Foto: Stefan Holtzem 09.08.2025 / Profis
Geduldig zum Lucky Punch
Man könnte meinen, ein 1:0-Auswärtssieg ist im Fußball ein häufiges Ergebnis und etwas völlig Alltägliches. Blickt man jedoch auf den SV 98 und die jüngere Vergangenheit der Lilien, so wird schnell deutlich, dass dieser knappe Erfolg in der Fremde für die Darmstädter eine Rarität ist. Beweise gefällig? Erstmals seit November letzten Jahres siegten die Südhessen überhaupt wieder auf fremden Platz, auswärts ohne Gegentor war das Team zuletzt im April 2024 geblieben. Und für ein 1:0 in einem Auswärtsspiel muss man gar bis in den März 2023 zurückreisen. Damals siegten die Lilien zuletzt mit diesem Ergebnis. Wo? Genau, an einem Freitagabend in Nürnberg. Der Auswärtserfolg in der Analyse.
Szene des Spiels:
Bei manchen Spielen schreibt sich diese Kategorie von alleine. Unsere Szene des Spiels ist selbstverständlich der Siegtreffer von Killian Corredor in der 94. Minute. „Der gute alte Lucky-Punch“, so taufte Marcel Schuhen den spielentscheidenen Moment, als Corredor nach Vorlage von Fraser Hornby alleine vor dem bis dato bärenstarken Jan Reichert auftauchte, eiskalt blieb und den SV 98 in einen Freudentaumel versetzte.
Wenig später war die Partie im Max-Morlock-Stadion beendet, die Lilien feierten ausgelassen vor dem stimmungsvollen Gästeblock und Corredor selbst durfte das laustarke „Allez les bleus“ aus den rund 1200 Kehlen auch ein wenig auf sich selbst beziehen. Zwei Wochen lang hatte der Franzose mit Wadenproblemen aussetzen müssen, bevor er in der vergangenen Woche wieder ins Training einsteigen konnte und seine Farben als Joker zum ersten Auswärtssieg seit November schoss. Mehr „Szene des Spiels“ geht kaum.
Dennoch wollen wir an zwei weitere Momente erinneren, in denen Keeper Schuhen überhaupt erst dafür sorgte, dass Corredor zum Siegtorschützen werden konnte. Mit zwei sensationellen Reflexen bei den Kopfbällen von Robin Knoche (75.) und Fabio Gruber (88.) sicherte der Kapitän das zu Null und öffnete die Tür für den Lucky Punch. „Da hat er klasse gehalten“, lobte auch FCN-Coach Miroslav Klose, während Kai Klefisch zusammenfasste: „Schuh war heute überragend.“
Das lief gut:
Die Defensive. Mit Ausnahme der Standardsituationen (mehr dazu in „Das lief nicht gut“) kam der FCN am Freitagabend zu nahezu keinen größeren Chancen. Einzig Semir Telalovic verzeichnete einen vielversprechenden Abschluss aus dem Spiel heraus, darüber hinaus hatten die Lilien defensiv alles im Griff. „Das spricht für Paddy, das spricht für Vuko, das spricht aber auch für Kai, Hiro und Mey, die defensiv allesamt ein gutes Spiel gemacht haben“, fasste Florian Kohfeldt zusammen und ergänzte: „Es ist immer wichtig, die Null zu halten und dann haben wir Spieler, die so ein Spiel entscheiden können.“
Das zu Null war die Basis für den knappen Auswärtserfolg, erstmals seit April 2024 (2:0 in Köln) bewahrten die Südhessen auf fremden Platz die weiße Weste. Einen Umstand, den Torhüter Schuhen ebenfalls hervorhob: „Das ist der große Unterschied zur Vorsaison. Wir halten die Null und rennen nicht ins offene Messer. Das ist ein großer Schritt.“
Die Geduld. Der SV 98 zeigte sich über 95. Minuten konzentriert und blieb im entscheidenden Moment hellwach. Gegen teilweise durchaus tiefstehende Gastgeber erfolgte kein kopfloses Anrennen, Schuhen gab offen zu, dass die Lilien an diesem Tag auch das 0:0 „mitgenommen“ hätten. Es kam anders, mit dem Schlussakt sicherten sich die Südhessen die komplette Ausbeute. „So einen Sieg hatten wir vergangene Saison gar nicht“, bilanzierte Klefisch richtigerweise und fügte an: „Wir wissen jetzt, dass wir auch solche Spiele ziehen können.“
Am 31. Januar diesen Jahres hatten die Darmstädter eine ganz ähnliche Partie in Nürnberg in der Schlussphase verloren. Es ist also durchaus logisch, dass Klefisch nach dem Spiel davon sprach, dass die Lilien „erwachsener“ geworden seien. Dass sie eine solche Partie eben nicht mehr verlieren, geduldig bleiben und am Ende sogar gewinnen können.
Das lief nicht gut:
Die gegnerischen Standards. „Wir müssen darüber reden, warum wir zwei Mal in so eine Situation kommen. Immer kann Schuh diese Bälle nicht halten.“ Bei seinem Fazit zur Partie kritisierte Cheftrainer Kohfeldt das Verhalten seiner Mannschaft bei den beiden Großchancen der Gastgeber in der Schlussviertelstunde. Sowohl Knoche als auch Gruber kamen im Anschluss an Ecken sträflich frei zu ihren Kopfbällen – ein Umstand, den auch Schuhen in den Interviews nach Spielende mahnend ansprach.
Das Offensivspiel. Dieser Punkt gehört eher zur Überschrift „Das lief nicht so gut, wie es gegen Bochum gelaufen ist.“ Denn die Lilien fanden in Nürnberg offensiv durchaus statt, verzeichneten durch Marco Richter und Hiroki Akiyama zwei herausgespielte Großchancen und einige weitere Möglichkeiten. Und dennoch sprach Kohfeldt unumwunden an, dass sich seine Mannschaft gegen die kompakten und gut organiserten Nürnberger streckenweise durchaus schwer dabei tat, zielgerichtete Offensivaktionen zu kreieren.“
Angesprochen auf die kleinen Makel vom Freitagabend erklärte Schuhen mit einem Schmunzeln: „Punktemäßig sind wir perfekt gestartet. Leistungsmäßig nicht ganz. Aber wenn jetzt schon alles perfekt wäre, wäre es auch zu früh in der Saison.“
Ein Fazit, das wir so gerne unterschreiben.
Zitat des Tages
Wir haben eine Gewinnermentalität aufgebaut. Wir wissen jetzt, dass wir auch solche Spiele ziehen können.