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02.11.2023 / Profis

VfL Bochum im Gegnercheck

Das Ruhrgebiet. Eine Region, die für ihre leidenschaftliche Fußballkultur bekannt ist. Und der VfL Bochum? Ein Verein, der genau durch diese Kultur seine Besonderheit erlangt. Wir nehmen die Mannschaft aus dem Ruhrpott vor dem Fluchtlichtspiel am Freitag im Merck-Stadion am Böllenfalltor (3.11./20.30 Uhr) genauer unter die Lupe.

Foto: DFL/Getty Images/Neil Baynes

DFB-Pokalfinale 1968. Der VfL Bochum trifft auf den 1. FC Köln. Ein Duell zwischen einem Regionalligisten und einem Bundesliga-Verein. Den Pokal kann der VfL damals zwar nicht mit nach Hause ins Ruhrgebiet nehmen. Dennoch sind das genau die Spiele, die den Verein bis heute prägen. Hier beim VfL bestimmt eben nicht die internationale Bekanntheit. Nein, es sind diese ganz besonderen Momente wie beispielsweise die Pokalsaison 1967/68. Damals als dieser Klub aus dem Pott neben dem Karlsruher SC, dem VfB Stuttgart und der Borussia aus Mönchengladbach sogar im Halbfinale noch Titelverteidiger und Europapokal-Sieger Bayern München ausschaltete.

Ein Rückblick auf den 17. Mai 1997. Der VfL Bochum steckte mitten im Abstiegskampf. Am letzten Spieltag trafen die Bochumer zuhause auf Borussia Mönchengladbach. Bochum musste dieses Spiel unbedingt gewinnen, um sicher in der Bundesliga zu bleiben. Die Partie endete mit einem knappen 1:0-Sieg für den VfL – das entscheidende Tor von Marcel Ketelaer, der Klassenerhalt war geschafft.

Saison 2022/23. Ein ähnliches Szenario für den Klub aus dem Revier. Am letzten Spieltag war Bayer Leverkusen zu Gast im Ruhrstadion. Und auch hier waren die Vorzeichen klar: Bochum musste bestenfalls gewinnen, um der Liga zu bleiben. 3:0, dann der Endstand. Ein Statement. Der VfL rettete sich und spielt nun bereits in der dritten Spielzeit in Folge im deutschen Fußball-Oberhaus. Der entscheidene Faktor über all die Jahre? Die Mentalität. Scheinbar etwas, was man im Ruhrgebiet und gerade beim VfL eingeimpft bekommt. Wie gut die Mentalität der Bochumer wirklich ist und wer es den Lilien am Freitagabend besonders schwer machen könnte, klären wir in unserem wöchentlichen Gegnercheck.

Die bisherige Saison

Spieltag Begegnung Ergebnis
1 VfB Stuttgart – VfL Bochum 5:0
2 VfL Bochum – Borussia Dortmund 1:1
3 FC Augsburg – VfL Bochum 2:2
4 VfL Bochum – Eintracht Frankfurt 1:1
5 FC Bayern München – VfL Bochum 7:0
6 VfL Bochum – Borussia Mönchenglabach 1:3
7 VfL Bochum – RB Leipzig 0:0
8 SC Freiburg – VfL Bochum 2:1
9 VfL Bochum – 1. FSV Mainz 05 2:2

Der Trainer

Den Abstieg abgewehrt, den VfL Bochum in der 1. Bundesliga gehalten. Und das gleich in seiner ersten Saison als Trainer beim Revierklub. Seit September 2022 der Verantwortliche an der Seitenlinie des VfL? Thomas Letsch. Über seine Karriere sagt er in einem vereinseigenen Interview: „Alles, was ich in meinem Leben gemacht habe, hat mich weitergebracht. Ich weiß, dass mein Weg ein außergewöhnlicher ist.“ Genau diesen Weg schauen wir uns einmal genauer an.

Die fußballerische Vita des 55-Jährigen startet 1977 beim VfB Oberesslingen-Zell und führt ihn unter anderem über die Traditionsklubs Stuttgarter Kickers und SSV Ulm 1846 zur SG Sonnenhof Großaspach. Hier gewinnt er mit den Württembergern den Landespokal und schafft den Aufstieg in die Regionalliga Süd West. Doch Fußball ist für den gebürtigen Esslinger nicht alles. Während seiner aktiven Zeit auf dem Platz schließt Letsch nebenher ein Lehramtstudium ab. An einer Schule in Großaspach lehrt er im Anschluss die Fächer Sport und Mathematik. Das Unterrichten, es bereitet ihm sogar so viel Freude, dass es ihn für drei Jahre an eine deutsche Schule nach Portugal verschlägt. „Mein ganzes Leben hat sich vorher in einem Umkreis von 30 Kilometern abgespielt. Wir waren die klassische schwäbische Familie“, erzählt Letsch in einem vereinsinternen Interview. Doch wie passt da der Wechsel auf die Trainerbank im Geschäft Profi-Fußball ins Bild?

Zu verdanken hat das Letsch wohl Ralf Rangnick, der den damaligen Lehrer mit einem Anruf aus Lissabon weglotste und ihn für die Akademie von Salzburg gewinnen konnte. Darüber sagte Letsch einst im Kicker-Interview: „Wir waren auf dem Weg zum Strand, da hat sich Ralf Rangnick gemeldet und mir das Projekt in Salzburg schmackhaft gemacht.“ Und weiter: „Ralf war für mich der große Antreiber und hat mein Leben dann ziemlich auf den Kopf gestellt, im positiven Sinne.“ Durch erfolgreiche Jahre in der österreichischen Jugendliga warteten im Anschluss neue Herausforderungen auf den deutschen Fußballtrainer. Über die Station beim FC Liefering führte Letsch‘s Weg weiter als Interimstrainer bei den Profis von Salzburg. Es folgte ein kurzes Intermezzo beim damaligen Zweitligisten aus Aue. Aus Deutschland zurück nach Österreich, wo der Fußballlehrer seine Karriere bei Austria Wien fortsetzte. Nach zwei Saisons im schönen Wien sollte es dann in den Niederlanden bei Vitesse Arnheim weitergehen. Hier trainierte der Letsch die jüngste Mannschaft in der höchsten niederländischen Spielklasse und erreichte in der Saison 2021/22 das Achtelfinale der damals neu eingeführten UEFA Conference League.

Dann der Anruf aus Bochum. Bundesliga. Abstiegskampf. Letsch sagt zu. Denn er ist sich sicher. „In der Mannschaft steckt die Mentalität, die es braucht, um solch eine schwierige Situation zu meistern“, verrät er gegenüber dem Portal Sportbuzzer. Mit seinem raumorientierten und aggressiven Vorwärtsverteidigen im Spiel gegen den Ball sowie Tempo- und Tiefenfußball im eigenen Ballbesitz schafft es Letsch mit dem VfL, die Klasse zu halten. Und auch in der laufenden Saison sind das immer noch die absoluten Schlagworte in Sachen Spielphilosophie des Bochumer Trainers.

Foto: DFL/Getty Images/Neil Baynes

Transfermarkt

Top-Neuzugänge Top-Abgänge
Kevin Schlotterbeck (26, SC Freiburg) Gerrit Holtmann (28, Antalyaspor)
Bernado (28, Salzburg) Konstantinos Stafylidis (29, Vereinslos)
Matus Bero (28, Vitesse Arnheim) Jannes Horn (26, 1.FC Nürnberg)
Maximilian Wittek (28, Vitesse Arnheim) Simon Zoller (32, St. Pauli)
Gonçalo Paciência (29, Celta Vigo) Jacek Goralski (31, Wieczysta)

Prunkstück

Ein Erkennungsmerkmal aus dem Ruhrpott? In Bochum geht es nicht nur um Fußball, sondern um eine Lebensphilosophie – die Malocher-Mentalität. Das Ruhrgebiet und insbesondere Bochum sind historisch geprägt von harter Arbeit und Entschlossenheit. Das lässt sich auch auf dem Spielfeld an der Castroper Straße erkennen. Als Aufsteiger kehrte der VfL in der Saison 2021/22 in das Oberhaus des deutschen Fußballs ein. Eine Bestätigung für genau diese Mentalität. Denn harte Arbeit zahlt sich aus. Und weil der Glaube an sich selbst bei der Mentalitätsfrage eine wichtige Rolle spielt, ist der VfL seit seiner Rückkehr in die Bundesliga auch nicht wieder abgestiegen. Im Gegenteil. Im Mai 2022 stand der Revierklub mit 42 Punkten nach Saisonende auf Platz 13 und feierte den Verbleib in der Liga. Selbst gegen Bayern München sackten sich die Bochumer in jener Rückrunde mit einem 4:1-Heimsieg die drei Zähler ein. Im Derby gegen Dortmund gewann man mit 4:3. Die TSG aus Hoffenheim blieb gegen die Ruhrstädter sogar in beiden Spielen sieglos und auch im Duell mit Frankfurt schnappen sich die Bochumer unter anderem drei Punkte. In der vergangenen Saison stand Bochum am letzten Spieltag vor der Frage: Abstieg, Relegation oder ein weiteres Jahr in der Bundesliga? Doch auch dieser enorme Druck ließ die Mentalität der Bochumer nicht bröckeln. Mit einem kämpferischen 3:0 im eigenen Ruhrstadion feierte die Mannschaft rund um Thomas Letsch den Klassenerhalt. Es ist diese Willenskraft, der Ehrgeiz und Kampfgeist durch den die Malocher-Mentalität charakterisiert wird und die den Spielstil des VfL bis heute auszeichnet. Und apropos Kampfgeist: Der zweikampfstärkste Spieler in der laufenden Saison kommt aus der Abwehrreihe des VfL Bochum. Mit 126 gewonnen Zweikampf-Duellen führt Bernando das Ranking in der Bundesliga an. Die Lilien dürfen sich also auf ein körperbetontes und intensives Spiel einstellen.

All Eyes on ...

… den Elfmeterkiller. Manuel Riemann. In seiner gesamten Karriere sah sich der Torhüter insgesamt 60 Elfmetern ausgesetzt und hielt ganze 34 davon! Das macht eine Quote von über 50 Prozent gehaltener Elfmeter. Ein sehr beeindruckender Wert, vor allem wenn man beachtet, dass zusätzlich nur elf der jüngsten 23 Strafstöße gegen den Bochumer Keeper verwandelt werden konnten. Die Paradedisziplin von Riemann ist damit also klar. Aber wie hat sich der heute 35-Jährige überhaupt dahin entwickelt? 

Im Alter von vier Jahren steht Riemann das erste Mal mit Fußballschuhen auf dem Rasen. Gleich viermal in der Woche hieß es unter Leitung von Opa Hans: Training. Am Wochenende wurde selbstredend noch gespielt und damit stand der Torhüter seither mindestens fünf Tage die Woche auf dem Trainingsplatz. Über zwei Jugendvereine in Bayern wechselte er 2003 in den Nachwuchs von Wacker Burghausen. Sein Profidebüt feierte der gebürtige Oberbayer in der Zweitliga-Saison 2006/07 – die Spielzeit, in der die Schwarz-Weißen abstiegen. Riemann avanvierte schließlich zum Stammtorhüter in der Regionalliga Süd. In der darauffolgenden Saison sollte wohl dann auch das spannendste Spiel seiner Karriere auf ihn warten: 2007, DFB-Pokalspiel gegen den FC Bayern München. 120 Minuten plus Elfmeterschießen. Und obwohl das Spiel mit 4:5 verloren ging, parierte Riemann gleich zwei Elfmeter und verwandelte als damals 18-Jähriger sogar selbst gegen Torwartikone Oliver Kahn. „Ich habe mir die Szene danach noch oft angeschaut, ein Blick in seine Augen hat verraten: Egal, in welche Ecke der entscheidende Elfmeter geschossen wird, er hält ihn. Da bekomme ich heute noch Gänsehaut“, berichtete Riemann später in einem Interview mit der Akademie für Fußballkunst. Genau aus diesem Grund, diesem puren Willen und dem Ehrgeiz, den Oliver Kahn damals zwischen den Pfosten an den Tag legte, wurde er für den Bochumer Keeper zum Vorbild. Riemann: „Ich glaube, man sieht es mir an, wenn ich manchmal ausraste. Diesen Willen, immer gewinnen zu wollen, habe ich mir ein stückweit von ihm abgeschaut.“

Seine Karriere ging schließlich beim VfL Osnabrück weiter, bei dem Riemann in seiner zweiten Saison dort zur Nummer ein im Tor wurde. Sein erstes Spiel für die Lila-Weißen machte er sogar gegen den SV Darmstadt 98 und gewann mit seiner Mannschaft mit 1:0 – in der Drittliga-Saison 2011/12 war das. Nach zwei anschließenden Jahren in Sandhausen, kam dann 2015 der Wechsel zum VfL Bochum. Seitdem ist der Ruhrpott sein neues Zuhause. Und mit dem Aufstieg in der Saison 2021/22 erfüllte sich Riemann etwas ganz Großes. „Es war mein Lebenstraum. Ich bin einer von nur wenigen 36 Torhütern in der ersten und zweiten Liga, der seit über acht, neun Jahren ununterbrochen Stammtorwart ist. Darauf bin ich stolz“, verdeutlichte der Bochumer in einem Interview mit der Bild-Zeitung. Mit mittlerweile 35 Jahren hat Riemann aber auch schon einen Plan für die Zeit nach der Karriere. „Ich möchte dem Fußball erhalten bleiben. Ich habe schon ein paar Trainer-Lehrgänge gemacht. Seit zwei, drei Jahren beschäftige ich mich intensiv mit dem Trainer-Beruf. Das ist nicht immer einfach für unseren Trainer, weil ich manchmal schon wie einer denke“, sagte er schmunzelt.  

Foto: DFL/GettyImages/Christian Kaspar-Bartke

Blick in die Vitrine

  • Zweitligameister: 20/21, 05/06, 95/96, 93/94
  • Westdeutscher Pokalsieger: 67/68

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