Der ursprüngliche Plan war klar: Studium abschließen, Perspektiven prüfen, dann entscheiden, wie es weitergeht. Für Piet Scobel stand lange nicht der Profifußball im Mittelpunkt, sondern die Ausbildung. Während andere früh auf eine Karriere im Leistungssport setzten, hielt sich der gebürtige Norddeutsche stets eine Alternative offen. Er selbst sagte gegenüber dem Clubmagazin des FCN: „Ich studiere Wirtschaftsmathematik. Bis vor Kurzem war das immer noch Plan A. Erst in den letzten Tagen hat sich gezeigt, dass es auch mit dem Fußball klappen könnte. Vor zwei Jahren habe ich das Studium begonnen und bei einem Abstiegskandidaten in der Hamburger Oberliga gekickt. Jetzt ging es relativ schnell – und es kam doch alles anders.“
Scobel stammt aus Pinneberg in Schleswig-Holstein und durchlief keinen klassischen Werdegang über ein Nachwuchsleistungszentrum. Seine fußballerische Ausbildung fand überwiegend im norddeutschen Amateur- und Jugendbereich statt. Stationen bei Vereinen wie dem SV Halstenbek/Rellingen, Blau-Weiß 96 Schenefeld, SG Lieth/Sparrieshoop und zeitweise auch im Nachwuchs des FC St. Pauli prägten seine Entwicklung. Später im Herrenbereich fand er Fuß bei Union Tornesch bis es für ihn zum Eimsbüttler TV in die Oberliga Hamburg ging – fernab großer Stadien, dafür mit viel Eigenverantwortung und ohne den Druck des Profifußballs. Parallel dazu blieb das Studium der Wirtschaftsmathematik ein zentraler Bestandteil seines Alltags.
Der Wechsel zum 1. FC Nürnberg markierte schließlich den Wendepunkt. Zunächst für die U23 eingeplant, nutzte Scobel seine Chance konsequent im Regionalliga-Team der Franken. Auf dem Platz verkörpert er den Typ Zielspieler. Er sucht konsequent den Strafraum, arbeitet körperlich robust gegen Innenverteidiger und ist besonders bei Hereingaben und zweiten Bällen gefährlich. Die Klarheit in seinen Aktionen macht ihn schwer zu verteidigen. Mit Toren (11) und Assists (5) sowie Präsenz und hoher Einsatzbereitschaft machte er in der laufenden Saison schnell auf sich aufmerksam und rückte schneller als erwartet in den Profikader auf. Insgesamt zehn Minuten auf vier Einsätze verteilt sammelte er seit November für den FCN. Und dann kam das Duell am vergangenen Spieltag gegen die SV Elversberg: Startelfdebüt, Doppelpacker, Matchwinner. „Das war eine Achterbahn der Gefühle“, erklärte Scobel nach dem Elversberg-Spiel noch sichtlich aufgewühlt: „Es war einfach pure Freude, die Emotionen sind übergeschwappt.“
Was für eine Geschichte. Aus der Oberliga binnen einen Jahres in 2. Fußball-Bundesliga. Kann der 20-Jährige das alles überhaupt schon realisieren? „Ich muss alles noch ein bisschen verarbeiten“, so Scobel in der Mixed-Zone, ergänzte: „Das ist schon unglaublich. Ich brauche sicher noch eine Nacht, um zu realisieren, was passiert ist.“ Weniger geplant, mehr erarbeitet. Piet Scobel: Vom Hörsaal in den Profikader, vom Amateurfußball auf die große Bühne.