredor in der 5. Minute. Und umgekehrt ließen sich die Südhessen durch das aggressive Anlaufen der Niedersachsen im Aufbau nicht aus der Ruhe bringen und lösten viele Situationen mutig und spielerisch auf. „Dafür braucht es Eier“, erklärte Kohfeldt mit einem Schmunzeln und ergänzte: „Seit Oliver Kahn darf man das so sagen.“ 

Für das mutige Spiel belohnten sich die Darmstädter in der Anfangsphase prompt, leider konnten sie diesen Flow aber nicht über die komplette erste Hälfte aufrechterhalten. Mehr dazu in „Das lief nicht gut.“ 

Die 2. Halbzeit: Als Schiedsrichter Wolfgang Haslberger zur Halbzeit pfiff, durften alle, die es mit den Lilien halten, tief durchatmen. Denn in der Viertelstunde vor dem Ende des ersten Durchgangs hatte Hannover 96 einen wahren Sturmlauf auf den Platz gebrannt und das Tor von Marcel Schuhen immer wieder in Gefahr gebracht. „Hannover hätte höher führen können“, gestand auch Florian Kohfeldt, der dann aber gemeinsam mit seinem Team die Pause nutzte, um mit Wiederanpfiff selbst die Spielkontrolle zu übernehmen. „Hannover hat uns am Leben gelassen und daher war ich zur Pause optimistisch, dass sich die Lage wieder ändern wird.“

Genauso kam es. Vom Wiederanpfiff weg bestimmten die Lilien die Partie, sammelten viel Ballbesitz (gegen die Mannschaft mit dem meisten Ballbesitz der Liga) und legten in Person von Killian Corredor erneut einen Blitzstart hin. Eine Wendung im Spielgeschehen, für die Marcel Schuhen eine Erklärung parat hatte: „Hannover hatte diese extreme Drangphase, in der sie viel investiert haben. So etwas kostet Körner. Durch die Halbzeit gab es dann einen Break. Danach waren wir zunächst klar spielbestimmend und haben ein richtig gutes Spiel gemacht.“

Bis zur 65. Minute waren die Südhessen nach dem Seitenwechsel die eindeutig bessere Mannschaft, verpassten durch Fraser Hornby einen weiteren Treffer und hielten die offensivstarken Niedersachsen konstant vom eigenen Tor fern. Mit zundehmender Spieldauer entwickelte sich dann ein offener Schlagabtausch, in dem beide Mannschaften die Chance auf den Siegtreffer besaßen, der schlussendlich den Lilien vorbehalten blieb.

„Wir waren sehr mutig, das hat mir große Freude bereitet“, verriet Schuhen, während Kohfeldt zusammenfasste: „Wir haben eine sehr gute zweite Halbzeit gespielt.“

Auschlaggebend für den Turnaround war dabei auch der Glaube an die eigene Stärke, den Kai Klefisch im Nachgang hervorhob und damit zum dritten Punkt auf unserer Positiv-Liste überleitete.

Die Moral: „Die Moral war unfassbar.“ Die Widerstandsfähigkeit und Mut der Lilien an diesem Samstagnachmittag bezeichnete Klefisch als „Trumpf“ der Südhessen im Duell mit den Niedersachsen. So hätten die beiden Gegentore in der ersten Halbzeit in Verbindung mit der Drangphase der Hannoveraner vor dem Seitenwechsel eine Mannschaft auch ins Wanken bringen können, der „Glaube“ an ein Comeback sei in der Halbzeit aber bei allen vorhanden gewesen, wie neben Klefisch auch Schuhen und Kohfeldt betonten. Letzterer konkretisierte den Moral-Begriff in seinen Ausführungen: „Wir sind nach dem zweiten Teil der ersten Halbzeit ruhig geblieben. Das sagt etwas über die Moral aus. Wir sind ruhig im Kopf geblieben, aber gleichzeitig intensiv.“

Zudem habe die Mannschaft die leichten taktischen Anpassungen vor dem Wiederanpfiff sehr gut angenommen und umgesetzt, auch das sei ein Zeichen von moralischer Frischer, da diese Kniffe nur dann funktionieren können, wenn das Team geschlossen an den damit verbunden Erfolg

Das lief nicht gut:

Die beiden Gegentore. So stark Hannover in der Viertelstunde vor dem Pausenpfiff agierte, so schwer taten sich die Niedersachsen zu Beginn der Partie. Entsprechend ärgerlich war es daher, dass die Lilien die Gastgeber mit zwei eigenen Fehlern in die Begegnung holten. „Das Gegentor nach dem Standard ist unglücklich“, so Florian Kohfeldt über den Ausgleichstreffer, in der seine Mannschaft den Ball nicht aus der Gefahrenzone klären konnte und Hannover so zum Treffer von Ime Okon (18.) einlud. Dem (zugegeben sehr sehenswerten) Treffer von Kolja Oudenne zum 1:2 in der 33. Minute ging ein Fehlpass im Aufbauspiel des SV 98 voraus. Ärgerlich, gleichzeitg aber auch eine Szene, die nach Spielende durchaus auch positiv bewertet wurde: „Die Ballverluste in der Vorwärtsbewegung zeugen auch davon, dass wir unsere mutige Spielweise durchziehen wollen. Da gehören Fehler dazu, wobei das natürlich nicht in Gegentoren resultieren sollten“, resümmierte Klefisch und auch Marcel Schuhen hob die „mutige Spielweise“ der Lilien immer wieder hervor. 

Dennoch: Beide Szenen brachten Hannover so richtig in Fahrt und sorgten für die Drangphase der Gastgeber vor der Pause. Mit der 2:1-Führung im Rücken schnürten die 96er die 98er in deren Hälfte ein, Källmann (37.) scheiterte an Schuhen, traf vier Minuten später die Latte, Oudenne in der 43. Minute den Pfosten und nur Sekunden später hätte auch Taibi einen weiteren Treffer nachlegen. Vier dicke Möglichkeiten innerhalb von sieben Minuten. „Wir haben ein wenig den Kopf verloren. Wir haben keine Pässe attackiert, Positionen gewechselt, das war ein bisschen wild. Wir haben viel zu viel zugelassen“, fasste Kohfeldt zusammen. 

„Wir waren etwas zu zögerlich, da haben ein paar Prozent gefehlt und Hannover hat es auf engem Raum sehr gut ausgespielt“, hatte auch Kleifsch erkannt und gab zu, dass die Gastgeber zur Pause durchaus auch höher hätten führen können. Doch auch die Lilien hatten durch Fabian Holland und Hiroki Akiyamas Lattenschuss noch zwei große Chancen kurz vor dem Halbzeitpfiff. Zwei Szenen, die den Turnaround nach dem Seitenwechsel bereits ein wenig einläuteten. Trotzdem sollten die Südhessen solche Phasen zukünftig vermeiden, das Glück des Tüchtigen ist im Profifußball kein zuverlässiger Begleiter. 

Zitat des Tages

Es war ein tolles Fußballspiel

Florian Kohfeldt nach dem Auswärtssieg in Hannover

Ähnliche Artikel

Alle anzeigen
Ein gewonnener Punkt
14.03.2026

Ein gewonnener Punkt

Die Lilien sind in Magdeburg 60 Minuten lang die schwächere Mannschaft, zeigen aber eine beeindruckende Reaktion auf den zwischenzeitlichen Rückstand und nehmen schlussendlich einen Punkt mit nach Südhessen. In unserer Analyse blicken wir auf turbulente Minuten nach dem 0:1 und erläutern die Gründe dafür, dass dem SV 98 über lange Zeit der Zugriff auf die Gastgeber fehlte.

„Nehmen Punkt mit, auch wenn wir gerne gewonnen hätten“
13.03.2026

„Nehmen Punkt mit, auch wenn wir gerne gewonnen hätten“

Es wurde das erwartet knifflige Auswärtsspiel: Gegen leidenschaftlich auftretende Hausherren, die den Lilien alles abverlangten, nimmt der SV 98 am 26. Spieltag einen Punkt mit. Nach dem Seitenwechsel stand insbesondere Fabian Nürnberger im Mittelpunkt, der erst ein Eigentor und dann den Ausgleich erzielte. Wie er selbst den Abend erlebte und wie die anderen Protagonisten das 1:1 bewerteten, lest Ihr in den Stimmen zum Spiel.

Punkteteilung in Magdeburg
13.03.2026

Punkteteilung in Magdeburg

Der SV 98 kann am 26. Spieltag sein Konto aufstocken: Einen Zähler entführen die Lilien beim 1:1 (0:0) gegen den 1. FC Magdeburg. Für die Gäste traf Joker Nürnberger (67.). Damit stehen die Südhessen nun bei 49 Saisonpunkten.

Pfeiffer und Holland rücken ins Team
13.03.2026

Pfeiffer und Holland rücken ins Team

Freitagabend in Magdeburg. Die Lilien gastieren am 26. Spieltag beim FCM. Florian Kohfeldt verändert seine Startelf im Vergleich zum Heimsieg gegen Kiel auf zwei Positionen. Patric Pfeiffer kehrt nach seiner Sperre zurück in die Mannschaft, Aleksandar Vukotić nimmt dafür auf der Bank Platz. Zudem rückt Fabian Holland für Merveille Papela in die Formation. Fabian Nürnberger steht erstmals seit dem Braunschweig-Spiel (14.02.) wieder im Aufgebot, Raoul Petretta fehlt mit Knieproblemen im Kader.

Matchday kompakt: Alle Infos zum Magdeburg-Spiel
12.03.2026

Matchday kompakt: Alle Infos zum Magdeburg-Spiel

Freitagabend. Flutlicht. Die Lilien gastieren anlässlich des 26. Zweitliga-Spieltags auswärts beim 1. FC Magdeburg. Anstoß am Freitag (13.3.) ist um 18.30 Uhr. Was sagen beide Cheftrainer vor dem Spiel? Wer wird das Duell leiten? Und wer sitzt bei Sky am Mikrofon. Alle wichtigen Infos zur Partie in Magdeburg haben wir Euch wie gewohnt in „Matchday kompakt“ zusammengetragen.

„Haben Lust, ein Auswärtsspiel zu gewinnen“
12.03.2026

„Haben Lust, ein Auswärtsspiel zu gewinnen“

Vor dem Spiel am Freitagabend (13.3./18.30 Uhr) ordnet Florian Kohfeldt die Spielweise des 1. FC Magdeburg ein, gibt ein Personalupdate und blickt auf die eigene Vorbereitung auf die Partie. Die wichtigsten Aussagen der Pressekonferenz unseres Cheftrainers haben wir hier zusammengefasst.

Zahlen & Fakten: Die Top Facts zum Magdeburg-Spiel
11.03.2026

Zahlen & Fakten: Die Top Facts zum Magdeburg-Spiel

Der SV 98 tritt am Freitag die Reise in die Landeshauptstadt Sachsen-Anhalts an und will auswärts endlich mal wieder drei Punkte entführen. Der 1. FC Magdeburg dagegen ist als Tabellenletzter im Kampf um den Klassenerhalt unter Zugzwang. Was unterscheidet die Teams? Wo gibt es aber auch statistische Gemeinsamkeiten? Alle Fakten und Zahlen zum Duell zwischen den Lilien und dem 1. FC Magdeburg haben wir in diesem Artikel für euch zusammengepackt. Hier findet ihr die Top Facts zur Partie am Freitagabend.

1. FC Magdeburg im Gegnercheck
10.03.2026

1. FC Magdeburg im Gegnercheck

Um 18.30 an einem eher unscheinbaren Freitagabend schien das Flutlicht auf den Fürther Fußballrasen. Es war der 21. Zweitliga-Spieltag, als der 1. FC Magdeburg bei der Spielvereinigung gastierte. Die Begegnung wurde im Vorfeld als „Kellerduell“ betitelt, doch dass genau diese Partie als „historisch“ in die Geschichtsbücher der 2. Bundesliga eingehen würde, damit rechnete wohl keiner…

Analyse: Der richtige Kniff
08.03.2026

Analyse: Der richtige Kniff

Die Lilien bleiben durch das 2:0 gegen Holstein Kiel auch im 13 Heimspiel dieser Saison ungeschlagen. Im Duell mit den „Störchen“ spielte dem SV 98 dabei ein früher Platzverweis in die Karten. Mit zunehmender Spieldauer übernahmen die Südhessen die komplette Spielkontrolle, fuhren einen ungefährdeten Erfolg ein und konnten sich über Isac Lidbergs 13. Saisontreffer und die Torpremiere von Niklas Schmidt freuen. Der Heimsieg in der Analyse.

„Wir sind nicht einzelne Spieler, sondern Darmstadt 98“
07.03.2026

„Wir sind nicht einzelne Spieler, sondern Darmstadt 98“

Temporeicher Start, zerfahrener erster Durchgang nach dem Platzverweis gegen Marcus Müller. Mit Beginn der zweiten Hälfte zeigten die Lilien aber ein anderes Gesicht. Nach dem frühen Doppelschlag im zweiten Durchgang durch Tore von Isac Lidberg und Niklas Schmidt fuhren die Südhessen einen insgesamt ungefährdeten Heimsieg ein.

Heimsieg! Lilien brillieren nach Seitenwechsel
07.03.2026

Heimsieg! Lilien brillieren nach Seitenwechsel

Spiele im Merck-Stadion am Böllenfalltor beflügeln die Lilien weiter zu Höchstleistungen! Mit 2:0 (0:0) siegen die Hausherren verdient gegen Holstein Kiel und schnappen sich den siebten Heimdreier in Serie. Nach einer schwierigen ersten Hälfte trumpften die Südhessen nach dem Seitenwechsel auf: Lidberg (48.) und Schmidt (52.) brachten ihre Farben schon früh im zweiten Durchgang auf die Siegerstraße. Der SV 98 weist somit nach 25 Spieltagen nun 48 Saisonzähler auf.

Startelf mit drei Neuen
07.03.2026

Startelf mit drei Neuen

Der 25. Spieltag der 2. Bundesliga steht an. Die Lilien empfangen Holstein Kiel im Merck-Stadion am Böllenfalltor. Florian Kohfeldt verändert seine Startelf im Vergleich zur Niederlage in Dresden auf drei Positionen. Aleksandar Vukotić rückt für den gesperrten Patric Pfeiffer in die Innenverteidigung, Merveille Papela ersetzt Raoul Petretta und Marco Richter startet anstelle von Killian Corredor, der aufgrund eines Schlags aus dem Dresden-Spiel im Kader fehlt. Zudem fehlen Fabian Nürnberger, Matthias Bader, Bartosz Bialek und Fraser Hornby weiterhin verletzungsbedingt.