Foto: Jana Delp 25.08.2025 / Profis
Spektakel ohne Tore: Das Hertha-Spiel in der Analyse
Es gibt solche und solche. Ein 0:0-Spiel, das kann schon mal für eher langweiliges Gekicke und keine gefährlichen Torraumszenen stehen. Es kann aber auch Spektakel bieten – eben nur ohne Treffer. Und genau solch ein torloses Remis ereignete sich am Sonntag (24.8.) im Merck-Stadion am Böllenfalltor zwischen dem SV Darmstadt 98 und Hertha BSC. Torgefahr hüben wie drüben, dazu Dynamik, Intensität und individuelle Qualität auf beiden Seiten. In unserer gewohnten Analyse blicken wir auf die Szenen des Spiels. Und fragen uns: Was lief gut? Was lief nicht gut?
Szene des Spiels:
Szenen des Spiels: Es sind gleich zwei Szenen. Sie zeigten am Sonntag, wie eng Glück und Frust hätten beieinander liegen können. Aber der Reihe nach.
Nach gut 83 Zeigerumdrehungen bekamen die Lilien einen Freistoß nahe des gegnerischen Sechzehners zugesprochen: Marseiler rüber auf Nürnberger, der gefühlvoll auf den Schädel von Klefisch und der nochmal zu Corredor. Schließlich köpfte der Franzose das Spielgerät aus vier Metern auf den Kasten der Hertha. Ein sicheres Tor für den SV Darmstadt 98? Leider nein… Weil Tjark Ernst, der Keeper des Hauptstadtklubs, einen unglaublichen Reflex auspackte, mit welchem er den Ball noch an den Pfosten lenkte. Und der Jubelschrei, den alle Lilien schon auf den Lippen hatten, er verstummte.
Wenige Minuten später hielten derweil ausnahmslose alle Zuschauer im Merck-Stadion am Böllenfalltor den Atem an – die Herthaner aus Vorfreude auf den vermeintlichen Lucky Punch sowie die hoffenden Darmstädter, dass dieser doch bitte nicht eintrete. Tief in der Nachspielzeit (90’+8) lief Fabian Reese – dieser Ausnahmespieler der 2. Bundesliga – nach einem Konter frei auf das Tor von Marcel Schuhen zu. Ein sicheres Tor für Hertha BSC? Zum Glück nein… „Eigentlich macht er zehn von zehn solcher Bälle rein“, wusste Marco Richter um die Qualitäten des Herthaners. Doch nicht an diesem Bölle-Nachmittag. Reese verzog, es blieb beim 0:0.
Allein diese zwei Szenen (es hätte noch deutlich mehr gegeben inklusive zahlreicher Alu-Treffer) belegen das 0:0 der besseren Art, wie Marcel Schuhen es später beschreiben sollte. Beide Mannschaften hätten ihre Tore machen und damit das Spiel auf ihre Seiten ziehen können. „Wenn es 3:3 ausgeht, beschwert sich auch niemand“, sagte Marco Richter in seinem Statement zum torlosen Remis gegen die Hertha.
Das lief gut:
Leistung + Saisonstart. Ein souveräner 4:1-Erfolg gegen den Bundesliga-Absteiger aus Bochum. Dann ein Last-Minute-Sieg beim 1. FC Nürnberg. Dazu ein 0:0 gegen den Aufstiegsaspiranten von Hertha BSC. Und dazwischen das Weiterkommen im DFB-Pokal gegen den VfB Lübeck. Das macht in Summe vier ungeschlagene Partien samt drei Pflichtspielsiegen und sieben von neun möglichen Punkten in der 2. Bundesliga sowie zwei Zu-Null-Spiele. „Wir haben bis jetzt einen guten Punkteschnitt und sind im Pokal eine Runde weiter – von daher sind wir alle happy“, antwortete Marcel Schuhen angesprochen auf den Saisonstart seiner Mannschaft. Trotz schwerem Auftaktprogramm sind die Lilien sehr gut in die neue Spielzeit gekommen. Weil der SV 98 bislang stets abliefert.
So auch gegen Hertha BSC. „Wir haben eine gute bis sehr gute Leistung gebracht“, lobte daher Florian Kohfeldt auf der Pressekonferenz nach der Partie. Sein Team brannte eine enorme Intensität auf den Rasen, zeigte sich variabel und mutig nach vorne. Alle im Merck-Stadion am Böllenfalltor spürten, dass die Darmstädter die drei Punkte in Südhessen behalten wollten. Und das gegen eine Mannschaft, die in dieser Saison das erklärte Ziel hat, um den Aufstieg in den Beletage des deutschen Fußballs mitzuspielen. Dass genau dieser Aufstiegsfavorit aus der Hauptstadt sich am Sonntag zunächst einmal tief zurückzog, die Defensivarbeit in den Vordergrund stellte und auf Umschaltmomente lauerte, zeigte deutlich, welchen Respekt sich die Lilien durch ihre Leistungen zu Saisonbeginn erarbeitet haben.
Systemumstellung greift. Lieber Dreier- oder Viererkette? Uns doch egal, könnte eine flapsige Antwort der Lilien lauten. Denn der SV Darmstadt 98, er kann beides und fühlt sich in beiden Systemen wohl. „Es ist sehr gut, dass wir auch während des Spiels so schnell umstellen können. Das haben wir uns in der Vorbereitung erarbeitet und das wird wahrscheinlich im Laufe der Saison auch noch mehrmals zum Tragen kommen“, verdeutlichte Schuhen. Angefangen mit einer Viererkette hatten die Darmstädter defensiv ihre Probleme, Zugriff auf die flinken und im Dribbling starken Flügelspieler der Hertha zu bekommen. Mit den Einwechslungen von Matej Maglica und Luca Marseiler nach gut einer Stunde stellten die Lilien dann auf eine Dreierabwehr-Formation um. „Dadurch konnten unseren Halbspieler nach vorne verteidigen, für die Sechser wurde es so einfacher“, analysierte der Darmstädter Schlussmann. Auch Kohfeldt untermauerte: „Nach der Umstellung auf Dreierkette waren wir die bessere Mannschaft sowie mutiger nach vorne und haben uns weiter Torchancen erspielt.“
Das lief nicht gut:
Kein eigener Treffer. Natürlich ist dieser Fakt das Haar in der Suppe. Insgesamt 14 Torschüsse zählte die Statistik für die 98er – darunter der bereits angesprochene Corredor-Kopfball samt Ernst-Parade an den Pfosten, aber auch ein wuchtiger Bialek-Abschluss oder ein weiterer Alu-Treffer von Vukotic aus dem ersten Durchgang. Wenn man aus der ansonsten überzeugenden Darbietung der Lilien etwas Negatives herausziehen will, dann ist es die Chancenverwertung. Hätte diese gepasst, wären die Lilien wohl als Sieger vom Platz gegangen. Gleiches lässt sich aber auch aus Sicht der Herthaner sagen, die laut Statistik auf sogar noch einem Torschuss mehr kamen – darunter eben auch zwei Treffer ans Aluminium oder verpasste Chancen freistehend vor dem Tor von Schuhen. Wir halten daher mit dem Zitat von Marco Richter fest: „Eine insgesamt gerechte Punkteteilung.“
Konterabsicherung. „Wir treffen auf eine Mannschaft, bei der fast jeder Spieler in jeder Situation das Spiel entscheiden kann“, mahnte Florian Kohfeldt schon auf der Pressekonferenz vor dem Duell mit Blick auf die individuelle Qualität des Gegners. Dementsprechend gewarnt waren die Lilien und verloren trotz all ihrer Offensivbemühungen nicht den Kopf, wie Schuhen lobte. „Bis auf die letzte Aktion mit Reese sind wir gegen eine gute Umschaltmannschaft sehr stabil geblieben“, so der Darmstädter Schlussmann. Doch hat die Reese-Szene in der achten Minute der Nachspielzeit gezeigt, wie schwierig es ist, diese Qualität der Hertha über 90 Minuten zu verteidigen. Gerade in dieser Situation, aber auch in ein paar Szenen zuvor schon, hätten die Lilien die Konter der Herthaner besser absichern und in der Restverteidigung besser stehen müssen. Allesamt Punkte, an denen es bis zum kommenden Auswärtsspiel beim 1. FC Kaiserslautern am Sonntag (31.8./13.30 Uhr) zu arbeiten gilt.
Zitat des Tages
Wenn es 3:3 ausgeht, beschwert sich niemand.