Fotos: SV 98 01.02.2026 / Profis
Analyse: Ruhig geblieben
Die Lilien bleiben im zehnten Zweitliga-Spiel in Serie ungeschlagen. Obwohl es nach einer halben Stunde überhaupt nicht danach aussah. Doch der SV 98 behielt im eiskalten Olympiastadion einen kühlen Kopf und verdiente sich nach einem 0:2-Rückstand einen Punkt bei Hertha BSC. Wir blicken auf schwache 30 Minuten, aber auch auf die beeindruckende Reaktion der Südhessen zurück. Unsere Analyse zum 20. Spieltag.
Szene des Spiels:
Für uns spielte sich die Szene des Spiels in der 29. Minute ab. Es war der Moment, in dem Herthas Michaël Cuisance freistehend aus rund zehn Metern zum Abschluss kam und den Ball nur Zentimeter am Gehäuse der Lilien vorbeisetzte. Ein Tor des Franzosen hätte das 0:3 aus Sicht der Südhessen bedeutet. Und wahrscheinlich eine Art Vorentscheidung. „Wenn Cuisance das 3:0 macht, dann kommen wir wahrscheinlich nicht mehr zurück“, resümmierte daher Florian Kohfeldt und auch Hertha-Coach Stefan Leitl erklärte in seinem Statement nach Spielende, dass ein dritter Treffer der Berliner mit hoher Wahrscheinlichkeit einen Heimsieg seiner Mannschaft endgültig eingeleitet hätte.
Doch bekanntermaßen rauschte der Versuch des Edeltechnikers am Tor vorbei und markierte damit auch eine Art Wendepunkt in dieser Begenung. Nach 30 Lilien-Minuten zum Vergessen (mehr in „Das lief nicht gut“) fand der SV 98 in der Folge immer besser in die Partie, erzielte noch vor dem Seitenwechsel den Anschlusstreffer und verdiente sich mit einer starken zweiten Hälfte den Punktgewinn im Olympiastadion.
Das lief nicht gut:
Die erste halbe Stunde. Florian Kohfeldt redete nicht lange um den heißen Brei herum: „Die erste halbe Stunde war ein kleiner Blackout“, so der 43-Jährige angesichts von 30 Minuten, in denen seine Mannschaft im bitterkalten Berlin kaum ein Bein auf den Boden brachte. Zahlreiche Fehlpässe, verlorene Zweikämpfe und gleich zwei frühe Gegentore sorgten für einen denkbar ungünstigen Start in den 20. Spieltag der Südhessen. Die Hertha zeigte in dieser Phase zwar einen durchaus starken Auftritt, doch die Lilien unterstützten sie dabei tatkräftig. „Die Hertha hat uns in der ersten halben Stunde nicht hergespielt, sondern wir haben ihnen den Ball gegeben und gesagt „Schießt ein Tor‘“, fasste Kohfeldt zusammen. In zwei von drei Fällen nahmen die Berliner diese Einladung an, Cuisance verpasste einen weiteren Treffer.
Eine Erklärung für die Leistung des ersten Drittels der 90 Minuten hatten die Südhessen nach Abpfiff noch nicht parat, selbstkritisch zeigten sie sich aber unisono: „Wir wollten mit breiter Brust auftreten, das haben wir die ersten 30 Minuten nicht gemacht. Wir waren schläfrig, das ärgert mich“, so Marco Richter, während Doppeltorschütze Fraser Hornby ergänzte: „Unser Start ins Spiel war überhaupt nicht das, was wir wollten. Hertha hat uns in den ersten 30 Minuten dafür bestraft.“
Trotz der beeindruckenden Serie von zehn ungeschlagenen Spielen in Serie gestand Cheftrainer Kohfeldt im Nachgang ein, dass seine Mannschaft in einigen der zurückliegenden Partien Phasen zeigte, in denen sie „komische Sachen“ macht. Sicherlich nicht in dem Ausmaß, wie es in der ersten halben Stunde von Berlin der Fall war, doch der Cheftrainer betonte: „Wir müssen hart an diesen Themen arbeiten.“
Regelmäßige Ausfälle. Grundsätzlich stellt sich die Personalsituation bei den Lilien in dieser Saison deutlich positiver als noch im Vorjahr dar. Die Spielerverfügbarkeit an den Spieltagen bewegt sich in einem Prozentbereich, der oberhalb von 80 Prozent liegt. Und doch fehlen den Südhessen immer wieder Spieler und insbesondere Leistungsträger, deren Ausfälle oftmals auch kurzfristig kompensiert werden müssen. In Berlin erwischte es Kai Klefisch, der krankheitsgeschwächt zwar auf der Bank Platz nahm, aber nicht wirklich für einen Einsatz gegen die „Alte Dame“ in Frage kam. Seit Wochen müssen die Lilien zudem auf Killian Corredor verzichten, auch Matthias Bader und Bartosz Bialek fehlen dem Team seit der Winterpause. Erfreulich war es daher, dass zumindest Fabian Nürnberger wieder in die Startformation zurückkehren konnte, den Ausfall des Linksverteidigers hatte der SV 98 ebenso über mehrere Spieltage kompensieren müssen. „Es hört sich komisch an, wenn man zehn Spiele in Folge nicht verloren hat. Aber den kompletten Flow habe ich in dieser Hinsicht bei uns noch nicht erkannt“, so Kohfeldt mit Blick auf die regelmäßigen Ausfälle von „Schlüsselspielern“, die der Trainer zwar nicht zu hoch hängen, sie aber durchaus als Thema der vergangenen Wochen anbringen wollte.
Das lief gut:
Kühler Kopf im Gefrierschrank. 0:2 nach 15 Minuten. Beinahe 0:3 nach 29. Und das in einem Auswärtsspiel beim vielleicht besten Kader der Liga. So schwach die erste halbe Stunde der Lilien war, so beeindruckend war auch die Reaktion der Südhessen. „Die Mannschaft hat den Kopf bewahrt, ist nicht nervös geworden und hat einfach weitergemacht“, bilanzierte Kohfeldt und ergänzte: „Wir verlieren nach schlechten Phasen nicht den Kopf, sondern wir wissen, dass wir uns auf ein paar Dinge verlassen können.“
Und so fand der SV 98 immer besser in die Partie, kam durch den Elfmeter zum Anschluss und ging daher trotz des Rückstandes mit einem ordentlichen Gefühl in die Kabine: „Wir hatten schon gegen Ende der ersten Halbzeit mehr Kontrolle, deswegen wussten wir, dass wir nach der Halbzeit unsere Chancen bekommen würden“, verriet Fraser Hornby, der die deutliche Leistungssteigerung nach dem Seitenwechsel mit dem 2.2 nach einer guten Stunde veredelte.
„Wir lassen uns nicht unterkriegen. Auch, wenn 30 Minuten mal überhaupt nicht gut aussehen.“ Marco Richter gab mit seinen Sätzen einen Einblick in die mentale Stärke der Lilien, die nun bereits 14 Punkte nach Rückstand (bei nur acht Rückständen) sammelten und weiterhin in nur zwei Partien das Feld als Verlierer verlassen mussten. Kohfeldt fasste das Spiel seiner Mannschaft ab der Endphase des ersten Durchgangs wie folgt zusammen: „Dann war es ein beeindruckender Auftritt, da wenige Mannschaften die Hertha so lange und so konstant bespielen und sich aus dem Postionsspiel heraus so viele Chancen erspielen.“
Für uns lassen sich aus diesem Absatz gleich drei Dinge für diese positve Rubrik ableiten: Die Lilien blieben trotz des Rückstandes ruhig, sie zeigten fußballerische Klasse und sie blieben im zehnten Spiel in Serie ungeschlagen.
Zitat des Tages
"Wir lassen uns nicht unterkriegen. Auch, wenn 30 Minuten mal überhaupt nicht gut aussehen."