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19.02.2023 / Profis

Ein Gemeinschaftsprodukt

“Warum schießt Tietzer jetzt den Freistoß?”, fragte Torsten Lieberknecht in der 78. Minute ein wenig ungläubig seinen Co-Trainer. Da hatte sich Phillip Tietz gerade den Ball knapp vor der Sechzehnermarkierung zurechtgelegt. Der festen Überzeugung, die Kugel gleich zumindest halbwegs vernünftig auf den Rostocker Kasten zu bringen. Verhindern, dass der Stürmer gleich schießen würde, konnte der Chefcoach eh nicht mehr. Also beruhigte ihn Ovid Hajou, wie sich Lieberknecht erinnerte: "Ich solle ruhig bleiben, meinte Ovid zu mir. Der trainiert das doch oft im Training, sagte er." Wenige Wimpernschläge später schlug der Ball ins obere rechte Eck ein. 1:0.

Foto: eibner Pressefotos

Ja, es war die entscheidende Situation des Samstagabendspiels im Ostseestadion. Und ja, es war Phillip Tietz, der den umjubelten Siegtreffer erzielte – auf besonders sehenswerte Art und Weise wohlgemerkt. Trotzdem war dieser 1:0-Auswärtssieg des SV Darmstadt 98 bei Hansa Rostock alles andere als eine One-Man-Show. Vielmehr war es abermals ein Gemeinschaftsprodukt der gesamten Mannschaft. Inklusive derer, die bei Anpfiff noch nicht auf dem Feld gestanden hatten. “Man hat einmal mehr gesehen, dass jeder Spieler bei uns auf seine Einsätze brennt und seinen Job erledigt, wenn er reinkommt”, lobte Tietz.

Jeder weiß, was zu tun ist

Schon im Heimspiel gegen Eintracht Braunschweig setzten die Einwechselspieler mitentscheidende Impulse. Und auch in Rostock waren speziell Keanan Bennetts und Clemens Riedel die besten Beispiele dafür, dass man sich bei den Lilien auf jeden Mann verlassen kann. “Das spricht für unseren Kader”, machte Marcel Schuhen deutlich. Schließlich fordert auch Lieberknecht immer wieder von allen Spielern, stets bereit und gut vorbereitet zu sein. Eben auf genau solche Situationen, wie sie den SV 98 in Rostock erwarteten, als Jannik Müller und Tobias Kempe in der Halbzeitpause verletzungsbedingt ausgewechselt werden mussten. Doch wissen seine Schützlinge dank zahlreicher Spielformen im Training, was sie trotz verschiedener personeller Konstellationen zu tun haben. Harte Arbeit also unter der Woche, die sich am Spieltag auszahlen sollte.

Hinzukommt der Fakt, dass die Lilien immer an die eigene Stärke glauben. Selbst wenn sie wie im Ostseestadion in der ersten Halbzeit mal nicht gut ins Spiel finden. Wenn Kampf und Intensität gefordert sind, können die Darmstädter eben auch Kampf und Intensität liefern. “Wichtig ist, dass wir gerne verteidigen, aber auch vernünftigen Fußball spielen können, so wie wir es nach der Pause gezeigt haben”, erklärte Schuhen. Denn es spricht dann auch für die Reife der Mannschaft, Probleme in der Halbzeitpause anzusprechen, taktische Anpassungen vorzunehmen und diese nach dem Seitenwechsel gut umzusetzen.

Zudem stand gegen Hansa Rostock defensiv einmal mehr die Null – wie es nun schon im insgesamt neunten Spiel in dieser Saison der Fall war. Die Lilien wissen um ihre Defensivstärke. Zum anderen wissen sie aber auch um ihre offensive Wucht, die sie entfachen können. Dazu gesellt sich stetige Glaube an einen eigenen Treffer. So hat der SV Darmstadt 98 mit dem 1:0-Erfolg an der Ostsee in den vergangenen 20 Spielen in Folge immer mindestens ein Tor erzielen können. Weil also auch in Rostock wieder ein Treffer gelang, stellte der SVD einen alten Zweitliga-Vereinsrekord ein. Nur im Jahr 1980 schafften es die Südhessen, in ebenso vielen Spielen in Serie stets ein Tor zu erzielen.

“Sobald der Schiedsrichter anpfeift, müssen wir bereit sein”

Weiter hat der SV 98 seit nun insgesamt 20 Ligaspielen nicht mehr verloren. Eine Serie, die sich die Mannen vom Böllenfalltor hart erarbeiteten. Diese aufrechtzuerhalten ist nur möglich, weil die Lilien Woche für Woche großen Einsatz zeigen und immer wieder aufs Neue ihr Kämpferherz auf den Plätzen der 2. Bundesliga lassen. Schuhen: „Wenn wir nicht bereit für Einsatz und das Verteidigen sind, dann gewinnen wir die Spiele nicht. Sobald der Schiedsrichter anpfeift, müssen wir dazu bereit sein, immer wieder zu marschieren und alles reinzuwerfen. Solange wir das tun, sind wir schwierig zu schlagen.” Wenn dies alles aber mal nicht gegeben sein sollte, wird es schwierig gegen jeden Gegner. Egal, ob er Rostock, Hamburg oder Heidenheim heißt. Doch die Lilien, sie wollen weitermachen. “Wir haben positiv verrückte Jungs in der Truppe, die darauf genauso Bock haben wie ich”, betonte Schuhen.

Jungs, die nur von Spieltag zu Spieltag schauen, um so Woche für Woche die bestmögliche Leistung abliefern zu können. Eine Mannschaft, die sich trotz 48 Zählern auf dem Punktekonto nicht von ihrem Weg abbringen lässt. Die sich nicht in Träumereien verfängt und auch nicht abhebt. “Wir bleiben einfach bei uns und freuen uns jetzt auf den HSV”, so Tietz. Genau dieser Hamburger SV gastiert am kommenden Wochenende (25.2./20.30 Uhr) in Darmstadt. Samstagabend. Flutlicht. Merck-Stadion am Böllenfalltor. Eine hoffentlich atemberaubende Atmosphäre. Und welcher Darmstädter dann trifft? Ob Tietz oder jemand anderes: Es wäre auch gegen den HSV eigentlich doch ganz egal. Hauptsache der Ball schlägt in den Maschen ein. Denn die Lilien, sie sind ein Team. Tore und Siege? Ein Gemeinschaftsprodukt.

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