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13.12.2023 / Profis

VfL Wolfsburg im Gegnercheck

Mit der Kugel am Fuß läuft Grafite auf den gegnerischen Sechzehner zu, lässt Bayerns Abwehr einfach stehen. Der brasilianische Stürmer dribbelt sogar den Torwart aus und vollendet schlussendlich auch noch mit der Hacke. Es ist das Jahrhunderttor gegen den FC Bayern München. Ein Sinnbild für das Jahr der Superlative beim VfL Wolfsburg. Saison 2008/09. Der Brasilianer wird zusammen mit seinem kongenialer Sturmpartner Edin Dzeko zur Wolfsburger Ikone. Den Rekordmeister vorgeführt und am Ende der Saison die Sensation perfekt gemacht. Der erste Meistertitel in der Vereinsgeschichte.

Jubelbild der Wolfsburger Mannschaft beim Spiel gegen Werder Bremen
Foto: DFL/Getty Images/Oliver Hardt

Seit der Saison 1997/98 zählt der VfL Wolfsburg zu den festen Größen in der Bundesliga und gehört zu den sieben Klubs, die bisher noch nie aus der höchsten deutschen Spielklasse abgestiegen sind. Im damaligen Duell mit dem 1. FSV Mainz 05, der ebenfalls mit einem Sieg den Aufstieg hätte feiern können, behaupteten sich die Wolfsburger Ende der 1990er Jahre mit einem knappen, aber durchaus spektakulären 5:4-Sieg.

Die Bundesliga bot den Wölfen eine Palette von Herausforderungen, angefangen von Meisterschaftsambitionen bis hin zum Abstiegskampf. In den ersten Jahren nach dem Aufstieg etablierte sich die Mannschaft souverän in der deutschen Eliteklasse. Etwa ein Jahrzehnt später leiteten Grafite und Edin Dzeko die glorreichste Ära des Vereins ein, in der die Niedersachsen sich 2009 überraschend zum Deutschen Meister krönten. Das Sturmduo stellte mit insgesamt 54 Toren einen neuen Rekord auf und übertraf damit die Marke von Gerd Müller und Uli Hoeneß aus der Saison 1971/72 (53 Tore). In den darauffolgenden Jahren schwankte die Leistung und der VfL platzierte sich mal im unteren und mal im oberen Mittelfeld der Bundesligatabelle.

Die Saison 2014/15 markierte derweil einen weiteren historischen Moment für den Verein als die Truppe aus der Autostadt erstmals in der Vereinsgeschichte den DFB-Pokal und den Supercup gewann. Zusätzlich sicherte sich der Verein durch die Vize-Meisterschaft einen Platz in der Champions League. Hoch hinaus ging es aber nicht immer für die Wölfe. So bewahrte sich der VfL in der Relegation 2016/17 und 2017/18 gegen Eintracht Braunschweig und Holstein Kiel nur knapp vor dem Abstieg in die 2. Bundesliga.

Gegenwart. Die jüngsten Spiele verliefen für die Wölfe derweil nicht wie erhofft. Mit acht Niederlagen aus 14 Spielen finden sie sich derzeit mit 16 Punkten auf dem 12. Tabellenplatz wieder. Zudem stotterte der VfL-Motor in dieser Spielzeit, wenn er außerhalb der heimischen Autostadt liefern musste. Die letzten sechs Auswärtsspiele gingen allesamt verloren. Jetzt geht’s ans Merck-Stadion am Böllenfalltor. Wir nehmen den kommenden Gegner des SV Darmstadt 98 genauer unter die Lupe.

Der Trainer

Niko Kovac wird weithin als einer der aufrichtigsten Persönlichkeiten im deutschen Fußball betrachtet. Wenn ihm etwas missfällt, sagt er es gerade heraus. Anstatt sich zu verstellen, zieht er es vor zu schweigen. Der in Berlin geborene Trainer verkörpert Aufrichtigkeit und Ehrlichkeit. Und er ist bekannt für seine klaren Überzeugungen von Anstand und Moral.

Jedoch wäre Niko Kovac nicht der Mensch, der er ist, ohne seinen Bruder Robert. „Wir sind Brüder. Im Grunde haben wir unser ganzes Leben nicht nur außerhalb des Spielfelds miteinander verbracht, sondern auch auf dem Spielfeld. Wir sind, wie man es in Kroatien sagen würde, wie Finger und Fingernagel. Wir gehören zusammen. Man bekommt uns eigentlich nur im Paket“, beschrieb der Cheftrainer des VfL Wolfsburg die Beziehung zu seinem drei Jahre jüngeren Bruder gegenüber „Wölfe TV“. Die Geschichte dieses Geschwisterpaares ist besonders.

Beide Brüder entwickelten schon früh eine Begeisterung für Fußball und sind bis heute unzertrennlich. Die Berliner Schule, genauer gesagt das Aufwachsen im Ortsteil Wedding, ebnete den Weg für die Brüder. „Für uns als Kinder gab es keine Nationalitäten, keine Grenzen. Entweder warst du ein feiner Kerl – oder eben nicht“, erinnerte sich Niko Kovac in einem Gespräch mit der Berliner Zeitung. Nachdem sie bereits in ihrer Jugend zusammen gespielt hatten, schlossen sie sich 1996 der Werkself an. Reiner Calmund holte Niko aus Berlin und Robert aus Nürnberg in den Westen Deutschlands. Dort waren sie drei Jahre lang vereint. Zwei Jahre später trafen sich die Brüder wieder beim FC Bayern. Auch für die kroatische Nationalmannschaft spielten die Geschwister gemeinsam und nahmen an den Weltmeisterschaften 2002 und 2006 sowie an den Europameisterschaften 2004 und 2008 teil.

Nachdem Robert Kovac im Jahr 2010 seine Fußballkarriere in Zagreb beendete, legte Niko Kovac seine eigenen Fußballschuhe in Salzburg ab. Dort begann er 2009 seine Trainerlaufbahn – zunächst in der Jugend und dann als Assistent bei den Profis. Aus diesem Grund bezeichnet der Kroate die österreichische Stadt gerne als seine zweite Heimat. Im Jahr 2013 folgte der heute 52-jährige Niko dem Ruf Kroatiens und übernahm die Position des U21-Coaches im Nationalteam. Allerdings benötigte er dafür einen Co-Trainer. Robert, der, wie er einst in Frankfurt verriet, „nicht unbedingt Trainer werden wollte“, erkannte, wie sehr ihm der Fußball fehlte, der „immer ein Teil seines Lebens war“. So nahm er den Posten auf der Trainerbank neben seinem Bruder ein. Damit war die Wiedervereinigung perfekt und der Grundstein für ein unzertrennliches Trainer-Duo gelegt. Seitdem wurde Niko bei jeder seiner Trainerstationen von seinem jüngeren Bruder begleitet.

„Robi ist mein Bruder, mein Freund, mein Co-Trainer und mein zweites Auge. Er beobachtet sehr viel, sieht sehr viel und gibt mir wichtige Impulse. Viele würden denken, dass wir zu 100 Prozent gleich sind. Ich würde sagen, wir sind zu 90 Prozent verschieden. Wir haben unterschiedliche Meinungen, und es gewinnt immer der, der die besseren Argumente hat“, erzählte Wolfsburgs Cheftrainer in einem Interview mit „Wölfe TV“. Dennoch haben die beiden nicht vor, eine Männer-WG zu gründen. Zwar teilten sie vorübergehend in Monaco ein Apartment, doch Robert fand später eine eigene Wohnung. Offensichtlich war die Kovac-WG keine langfristige Lösung für die Zukunft. „Ich teile mein Bett nur mit meiner Frau“, stellte Niko mit einem Schmunzeln gegenüber der Bild klar.

Über Kroatien nach Frankfurt, zu den Bayern nach München und über die AS Monaco zum VfL Wolfsburg. Niko und Robert Kovac verlangen bei der Arbeit viel von ihren Fußballern. Trotzdem ist es Niko Kovac wichtig die Menschlichkeit in den Vordergrund zu stellen. „Früher gab es einen Diktator als Trainer, der alles entschieden hat, heute muss man ganz anders mit den Spielern umgehen“, hielt er im Interview mit der Frankfurter Rundschau fest.

Foto: Eibner-Pressefoto/Bahho Kara

Transfermarkt

Top-Neuzugänge Top-Abgänge
Lovro Majer (25, Stade Rennes) Micky van de Ven (22, Tottenham Hotspur)
Joakim Maehle (26, Atalanta Bergamo) Felix Nmecha (23, Borussia Dortmund)
Moritz Jenz (24, FC Lorient) Omar Marmoush (24, Eintracht Frankfurt)
Vaclav Cerny (26, Twente Enschede) Paulo Otávio (29, Al-Sadd SC)
 Tiago Tomás (21, Sporting Lissabon) Marin Pongracic (26, US Lecce)

Prunkstück

Niko Kovac ist bekannt für seine anspruchsvollen Trainingseinheiten, die durchaus mal bis zu drei Stunden auf dem Platz dauern können. Daher überrascht es kaum, dass der VfL Wolfsburg ligaweit mit Abstand die meisten intensiven Läufe verzeichnet. Insgesamt stehen beeindruckende 11.182 dieser Läufe zu Buche. Zum Vergleich: Der FC Bayern findet sich in dieser Statistik auf dem 18. Platz mit 8.538 Läufen wieder. Die grün-weißen Spieler scheuen offensichtlich kein Laufduell. Auch hinsichtlich der Anzahl der Sprints rangiert der VfL derzeit auf dem zweiten Platz (3.367), knapp hinter dem 1. FC Heidenheim (3.539).

Die Wolfsburger setzen damit die Erfolgsgeschichte der vorherigen Saison fort. Mit 26.986 intensiven Läufen und 9.096 Sprints führten sie auch in der Spielzeit 2022/23 die Liga an. Zusätzlich gibt es in den Reihen der Wolfsburger einen gewissen Jonas Wind, der derzeit als Lebensversicherung des VfL gilt. Der 1,90 Meter große Stürmer hat in 14 Bundesligapartien bereits neunmal für die Wölfe getroffen und ist zusammen mit Mattias Svanberg Top-Vorlagengeber der Mannschaft. Wind erzielt besonders gerne Doppelpacks wie gegen Heidenheim, Köln und Frankfurt. Ob mit rechts, links oder per Kopf – Wind trifft in dieser Saison nach Belieben. Im Winter 2022 vom FC Kopenhagen gekommen, benötigte der Stürmer zwar etwas Anlaufzeit, ist aber in dieser Saison vollständig in Wolfsburg angekommen.

All Eyes on ...

„Für mein großes Ziel, Profifußballer zu werden, habe ich alles gegeben. Während meine Freunde damals abends in den Club gingen, übte ich mit meinem Vater im Garten das Passspiel. Das hat im Alter von 15, 16 Jahren wehgetan und ich habe damals viele Freunde verloren“, erinnerte sich Ridle Baku an seine Wegbereitung für eine Karriere im Profifußball im Gespräch mit „Autostadt stories“. Doch die Anstrengungen beim Training mit seinem Vater haben sich gelohnt. Heute ist er als vielseitiger Anpassungskünstler auf der rechten Außenbahn aus dem Wolfsburger Spiel nicht mehr wegzudenken.

Bote Nzuzi Baku wuchs gemeinsam mit seinem Zwillingsbruder Makana Baku unter einem „fußballverrückten“ Vater auf, wie er der Süddeutschen Zeitung einst verriet. Insbesondere war sein Vater fasziniert von Karl-Heinz Riedle und Rudi Völler. Daher entschied er sich, seine beiden Söhne einfach Ridle und Rudi zu nennen – und so entstand ein Spitzname. Den Namen „Ridle“ ließ sich Bote Nzuzi Baku vor einigen Jahren sogar offiziell in seinen Personalausweis eintragen.

Der 25-Jährige ist ein bodenständiger, selbstreflektierter Typ, der fernab von sportlichen Träumen den Fußball und die Reichweite nutzen möchte, um sich zu engagieren, wie er einst gegenüber dem Magazin-Portal Stadtglanz bekräftigte: „Ich möchte mich nicht nur als Fußballspieler weiterentwickeln, sondern auch als Mensch. Ich möchte zeigen, dass ich nicht nur Fußball spielen, sondern auch anderen Menschen helfen und positive Veränderung bewirken kann. Das ist ein Weg, den ich einschlagen will.“

Aus diesem Grund engagiert sich Ridle Baku auch als Botschafter für die Stiftung „Fußball trifft Kultur“, die die soziale Kraft des Fußballs mit Förderunterricht an Schulen verknüpft. Als Kind, das mit sechs Geschwistern aufwuchs, kann Baku aus eigener Erfahrung sprechen. Seine Familie ist sein größter Rückhalt. „Es gab Zeiten, in denen meine Brüder und ich bei drei verschiedenen Vereinen spielten, und mein Vater musste schauen, wie wir alle wieder nach Hause kommen. Da musste auch das ein oder andere Mal meine Schwester einspringen“, gestand er im Podcast mit Say Less: „Ich bin meinen Geschwistern auch unfassbar dankbar, dass sie ihre eigene Zeit für mich geopfert haben, nur damit ich zum Training gehen konnte.“

Der deutsch-kongolesische Fußballspieler verbrachte seine gesamte Jugend beim 1. FSV Mainz 05. Unter Trainer Sandro Schwarz gelang ihm der finale Schritt in den Profi-Fußball und damit in die Bundesliga. Die Mainzer steckten damals, 2018 war das, tief im Abstiegskampf fest und mussten einige Personalausfälle verkraften, die dem jungen Baku jedoch zu seinem Glück verhelfen sollten. Als der Anruf des Cheftrainers kam, befand sich Baku gerade auf dem Weg zum Spiel der U23, wurde dann spontan an einer Raststätte an der A5 rausgelassen und vom sich auf dem Weg nach Leipzig befindlichen Mannschaftsbus der Profis eingesammelt. So kam es, dass sich Baku plötzlich in der Mainzer Mittelfeldzentrale neben Nigel De Jong wiederfand, sogar ein Tor schoss und Mainz mit drei Punkten wieder nach Hause fuhr. Eine Woche später traf Baku erneut, damals vor 82.000 Zuschauern in Dortmund. Für Mainz bedeutete das den Klassenerhalt. Und für den damals 18-Jährigen war der Schritt in den Profi-Fußball geschafft.

Wie es der Zufall wollte, sollte Ridle Baku auch zwei Jahre später erneut von personellen Ausfällen profitieren. Im Jahr 2020 wechselte der gebürtige Mainzer zu den Wölfen nach Niedersachsen. Nach einigen Spielen beim VfL folgte überraschend die Nominierung für die DFB-Auswahl. Jogi Löw fehlten zu diesem Zeitpunkt einige Spieler, weshalb Baku nachberufen wurde und gegen Tschechien sein Debüt im Trikot der deutschen Nationalmannschaft absolvieren durfte. Und der Rest? Geschichte. Als Botschafter, U21-Europameister, viermaliger A-Nationalspieler und Stammkraft bei den Wölfen befindet sich Ridle Baku im besten Fußballeralter auf aufsteigendem Ast.

Foto: Eibner-Pressefoto/Uwe Koch

Blick in die Vitrine

  • Deutscher Meister: 08/09
  • Deutscher Pokalsieger: 14/15
  • Deutscher Supercupsieger: 14/15
  • Landespokal-Niedersachsen-Sieger: 61/62

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