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25.02.2024 / Profis

Regelrecht verhext

In der 97. Minute brachen alle Dämme. Mit einem letzten Vollsprint hatte Tim Skarke soeben einen Fehler von Werder-Keeper Michael Zetterer erzwungen, einen Ballgewinn erpresst und die Kugel in das verwaiste Gehäuse der Gastgeber geschoben. Das Tor zum 2:1, gleichbedeutend mit einem so lang ersehnten Sieg, löste wortwörtliche Jubelstürme aus. Eine Traube aus Spielern bildete sich um Skarke, der seine Freude in den Bremer Himmel schrie. Und kurz darauf verstummte. Der vermeintliche Treffer? Er zählte nicht. Die Freude wich aus den Gesichtern der Lilien. Und wurde ersetzt durch Unverständnis, Verzweiflung und vielleicht sogar einer Spur Sarkasmus. Die Aberkennung war regelkonform. Und gleichzeitig absurd. Und damit ein wenig symbolisch für die Situation des SV 98. Regelrecht verhext.

Foto: Eibner

„Ein Spieler trifft ins Tor, unmittelbar nachdem er den Ball mit der Hand oder dem Arm berührt hat“, so lautet der Passus im Regelwerk, der einen Glücksmoment in Fassungslosigkeit verwandelte. Von Skarkes angelegtem Unterarm war das Spielgerät im Vorfeld seines Treffers an den Oberschenkel geprallt, eine minimale und gleichzeitig völlig unabsichtliche Berührung, die in genau einer Situation im Profifußball abgepfiffen wird. Wäre Skarke beispielsweise von Zetterer zu Boden gebracht und das Vergehen mit einem Elfmeter geahndet worden, sein „Handspiel“ wäre ungestraft geblieben. Hätte ein Verteidiger auf Skarke-Art geklärt, ein Elfmeterpfiff wäre ausgeblieben. Zurecht wohlgemerkt.

„Es ist eine Regel, die sicherlich geändert werden sollte“, erklärte daher auch Marcel Schuhen, während Skarke selbst knapp zusammenfasste: „Die Regel ist Quatsch.“ Es war durchaus bemerkenswert, wie sachlich die Südhessen diese emotionale Achterbahnfahrt einordnen konnten, zumal bereits in der 78. Minute ein Skarke-Treffer aufgrund einer Abseitsstellung vom Videoschiedsrichter wieder einkassiert wurde. Ebenfalls eine Millimeterentscheidung. „Aus emotionaler Sicht ist das heute natürlich schwierig, der Schiedsrichter hat aber alles richtig gemacht“, bilanzierte Schuhen, schob aber nach: „In unserer Situation ist es sicherlich brutal.“

Aus emotionaler Sicht ist das heute natürlich schwierig, der Schiedsrichter hat aber alles richtig gemacht

Marcel Schuhen, nach dem 1:1 in Bremen

Denn höchstwahrscheinlich hätte jeder Verein und jeder Fußballer mit einer derartigen Szene gehadert. Für die Lilien, die seit mehr als vier Monaten auf einen Sieg warten, dürfte ein derartiges Ende einer emotionalen Partie aber noch ein Stücken schwerer wiegen. „Es waren pure Emotionen, in der Nachspielzeit dieses Quäntchen Glück zu haben, auf das wir seit Wochen warten. Dass es dann letztendlich doch wieder so ausgeht, ist einfach extrem bitter. Da fühlst du dich im falschen Film“, resümierte Julian Justvan, der zum Zeitpunkt des 2:1 bereits ausgewechselt auf der Bank saß und als Zuschauer miterlebte, was Skarke als „verhext“ bezeichnete. Und dennoch standen alle Darmstädter erhobenen Hauptes bei ihren Interviews, mit einer Entschlossenheit in Stimme und Blick, die angesichts von Spielverlauf und Tabellensituation alles andere als selbstverständlich ist.

Angesprochen auf den weiterhin ungebrochenen Willen, erklärte Schuhen: „Dieses Team funktioniert. Das wäre in vielen Vereinen in dieser Situation anders. Wir werden weitermachen.“ Zumal es zahlreiche positive Dinge gibt, die der SV 98 aus dem Bremer Weserstadion mit auf die Heimreise nahm. Nach schleppendem Auftakt und einem frühen Rückstand, kämpften sich die Lilien zurück in die Partie, erzielten den Ausgleich durch Justvan und waren dem Sieg bei formstarken Werderanern schlussendlich unglaublich nah. Dinge, die auch den einzigen wirklichen Torschützen optimistisch stimmten und gleichzeitig zu einem Lob an seine Teamkollegen veranlasste: „Ich kann nur einen großen Respekt an die Mannschaft aussprechen, die Woche für Woche wieder eine positive Stimmung auf den Trainingsplatz und in die Kabine bringt. Wir merken, dass wir dran sind und die Spiele auch gewinnen können. Wenn der Sieg kommt, nehmen wir nochmal einen anderen Schwung mit. Es braucht wahrscheinlich nur diesen einen Brustlöser in Form von drei Punkten.“

"Es werden noch viele verrückte Dinge passieren"

In Bremen fehlten nur Millimeter, um Dreifaches einzufahren. Klar ist aber auch, dass der SV 98 diesen maximalen Punktgewinn dringend benötigt im Abstiegskampf der Bundesliga. Die nächste Chance bietet sich am kommenden Samstag im Heimspiel gegen den FC Augsburg. Verzichten müssen die Lilien dann womöglich auf Marvin Mehlem, bei dem die Befürchtung besteht, dass er sich erneut am Wadenbein verletzt haben könnte. Es wäre die nächste bittere Nachricht für die Mannschaft von Torsten Lieberknecht. Die ungeachtet aller Rückschläge ihren Weg weitergehen wird, wie Schuhen versprach: „Weil bis zum Saisonende noch viele verrückte Dinge passieren werden.“ Hoffentlich mit positiven Emotionen für den SV 98.

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