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07.05.2024 / Profis

Die TSG Hoffenheim im Gegnercheck

Im kommenden Juli feiert die TSG 1899 Hoffenheim ihr 125-jähriges Vereinsjubiläum, seit 2008 ist der Sinsheimer Mäzen-Klub in der 1. Bundesliga vertreten. Die Hoffenheimer haben in den letzten 35 Jahren einen steilen Aufstieg hinter sich: Von Dorfplätzen in der Kreisliga bis hin zur Champions League hatte der selbsternannte „Dorfverein“ einiges erlebt. Am kommenden Sonntag (12.5./15.30 Uhr) treffen die Lilien zum 16-mal auf die TSG, im Hinspiel durften die Zuschauer ein echtes Hin und Her erleben, Tim Skarke traf in der 85. Minute zum 3:3-Ausgleich. Wird es wieder so ein Spektakel wie kurz vor Weihnachten? Wir nehmen den Europapokal-Anwärter vor dem letzten Heimspiel der Saison einmal genauer unter die Lupe.

Foto: Eibner-Pressefoto

„Zum ersten Mal seit Wolfsburg in der Saison 1997/98 konnte mit 1899 Hoffenheim ein Bundesliganeuling sein Premierenspiel gewinnen. Dies taten die Rangnick-Schützlinge bei Energie Cottbus auch noch in überzeugender Manier“, schrieb der „Kicker“ am 18. August 2008, nachdem die Hoffenheimer das erste Bundesliga-Spiel ihrer Vereinsgeschichte gewonnen hatten. Vedad Ibisevic überzeugte sofort mit zwei Treffern, nach der Hinrunde sollten es ganze 18 Tore sein.

Unter Ralf Rangnick spielte der Aufsteiger einen starken Offensivfußball, nach der Hinrunde hatte die TSG 42 Tore erzielt, mehr als jeder anderer Bundesligist. Dies führte dazu, dass die Baden-Württemberger mit 35 Punkten Herbstmeister wurden. In der zweiten Saisonhälfte endete dann aber der große Höhenflug, Rangnicks Team musste eine Serie mit zwölf sieglosen Spielen überstehen. Am Ende wurde die TSG Siebter in der Tabelle, 25 Punkte Vorsprung auf den Relegationsplatz konnten herausgespielt werden – die Saison zeigte sofort, welche Ziele die Hoffenheimer verfolgten.

Für die nächsten vier Jahre sollte es das aber mit einem einstelligen Tabellenplatz gewesen sein, 2013 schaffte Hoffenheim den Klassenerhalt nur über die Relegation, hier konnte aber im Süd-West Duell der 1. FC Kaiserslautern besiegt werden. In die internationalen Ränge schafften es die Sinsheimer dann erstmalig 2017, ein Jahr später konnte sogar ein direkter Champions-League-Platz erreicht werden.

Das vorerst letzte Mal haben die Hoffenheimer sich 2020 für Europa qualifiziert, nach einem sechsten Platz in der Bundesliga trat die TSG in der Europa League an. Ob es dieses Jahr für die europäische Qualifikation reicht, bleibt abzuwarten. Zwei Spieltage vor Ende der Saison steht die Mannschaft von Cheftrainer Pellegrino Matarazzo auf dem achten Tabellenplatz, dieser würde bei einem Pokalsieg von Leverkusen zur Qualifikation für die Conference League reichen. Die Hoffenheimer brauchen am Sonntag also dringend drei Punkte, die sogar die Chance auf einen Einzug in die Europa League erhöhen würden.

Der Trainer

„In meinem ersten Jahr auf der Highschool hatten mein älterer Cousin und ich denselben Mathelehrer, mein Cousin war schon im Abschlussjahr. Und der Lehrer sagte zu mir: „Du musst ihm dringend mit Mathe helfen.“ Das hat mir das Gefühl gegeben, dass da mehr ist als einfach nur gute Schulnoten. Die Kombination der Begabungen für Mathematik und Fußball war dann für mich das Ticket zu einer der besten Universitäten im Land“, sagte TSG Hoffenheim-Cheftrainer Pellegrino Matarazzo in einem Interview mit der DFL. Der gebürtige US-Amerikaner mit italienischen Wurzeln studierte an der Columbia University angewandte Mathematik und spielte gleichzeitig bei den Lions, dem Team der Universität.

„Es war wahrscheinlich die prägendste Zeit meines Lebens. Mit 17 bin ich nach New York gezogen. Davor habe ich in einer großen, aber sehr geschützten italienischen Familie gelebt und bin dann in eine völlig neue Welt gekommen. Die Vielzahl der Angebote an der Universität und die Anonymität, in der man sich entfalten konnte, waren beeindruckend. Es waren viele intensive Eindrücke auf einmal“, erinnerte sich Pellegrino Matarazzo gegenüber dem SWR an seine Zeit am College in New York.

Anschließend wagte der heutige Hoffenheimer-Cheftrainer den Schritt nach Europa, spielte in der Saison 2000/01 für den Oberligisten Eintracht Bad-Kreuznach, nachdem ein deutscher Scout ihn in Amerika angesprochen hatte. Zweimal kickte der damalige Abwehrspieler auch in Hessen, von 2001-03 und von 2004-05 stand Matarazzo beim SV Wehen in der hessischen Landeshauptstadt unter Vertrag.

Der heute 46-Jährige kam 2006 schließlich zum 1. FC Nürnberg, bei dem er in der zweiten Mannschaft spielte. Beim „Glubb“ übernahm der US-Amerikaner dann auch seine ersten Trainertätigkeiten, nachdem er zunächst Co-Trainer in der Zweiten war, wurde Matarazzo Cheftrainer der U17, später der U19. 2017 endete sein Kapitel in Mittelfranken und der ehemalige Abwehrspieler ging das erste Mal zur TSG Hoffenheim. Unter dem heutigen Nationaltrainer Julian Nagelsmann arbeitete Matarazzo als Co-Trainer, 2020 folgte der nächste Schritt. Pellegrino Matarazzo wurde Cheftrainer in der 1. Fußball-Bundesliga beim VfB Stuttgart, bei denen er zweieinhalb Jahre arbeitete.

Mittlerweile ist Matarazzo zurück auf der Trainerbank der TSG Hoffenheim, in dieser Saison soll die Qualifikation für das internationale Geschäft erreicht werden. Für den ehemaligen Mathestudenten sicherlich eine Geschichte, mit der er so selbst auch nie gerechnet hätte. „Ich kam nach Deutschland, ganz alleine, ohne ein Wort Deutsch zu sprechen. Jetzt bin ich Bundesligatrainer“, sagte er im SWR. Und vielleicht ja sogar bald Trainer im internationalen Geschäft.

Foto: Eibner-Pressefoto

Offensiv-Power

Top-Torjäger Top-Vorlagengeber
Maximilian Beier, 13 Treffer Robert Skov, 5 Vorlagen
Andrej Kramaric, 12 Treffer Grischa Prömmel, 5 Vorlagen
Wout Weghorst, 7 Treffer Ihlas Bebou, 4 Vorlagen
Ihlas Bebou, 5 Treffer Maximilian Beier, 4 Vorlagen
Grischa Prömmel, 4 Treffer Marius Bülter, 4 Vorlagen

Prunkstück

Auf eines können sich die Hoffenheimer in dieser Saison verlassen und das sind ihre Stürmertore. Insgesamt gehört die TSG mit 56 Toren zum oberen Drittel der Liga, 38 Treffer davon haben die Angreifer der Baden-Württemberger erzielt. Maximilian Beier und Andrej Kramaric kommen zusammen allein auf 25 Tore, aber auch Weghorst (7) und Bebou (5) sorgen für Torgefahr. Im Kampf um die internationalen Plätze werden die Offensiv-Kräfte der TSG erneut gefordert sein. Zudem laufen die Hoffenheimer Spieler enorm viel, mit 3838 Kilometern hat die TSG die drittbeste Laufleistung der gesamten Liga.

All Eyes on ...

„Ich war in Cottbus im Internat und nur am Wochenende immer einen Tag zu Hause. Es war schon schwer dann jedes Mal aufs Neue wieder zurück nach Cottbus zufahren. In dieser Phase kamen mir damals auch Gedanken vielleicht ganz mit dem Fußball aufzuhören“, beschrieb Youngstar Maximilian Beier im Interview mit der TSG Hoffenheim seine Zweifel und erläuterte weiter: „Ich hatte einfach zu großes Heimweh. Die Distanz zu meinen Eltern und das Alleinsein in Cottbus haben mich extrem belastet es ging teilweise nicht mehr.“ Aus Bundesliga-Fansicht kann man heute sagen: Zum Glück hat Beier nicht aufgehört. Der 21-Jährige spielt eine sehr starke Saison, wurde zuletzt auch von Bundestrainer Julian Nagelsmann mit einer Nationalmannschafts-Nominierung belohnt.

Beide Geschichten zeigen den Charakter des Hoffenheimer Offensivspielers. Maximilian Beier ist ein ruhiger, zurückhaltender Typ, beschreibt sich selbst als schüchtern. „Früher haben meine Freundin und ich uns drum gestritten, wer im Supermarkt die Kassiererin anspricht, um zu fragen wo etwas im Laden steht“, erinnert sich Beier.

Der in Brandenburg an der Havel geborene Stürmer wechselte mit 12 Jahren zu Energie Cottbus ins Internat, zweieinhalb Stunden entfernt von seinem Elternhaus. Für den schüchternen Beier eine riesige Herausforderung, bis heute habe er übrigens Prüfungsangst. Ein im Raum stehender Auszug aus dem Internat verhinderte sein damaliger Trainer Patrick Schrade. „Er hat mich vom Bahnhof abgeholt oder ist mit mir auch mal essen gegangen“, erinnert sich Beier an die Zeit zurück: „Ich bin ihm bis heute sehr dankbar!“

Umso erstaunlicher wirkt Beiers Wechsel mit 16 Jahren zu TSG Hoffenheim, schließlich war die Distanz nach Hause nun noch deutlich größer. Beier selbst glaubt aber, dass er deutlich abgehärteter war, die Erfahrung aus Cottbus ihm zudem geholfen habe. In der U17-Bundesliga wusste der Angreifer sofort zu überzeugen, traf in 26 Spielen gleich 18-Mal. In der Saison 2019/20 folgte dann das Bundesliga-Debüt für das Sturm-Juwel.

Der endgültige Durchbruch gelang Beier aber nicht im Kraichgau, für zwei Jahre wurde der heute 21-Jährige zu Hannover 96 verliehen, hier ging sein Stern immer mehr auf. Doch wie „Maxi“ dann die Saison 2023/24 begann, damit hatten nur die wenigsten gerechnet. Nach acht Spielen stand Beier bei sechs Toren, in den ersten zehn Spieltagen gelangen ihm insgesamt neun Torbeteiligungen.

Mit der TSG Hoffenheim will Maximilian Beier in der kommenden Saison international spielen, ob das gelingt wird auch sicherlich von seinen Leistungen in den letzten beiden Spielen abhängen. Bei einem Einzug in die Europa- oder Conference-League darf sich der Fernsehzuschauer dann vielleicht auch über ein eher selten vorkommenes Beier-Interview freuen.

Foto: Eibner-Pressefoto

Hoffenheimer Meilensteine

  • Europa-League Qualifikation: 2019/20
  • Direkte Champions-League Qualifikation: 2017/18
  • Champions-League-Playoffs: 2016/17
  • Das eigene Stadion: 2009
  • Aufstieg in die Bundesliga: 2007/08
  • Aufstieg in die 2. Liga: 2006/07
  • Landespokal-Baden-Sieger: 2004/05, 2003/04, 2002/03, 2001/02

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